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Chor.com und Musiktage: Der Tenebrae Choir in Hannover

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15:04 15.09.2019
Nigel Short leitet den Tenebrae Choir bei den Niedersächsischen Musiktagen in der Marktkirche. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Die Stille nach dem Verklingen des letzten Tons währt eine kleine Ewigkeit. 15, vielleicht 20 Sekunden lang wagt das Publikum in der bis auf den letzten Platz gefüllten Marktkirche kaum zu atmen. Innerlich klingen die zauberhaft-meditativen Ostinati aus dem Schlussteil noch nach. Doch dann hält es jemand ganz hinten nicht mehr aus und bricht den Bann: Es gibt minutenlange stehende Ovationen für das, was Nigel Short und sein Tenebrae Choir in den 75 Minuten zuvor geleistet haben.

10.000 Besucher bei der Chor.com

Der ehemalige King’s Singer und sein 18-köpfiges A-cappella-Ensemble, die auf gemeinsame Einladung der Niedersächsischen Musiktage und der Chor.com – die am Wochenende 10.000 Konzertbesucher angezogen hat – in Hannover zu Gast sind, haben die Zuhörer auf eine musikalische Pilgerreise von Roncesvalles bis nach Santiago de Compostella mitgenommen. Allerdings eine Reise abseits jener Romantismen, die in jüngerer Zeit die Vorstellungen vom Jakobsweg prägen. Wer sich mit Tenebrae auf den Weg macht, der erleidet die Dunkelheit, die Ängste, die Zweifel der Pilger aus alten Zeiten, wird im Gebet geläutert und schließlich mit dem Ankommen in Santiago erlöst.

Der Tenebrae Choir begeistert bei den Niedersächsische Musiktagen in der Marktkirche. Quelle: Samantha Franson

 „Path of Miracles“, wie das Werk im Original heißt, ist ein Auftragswerk des Ensembles. Der Brite Joby Talbot hat es 2005 für 17-stimmigen gemischten Chor und Crotales – ein Schlagwerk aus kleinen Bronze- oder Messingscheiben – geschrieben. Die vier Sätze sind nach Orten der Pilgerreise auf dem spanischen Jakobsweg benannt und geben unterschiedliche Stimmungen der Reisenden wieder: vom religiösen Enthusiasmus beim Aufbruch über das Klagen angesichts der schwierigen Bedingungen des Weges bis hin zum ekstatischen Jubel, als den Wanderern das Ziel vor Augen steht.

Nahe an der Perfektion

Musikalisch scheint das, was das Publikum zu hören bekommt, mitunter nicht von dieser Welt zu sein. So beginnt das Werk mit einem in Glissandi langsam aufsteigenden Klang, der dem Gesang der Bunun, eines indigenen taiwanesischen Volkes, nachempfunden ist. Das anfängliche Murmeln steigert sich schließlich zu einem vielfarbigen Oberton-Chant. Diese kraftvollen Töne stehen in Widerspruch zu den feinen, sphärischen, mal an Debussy, mal an Gregorianik erinnernden Klängen, die dieselben Sänger mit denselben Stimmen an anderen Stellen des Werkes produzieren.

Intonation, Präzision, Homogenität sind ohnehin Themen, die bei diesem Chor überhaupt nicht zur Debatte stehen. Wenn es so etwas wie Perfektion im A-cappella-Livegesang gibt, dann ist der Tenebrae Choir verdammt nah dran.

Immer schön lächeln

Einen kleinen Einblick in seine Arbeit gibt Nigel Short am Vormittag nach dem Konzert im Rahmen eines Chor.com-Workshops. Er probt mit den gut 50 Teilnehmern vier Kostproben aus dem Tenebrae-Repertoire: drei vierstimmige Renaissance-Stücke und eine moderne sechsstimmige Komposition von Bob Chilcott. Hier wird vom Blatt gesungen, und Short kommentiert das Ergebnis und gibt konkrete Tipps für die praktische Arbeit im Ensemble. Der typische Tenebrae-Sound, erklärt er, entsteht vor allem dadurch, dass die Sänger beim Singen quasi lächeln: Indem sie die obere Wangenmuskulatur einsetzen, werden die gesungenen Vokale heller und strahlender.

Ein weiteres Geheimnis ist das gemeinsame Timing. „Ich habe in all den Jahren noch nicht einmal zu meinem Chor gesagt, er solle nach meinem Schlag singen“, verrät der Dirigent. „Sie müssen beim Atmen aufeinander hören, nicht nur am Anfang des Stückes, sondern bei jeder Phrase. So setzen sie perfekt zusammen ein.“ Wichtig sei zudem der Mut zu Variationen im Klang. „Lassen Sie sich immer vom Text führen. Glauben Sie an das, was Sie singen. Und wenn es ein tragischer oder aggressiver Text ist, darf man das hören.“

Sängerische Inspiration

 Als Short nach gut einer Stunde konzentrierten Arbeitens fragt, ob eine Pause gewünscht sei, verneint sein temporärer Chor unisono. Zu kurz ist die Zeit mit diesem besonderen Künstler, zu viel Wissen gibt es aufzusaugen. Nach 95 Minuten aber ist Schluss: Der Dirigent muss zum Flieger. Die sängerische Inspiration, die diese Probe mit ihm geweckt hat, wird jedoch nachwirken – in Hannover und überall dort, wohin die Teilnehmer heute Abend zurückkehren.

Am Sonntag, 29. September, 17 Uhr, ist im Abschlusskonzert der Niedersächsischen Musiktage Julia Wolfes Oratorium „Anthracite Fields“ unter anderem mit dem NDR Chor und dem New Yorker Ensemble Bang on a Can zu erleben.

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Von Juliane Moghimi

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