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16:47 27.03.2019
Neben lauter Zitaten: Walter Dahn in der Kestnergesellschaft vor Arbeiten, die in Kooperation mit Philip Pocock entstanden sind. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Auf den ersten Blick glaubt man den Slogan längst zu kennen – und merkt erst beim zweiten Hinsehen, dass da ja „Make War Not Love“ auf dem Helm steht. Schon der Soldat, der diesen Slogan da drauf gepinselt hat, zitiert damit indirekt und ironisch den altbekannten Friedensappell gegen den Krieg und für die Liebe. Und das ist bei diesem Werk – einer Vereinigung aus übermalter Fotografie und grünlichem Filmstill, aus feinziseliertem Siebdruck und grobem Pinselquast – nur der Anfang einer ganzen Kette von Zitaten. Worauf selbst „Three Records (corrected)“, der Titel dieses Werks von Walter Dahn, durchaus unvollständig verweist.

Denn das Foto mit der teils blutroten, teils schweinchenrosafarbenen Übermalung stammt aus dem Film „Im Jahr der Schweine“, in dem sich der US-Dokumentarfilmer Emile de Antonio 1968 den Vietnamkrieg vorgenommen hat. Das Foto prangt auch auf einem Cover der Band „The Smiths“ von 1985 – damals allerdings mit der Abweichung, dass „Meat is Murder“ auf dem Helm steht. Was wiederum ein Zitat ist – diesmal von Steven Patrick Morrissey. Und nun also, ein halbes Jahrhundert nach 1968, ist das Bild in der Kestnergesellschaft zu sehen – als weiteres Glied in dieser Kette von Zitationen, diesmal mit der Abweichung, dass wieder der alte Kriegsslogan auf dem Helm prangt.

Originalität im Kunstzweifel

In der neuen Kunstschau im alten Goseriedebad ist „Three Records (corrected)“ eine von rund 150 Arbeiten, die Kestnergesellschaftsdirektorin Christina Végh und die Kuratorin Julika Bosch jetzt im Rahmen ihrer großen Walter-Dahn-Retrospektive zeigen. Wie bei dieser Arbeit sind auch bei den meisten anderen die Verweise auf künstlerische Vorläufer offenbar, und selbst der Ausstellungstitel „As Life Travels On“ ist ein Zitat – diesmal aus Eddie Cochrans Song „Three Steps to Heaven“.

Man ahnt: Wer derart dem Modus des Zitierens verhaftet ist, weiß wohl, wie fragwürdig der Anspruch künstlerischer Authentizität, wie oft der Glaube an die eigene Originalität eine Frucht purer Ahnungslosigkeit und dass die Idee einer Kunstschöpfung aus dem reinen Seelengrund des Künstlers in aller Regel ebenso pure Illusion ist. Die Originalität Walter Dahns liegt vielleicht darin, dass er sich dessen mehr als viele andere bewusst ist – und es jedem vor Augen führt, der nachzuforschen bereit ist, wieso ihm in diesem Œuvre so Vieles so vertraut vorkommt.

Revanche des Künstlers

Walter Dahn, Jahrgang 1954, ist ein Grenzgänger zwischen Kunst und Musik. Lange bevor er Kunstprofessor an der HBK Braunschweig wurde, hat er bei Musikprojekten wie „Die Hornissen“, „# 9 Dream“ oder auch „Die Partei“ mitgewirkt. Souverän bewegt er sich zwischen Installation, Malerei und Collage, Spray- und Siebdrucktechniken und bedient sich dabei kenntnisreich kunsthistorischer Vorläufer. Er greift ironisch Honoré Daumiers selbst schon ironischen Kunstzweifel auf, zitiert Lissitzky und Malewitsch, verweist mit Nazistrichmännchen auf Sigmar Polke oder mit einem Foto-Siebdruck auf Josef Beuys, dessen Meisterschüler er in Düsseldorf war – das Werk, das auch an der Außenfassade der Goseriede für die Ausstellung wirbt, trägt im Untertitel den Namen „Black Beuys“.

Und vielleicht liegt in Dahns derart manischem Zitieren ja auch eine Revanche des Künstlers dafür, selbst immer wieder als Beispiel für die sogenannten „Jungen Wilden“ der Achtzigerjahre zitiert zu werden. Dabei war er schon damals nicht nur und teils auch ganz anders wild, als man denken könnte: Davon zeugt sein Bild „Ein Mann mit einer langen Nase repariert die Karawane“ (1981), das die Motive des Titels zwar irgendwo zwischen gestischer Malerei und Arte Povera zeigt, dabei aber Perspektivwechsel wie der frühe Kubismus vornimmt. Eine Provokation wie auch seine riesengroß und Grau-in-Grau gemalte „Vase“, ein Werk, in das nur eine Art deutschtümelndes Männlein Farbe bringt – mit einem Pinkelstrahl in Schwarz-Rot-Gold.

Ist schon alles zitiert?

Wild ist an diesen durchweg strategisch angelegten Werken allenfalls der malerische Gestus. Fast bis zur Pedanterie akribisch lässt Dahn auch seine jüngeren Werke gealtert und verwittert erscheinen, versieht sie durch sorgsamen Farbauftrag mit einer Art herben Vintage-Charme. Und wer auf den gleichfalls etwas herben Charme des Künstlers eingeht, kann ihn widerstrebend dazu bewegen, doch neben einem jener Pop-Zitate für die Kamera zu posieren. „I Forgot to Remember to Forget“ ist da zu etwa zu lesen. Erinnert das nicht an den Appell „Denken Sie immer daran, mich zu vergessen“, den Timm Ulrichs als seine Grabinschrift vorgesehen hat? „Nein“, kontert Dahn. „Die Idee hat Ulrichs von Elvis geklaut.“ Er selbst zitiere da nur dessen Songtitel von 1955. Vielleicht ist ja wirklich schon alles zitiert. Nur eben noch nicht von allen.

Walter Dahn: As Life Travels On“: Bis 28. April in der Kestnergesellschaft, Goseriede 11. Eröffnung Freitag, 1. März, um 18.30 Uhr in Anwesenheit des Künstlers mit einer anschließenden Party mit DJ Zezao & Soulsurfer.

Von Daniel Alexander Schacht

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