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Ballhof: „Nackt über Berlin“ von Axel Ranisch

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10:43 10.11.2019
Zarte Berührungen: Szene mit Fabian Felix Dott und Nikolai Gemel. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

Jugendliche sehen manches schärfer als Erwachsene. Pubertierende etwa haben ein sehr feines Gespür für falsche Töne, falsche Gesten und falsche Gefühle. Sie sind Experten in Sachen Peinlichkeit. Vor ihnen können sich viele Erwachsene leicht nackt fühlen. In Matthias Ripperts Inszenierung von „Nackt über Berlin“, einem Roman über Schüler und Lehrer von Axel Ranisch, sind alle Personen nackt. Jedenfalls fast. Johanna Lakner hat alle Darsteller in hautfarbene Strickoveralls gesteckt, die deutlich die primären und sekundären Geschlechtsteile betonen. Das wirkt auf den ersten Blick komisch und auf den zweiten genial.

Denn so, der Alltagskleidung entledigt, sehen die Darsteller auch wie Mitwirkende eines antiken Chors aus. Und das passt zum Stoff, der durchaus die Wucht einer griechischen Tragödie hat. Ranisch erzählt nicht eine, sondern gut fünf Geschichten, die alle Grundlage eines kleinen oder großen Fernsehspiels sein könnten. Und immer geht es ums Große: Schuld, Rache, ein Geheimnis, eine Leidenschaft. Der Autor beherrscht Handlung und Spannung – seine Schule war aber nicht das Theater, sondern das Fernsehen. Axel Ranisch hat an der Filmuniversität Babelsberg Regie studiert und schreibt Drehbücher. „Nackt über Berlin“ ist sein erster Roman. Im vergangenen Jahr wurde eine Theaterfassung davon in Halle uraufgeführt, weitere Aufführungen müssten – wenn die Theater an vollen Häusern interessiert sein sollten – eigentlich folgen.

Eine großartige Tragödie

Ranisch erzählt von zwei Schülern, die ihren besoffenen Schuldirektor auf der Straße auflesen und die Gelegenheit nutzen, ihn in seinem eigenen 46 Quadratmeter großen Appartement einzusperren. Das funktioniert, weil sich einer der Schüler sehr gut mit Computern auskennt. Von einer leerstehenden Nachbarwohnung aus kontrolliert er die Sicherheitstechnik, die Strom- und Wasserversorgung und die Kommunikation mit dem Lehrer.

Auftritt der Eltern: Szene mit Lukas Holzhausen und Viktoria Miknevich. Quelle: Katrin Ribbe

„Nackt über Berlin“ ist eine großartige Tragödie: Fast alle machen sich schuldig, schreckliche Taten der Vergangenheit werden offenbart, die Helden manövrieren sich in Situationen, aus denen sie eigentlich nur noch der Tod erlösen kann. Das Böse, das durch böse Taten entsteht oder durch Schweigen, ist immer ganz nah.

Das ist ganz erstaunlich: Tragödie funktioniert. Heute. Mit Geschichten von Schülern und Lehrern aus Berlin. Und dann auch noch im Rahmen des Jungen Schauspiels, das vor allem auf ein junges Publikum zielt. Diese Inszenierung aber sehen nicht nur Schüler und Studenten mit Gewinn, sondern auch Lehrer, Eltern und überhaupt alle, die ein bisschen Leidenschaft fürs Theater haben.

Wunderbare Schauspieler sind hier zu sehen: Nikolai Gemel und Fabian Dott als die beiden Schüler, die Nähe suchen und Klarheit; Mathias Max Herrmann als Lehrer, der verzweifelt versucht, seine Haut zu retten, Lukas Holzhausen als verführbarer, immer den einfachen Weg wählender Kollege, Viktoria Miknevich als Vertrauenslehrerin und Carolin Knab in der Rolle der Schülerin, deren Freitod die Handlung erst in Gang setzt. Alle könnten auch Parodien abliefern, aber keiner und keine tut es.

Der Lehrer (Mathias Max Herrmann) auf der Videowand. Quelle: Katrin Ribbe

Der Tod ist ganz nah

Dass die Inszenierung zweieinhalb Stunden lang hochspannend bleibt, hängt auch mit dem grandiosen Bühnenbild von Fabian Liszt zusammen. Der geht mit dem schwierigen Raum (im Ballhof kann kein Teil des Bühnenbildes nach oben gezogen oder nach unten versenkt werden) sehr souverän um: Er hat die Fassade des Gymnasiums auf den Boden gelegt. Das ist großartig: einerseits, weil es hier immer auch um das Spiel mit Fassaden geht, andererseits, weil die Zuschauer stets die Perspektive der Schülerin einnehmen, die von dort oben in den Tod gesprungen ist. Der Tod ist ganz nah – wie das eben so ist in einer Tragödie.

Diese mutige, spannende, intelligente, überraschende und unterhaltsame Inszenierung, die am Ende mit begeistertem Applaus gefeiert wurde, ist auch eine Demonstration dessen, was Theater heute kann und wozu es gut ist.

Die nächsten Vorstellungen sind am 15. und 21. November sowie am 1. Dezember im Ballhof.

Von Ronald Meyer-Arlt

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