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Region Journalist Deniz Yücel spricht über seine Haft in der Türkei
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Deniz Yücel stellt im Pavillon Hannover das Buch Angstterrorist über seine Haft in der Türkei vor

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19:02 31.10.2019
„Verhaftungen und Anklagen sind die Journalistenpreise eines solchen Systems“: Deniz Yücel (rechts) berichtet im Gespräch mit Moderator Marcus Munzlinger im Pavillon Hannover über seine Haft. Quelle: Navid Bookani
Hannover

Deniz Yücel hat sich das Kulturzentrum Pavillon als Station seiner Lesereise ausdrücklich gewünscht: In der allerersten Veranstaltung der Reihe „book:look – das politische Sachbuch“ stellte er im Jahr 2014 seinen Band „Taksim ist überall“ etwa 60 Besuchern vor. Bei der Veranstaltung zu seinem vor drei Wochen erschienen Buch „Agentterrorist“ hat sich die Zahl auf 600 verzehnfacht.

Präzedenzfall für Pressefreiheit und Menschenrechte

In der Zwischenzeit ist viel geschehen. Der Journalist mit deutscher und türkischer Staatsbürgerschaft war im Februar 2017 in Istanbul inhaftiert worden, nachdem er über die von der Hackergruppe „Redhack“ geleakten E-Mails des türkischen Energieministers Berat Albayrak – Schwiegersohn von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan – berichtet hatte. Wenig später kommt Yücel in Isolationshaft – wegen eines Interviews mit einem PKK-Führer von 2015 wird ihm nun Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung vorgeworfen. In Deutschland lösen die Ereignisse Entrüstung aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte die Freilassung – der Fall Yücel wurde zum Präzedenzfall für Pressefreiheit und Menschenrechte in der Türkei.

Gratulation für die Türkische Republik

Yücel, der seit Februar 2018 wieder auf freiem Fuß ist, mag keine Veranstaltungen, die einem Drehbuch folgen – umso wichtiger ist der Rahmen, den Moderator Marcus Munzlinger setzt, auch wenn der kaum zu Wort kommt. Sein Gast präsentiert sich hemdsärmelig, aber präzise, charmant, aber durchsetzungsfähig. Man ahnt: Es ist kein Zufall, dass er Erdogan ein Dorn im Auge war. Und auch keiner, dass er ihm erhobenen Hauptes entkommen konnte. Der Tag der Lesung fällt auf den Gründungstag der Türkischen Republik im Jahr 1923. Yücel gratuliert aufrichtig, aber kritisch: Trotz aller Mängel und Schwächen bei deren Geburt sei sie besser als alles zuvor – und besser als alle Versuche seither, etwas anderes daraus zu machen.

Erdogans Schutt

Für Intellektuelle sei es in dieser Republik noch nie leicht gewesen. Die Lage verschlechtere sich zurzeit aber stetig. „Verhaftungen und Anklagen sind die Journalistenpreise eines solchen Systems“, sagt Yücel. Aber er begreife es als Aufgabe in seinem Beruf, auch da zu sein, wo es die Mächtigen nicht wollen – und als Aufgabe seiner Staatsbürgerschaft, Demokratie und Menschenrechte zu verteidigen. „Das kann auch heißen, auf die Fresse zu kriegen“, stellt er trocken fest. Erdogans Regime habe seinen Zenit überschritten, ist er sich sicher, fragt aber: „Wie lange wird es dauern, dessen Schutt aufzuräumen?“

„Agentterrorist“ ist Haftprotokoll und Analyse der Türkei

Yücel ist ein unterhaltsamer Berichterstatter, der Dinge beim Namen nennt und zuspitzt, aber sich nichts anmaßt. Sein Buch ist eines über Gefängnisse und das Leben darin geworden, ein Protokoll seiner politisch motivierten Haft, aber auch eines voller Exkurse, Herleitungen und Analysen über den Staat dahinter. Er zeigt das Exemplar von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“, in dessen Zwischenräumen er sein erstes Haftprotokoll nach Deutschland schmuggeln ließ. Und er erzählt von der Notwendigkeit des Schreibens, um sich als Journalist und Mensch zwischen Stillschweigen, Hoffen und Bangen zu behaupten.

Eigenmächtiges Ende

Nach zwei Stunden nutzt Yücel schließlich einen Zwischenapplaus, steht mitten in einem Satz Munzlingers auf und beendet die Lesung eigenmächtig. Der Beifall hält lange an. Yücel tritt ins Licht und legt seine Hände auf die Brust. Eine Geste voller Inbrunst und Menschlichkeit – aber auch mit Wissen um die Bühnenöffentlichkeit.

Mit dieser Mischung hat er wohl letztlich sein Ziel erreicht: nicht nur aus der Haft entlassen zu werden, sondern diese mehr als zwei Jahre später vom türkischen Verfassungsgericht als rechtswidrig erklären zu lassen.

Lesen Sie weiter:

Wie der Fall Yücel die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei veränderte.

Von Thomas Kaestle

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