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Bad Ischl wird 2024 Kulturhauptstadt Europas – was heißt das für Hannover?

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14:23 13.11.2019
Anziehungspunkt und Problemfeld: Die Kaiservilla in Bad Ischl spielt in der erfolgreichen Bewerbung des Ortes eine wichtige Rolle.| Quelle: Matthias Röder/dpa
Hannover

Die Entscheidung ist gefallen: Bad Ischl im österreichischen Salzkammergut wird eine der Europäischen Kulturhauptstädte 2024. Das estnische Tartu und Bodø in Norwegen stehen schon länger als Titelträger fest. In Österreich hatten sich ursprünglich 17 Städte für den Titel interessiert. Tatsächlich beworben hatten sich am Ende drei Kandidaten, die auch alle von der international besetzten Jury in die zweite Runde geschickt wurden. Am Dienstag rief die portugiesische Soziologin Cristina Farinha als Vorsitzende des Gremiums den kleinen Alpenkurort zum Sieger aus, der sich zusammen mit 20 umliegenden Gemeinden beworben hatte.

Entscheidung über deutsche Bewerber fällt bald

Auch in der Frage, welche deutsche Stadt ein Jahr darauf den Titel einer Kulturhauptstadt 2025 tragen wird, gibt es bald Bewegung: In genau vier Wochen wird der Kreis der derzeit acht Bewerber, zu denen auch Hannover gehört, auf eine kleinere Gruppe reduziert, die dann in eine zweite Bewerbungsrunde geht. Wer auf dieser Shortlist steht, wird am 12. Dezember in Berlin verkündet.

Kreativer Umgang mit der eigenen Geschichte: In Bad Ischl wird der Geburtstag von Joseph I. mit historischen Kostümen gefeiert. Quelle: Christian Bruna/dpa

Entschieden wird das im Wesentlichen von denselben Personen, die nun auch in Österreich die Wahl getroffen haben: Zehn der insgesamt zwölf Jurymitglieder werden nicht ausgetauscht. Zu den bisherigen internationalen Juroren stoßen nur noch zwei neue deutsche Juroren. Es liegt also durchaus nahe, sich anhand der Entscheidung für Bad Ischl auch die Chancen für Hannover auszurechnen.

Auffällig ist etwa, dass sich die Jury offenkundig nur wenig um nationales Proporzdenken kümmert. Nach den beiden Kulturhauptstädten Graz (2003) und Linz (2009) ist mit Bad Ischl zum dritten Mal ein Ort aus Oberösterreich, beziehungsweise der Steiermark zum Zug gekommen. Auf Bundesebene hatte man unter anderem deshalb das niederösterreichische St. Pölten recht offen favorisiert – die Jury hat sich nicht darum gekümmert. Der in Deutschland sehr präsente Gedanke, dass 2025 eine Stadt aus dem Osten an der Reihe sein müsste, spielt bei den Juroren also möglicherweise eine untergeordnete Rolle. Das könnte ein Vorteil für Hannover sein.

Salz und Wasser, Rosen und Rüben

Das Konzept der Bewerbung aus Bad Ischl ähnelt allerdings eher den Plänen anderer Bewerber. Das Motto „Salz und Wasser“ erinnert stark an die „Rosen und Rüben“, mit denen man jetzt in Hildesheim punkten will. Bad Ischl ist (wie die beiden nordischen Kulturhauptstädte 2024) ein kleiner Ort. Mit einer bewusst provinziellen Bewerbungsstrategie hat man teils selbstironisch auch Defizite wie Landflucht in den Mittelpunkt gestellt. In Deutschland spielen nun Hildesheim und Zittau mit dem Status des Underdogs.

Die genaue Begründung für ihr Urteil wird die Jury zwar erst in rund drei Wochen vorlegen, die Vorsitzende Farinha lobte Bad Ischl aber bereits bei der Bekanntgabe am Dienstag die Auseinandersetzung mit dem Problem des „Übertourismus“. Wegen seiner alpinen Kulisse und seiner nostalgischen Geschichte als Sissi- und Kaiserstadt kommen immer mehr Besucher in den Ort, der immer weniger Einwohner hat. Als Kulturhauptstadt will Bad Ischl beispielhaft auch für andere Orte Vorschläge erarbeiten, wie man dieses Missverhältnis auflösen kann.

Mittel gegen Übertourismus

Übertragbare Lösungen für konkrete Probleme vor Ort: In seiner Bewerbung hat sich Hannover sich von dieser erprobten und jetzt wieder erfolgreichen Strategie abgesetzt. Hier will man die jüngste Geschichte der Kulturhauptstädte, die mehr noch als von Stadtentwicklung von einer besseren Vernetzung von Stadt, Land und Region erzählt, nicht fortschreiben. Statt eigene Defizite mit europäischer Hilfe zu lösen, nimmt die selbstbewusste hannoversche Bewerbung globale Probleme in den Blick. Das ist zumindest eine Abwechslung im Programm der Kulturhauptstädte. Darauf hat es die Jury bisher nicht angelegt – allerdings hat sich zuletzt auch keine Stadt so offensiv darum bemüht wie Hannover. Gut möglich, dass die Juroren hier eine Entwicklungschance sehen könnten.

Das Rennen um den Titel

Acht deutsche Städte haben sich um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2025 beworben: Hannover, Hildesheim, Dresden, Chemnitz, Zittau, Gera, Magdeburg und Nürnberg. Alle haben bereits ihr erstes Bewerbungsschreiben, das Bid Book eingereicht. Am 10. und 11. Dezember müssen alle Teams ihr Konzept vor der Jury vorstellen und Fragen dazu beantworten. Am 12. Dezember wird verkündet, wer in die zweite Runde kommt. Der Sieger wird in einem Jahr präsentiert. 2025 stellen Deutschland und Slowenien die Kulturhauptstädte. In Slowenien haben sich sechs Städte beworben.

Von jetzt an werden sich die Juroren intensiv mit den Bid Books der deutschen Bewerber beschäftigen, die sie vor Kurzem erhalten haben. Offensichtliche Blößen haben sich dem Vernehmen nach bislang weder Hannover noch die sieben Mitbewerber Hildesheim, Nürnberg, Gera, Magdeburg, Chemnitz, Dresden und Zittau gegeben: Alle Bewerbungen sind formal korrekt. Das Feld bleibt stark, das Rennen spannend.

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