Christoph Waltz inszeniert Beethovens „Fidelio“ mit Nicole Chevalier
Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Region Christoph Waltz inszeniert Beethovens „Fidelio“ – Premiere im Internet
Nachrichten Kultur Region

Christoph Waltz inszeniert Beethovens „Fidelio“ mit Nicole Chevalier

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:44 22.03.2020
Im Mittelpunkt der Inszenierung – und doch keine strahlende Heldin: Nicole Chevalier als Fidelio/Leonore. Quelle: Monika Rittershaus
Anzeige
Wien

Zwei Produktionen von „Fidelio“, der einzigen Oper des Komponisten, sollten die glanzvollen Höhepunkte des aktuellen Beethoven-Jahres werden. In London konnte die Premiere einer Inszenierung des deutschen Regisseurs Tobias Kratzer mit Startenor Jonas Kaufmann Anfang des Monats gerade noch rechtzeitig vor der Corona-Krise über die Bühne gehen. In Wien dagegen, wo der Schauspieler und Oscar-Preisträger Christoph Waltz das Stück in Szene gesetzt hat, musste die Premiere kurzfristig abgesagt werden.

Deshalb hat man sich dort nun für einen ungewöhnlichen Schritt entschieden: Aus Mitschnitten der letzten Proben im Theater an der Wien – dem Haus, an dem „Fidelio“ auch uraufgeführt wurde – hat man eine Fernsehfassung erstellt, die nun als offizielle Premiere im österreichischen Fernsehen zu erleben war. Gleichzeitig sollte die Produktion weltweit auf der Streamingplattform Myfidelio übertragen werden. Doch das österreichische Klassikportal war dem unerwartet großen Ansturm nicht gewachsen – die Server waren hoffnungslos überlastet, und viele Opernfreunde warteten vor ihren Bildschirmen vergeblich darauf, dass sich der Vorhang in Wien heben würde.

Anzeige
Schauspieler Christoph Waltz hat „Fidelio“ im Theater an der Wien inszeniert. Quelle: Claudio Onorati/dpa

Premiere auf Abruf

Zum Ausgleich für die Panne hat sich der Streamingdienst, den man zwei Wochen lang kostenlos testen kann, nun entschieden, die Aufzeichnung der Oper dauerhaft zur Verfügung zu stellen. Ursprünglich sollte die Premierensendung ein einmaliges Ereignis bleiben. Nun aber kann man den neuen „Fidelio“ jederzeit ansehen.

Überzeitlicher Transitraum: Szene aus „Fidelio“ mit dem Bühnenbild des Architekturbüros Barkow Leibinger. Quelle: Monika Rittershaus

Für hannoversche Opernfreunde ergibt sich so auch die praktische Gelegenheit zu einem Wiedersehen mit der Sopranistin Nicole Chevalier, die zum Ensemble der hiesigen Staatsoper gehörte und vor allem mit ihren Soloauftritten in Benedikt von Peters „La Traviata“-Inszenierung einen sehr starken Eindruck hinterlassen hat.

Neue Hauptrolle für Nicole Chevalier

Chevalier ist nun als Leonore der Mittelpunkt auch in der „Fidelio“-Variante von Christoph Waltz. Die Frau, die ihren widerrechtlich inhaftierten Ehemann befreit, indem sie als Mann verkleidet unter dem Namen Fidelio als Gehilfe des Kerkermeisters anheuert, ist die unangefochten zentrale Figur des Abends. Bei Chevalier, deren Spiel und Gesang auch in der Filmversion ungeheuer intensiv wirken, ist sie allerdings nicht die strahlend mutige Heldin, als die sie im Schlusschor gefeiert wird – sie ist eine hoffnungslos Verzweifelte.

Wenn ihr Gatte Florestan gleich zu Beginn ohne weitere Erklärung die langen Treppen hinab in den Kerker gestoßen wird, werden auch ihr innere Wunden geschlagen, die sich mit seiner Befreiung nicht einfach schließen lassen: Florestan und Leonore sind am Ende kein glückliches wiedervereintes Paar, sondern zwei Versehrte, die jeweils einzeln einen Platz in der aufziehenden neuen Gesellschaft suchen müssen.

Angenehm unspektakulär

Für den Schauspieler Waltz, der mehrfach mit Quentin Tarantino gearbeitet hat und an der James-Bond-Reihe beteiligt war, ist das Stück die dritte Opernregie. Wie zuvor im „Rosenkavalier“ und in Verdis „Falstaff“ setzt er dabei vor allem auf präzise Personenregie. Die Inszenierungen des Hollywood-Stars aus Österreich sind stets auf eine angenehme Weise unspektakulär.

Die Rahmenhandlung von „Fidelio“, die von einer politischen Zeitenwende erzählt und von Regisseuren meist aufwendig um- und ausgedeutet wird, bleibt bei Waltz abstrakt. Dazu trägt auch das Berliner Architekturbüro Barkow Leibinger bei, das eine raumgreifende Treppeninstallation als Bühnenbild entworfen hat: Die Treppen, die wie eine DNA-Kette gewunden sind und kein Anfang und kein Ende zu haben scheinen, markieren einen überzeitlichen Transitraum, der die Handlung nie genau verortet und ihr doch etwas Allgemeingültiges gibt. Der Raum wird in diesem „Fidelio“ zur Zeit: Die finstern Kerker der Feudalherrscher des 18. Jahrhunderts lassen sich darin genauso finden wie die gläsernen Paläste von Unternehmenszentralen der Gegenwart.

Nicole Chevalier in einer Szene aus „Fidelio“ im Theater an der Wien. Quelle: Monika Ritterhaus

Natürliche Dialoge

Die Zeitlosigkeit der Handlung wird auch durch den Umgang mit den oft altmodischen wirkenden Dialogen befördert, die die Handlung zwischen den Musiknummern vorantreiben. Waltz hat anders als viele seiner Kollegen keine neuen Texte eingefügt, sondern beherzt gekürzt und die Opernsänger dazu gebracht, ungewöhnlich natürlich zu sprechen: Hier wird nichts mit dröhnender Stimme aufgesagt, hier wird wirklich gesprochen.

Sehr klar, präzise und natürlich klingen auch die Wiener Symphoniker unter Leitung von Manfred Honeck. Der Dirigent hat sich für die selten gespielte zweite Version der Oper von 1806 entschieden. Insgesamt hat Beethoven drei Fassungen von „Fidelio“ erstellt, meistens ist die letzte von 1814 hören. Honeck findet eine gute Balance zwischen dramatischer Schärfe, die sich mit schroffen Akzenten und starken Dissonanzen ausdrückt, und einem lichten Orchesterklang, der oft an Mozart erinnert und schön die Sänger trägt.

Charme und Schmelz

Neben Nicole Chevalier sind das Eric Cutler als warmer und eleganter Florestan und Christof Fischesser als eloquenter Rocco. Das zweite Paar Marzelline und Jaquino bekommt viel Raum in dieser Fassung der Oper, und Mélissa Petit und Benjamin Hulett wissen ihn mit Charme und Schmelz bestens zu nutzen. Viel Applaus gibt es am Ende statt vom abwesenden Publikum von allen Mitwirkenden, die sich probehalber auf der Bühne versammeln. In der Mitte steht Regisseur Christoph Waltz und dankt allen von Herzen. Man möchte sich ihm anschließen.

  • „Fidelio“ aus dem Theater an der Wien ist derzeit auf Myfidelio abrufbar. Dafür ist eine Registrierung bei dem Streamingdienst erforderlich, eine Probezeit von zwei Wochen ist kostenfrei.

Lesen Sie auch

Von Stefan Arndt