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Region Ingo Metzmacher: Diskussion um Akustik wird überschätzt
Nachrichten Kultur Region Ingo Metzmacher: Diskussion um Akustik wird überschätzt
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17:10 20.02.2019
Schöne Aussicht – aber wie ist der Klang? Der Große Saal der Elbphilharmonie wird noch unterschiedlich bewertet. Quelle: Christian Charisius/dpa
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Hannover

Dieses Konzert hat einen langen Nachhall. Der Auftritt des Tenors Jonas Kaufmann in der Hamburger Elbphilharmonie mit Gustav Mahlers klanggewaltigem „Lied von der Erde“ vor einem Monat sorgt weiterhin für Diskussionen um die Akustik in dem neuen Saal. Einige Zuhörer hatten sich während seines Auftritts beschwert, weil sie den Solisten nicht richtig hören konnten, und der Sänger selbst hat danach in einem Interview die alte Laeiszhalle gelobt. Seither branden die Wellen der Empörung immer heftiger an den Neubau heran. „Ist die Elbphilharmonie noch zu retten?“ titelte die FAZ, und beantwortete diese Frage in einem ganzseitigen Artikel mit nein.

Ein schlechter Start

Diese Diagnose kann nur erstaunen. Das nicht ganz geglückte Eröffnungskonzert mit dem NDR Elbphilharmonieorchester unter seinem damaligen Chefdirigenten Thomas Hengelbrock liegt immerhin schon zwei Jahre zurück. Damals hat eine Gruppe von Kritikern schon in der in der ersten Pause ihr vernichtendes Urteil gefällt: Die im Vorfeld so hochgepriesene Akustik im Saal sei miserabel. Dass nicht die ungewohnte Akustik, sondern die Art, wie die Musiker in diesem ersten Stresstest mit ihr umgegangen sind, eine Ursache für die teilweise schlechte Klangbalance sein könnte, kam ihnen zunächst nicht in dem Sinn. Dabei hatte auch schon dieses Konzert viele Momente, die das große Potenzial des neuen Raumes offenbarten.

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In den Monaten seither gab es fast täglich die Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, dass Orchester, Dirigenten und auch Sänger sehr wohl hervorragende Klangergebnisse in dem Saal erzielen können. Die Akustik-Skeptiker unter den Kritikern wurden bald kleinlaut. Umso lautstarker reagierten sie nun auf das Kaufmann-Konzert, das die meisten gar nicht selbst gehört hatten: „In der Elbphilharmonie hört man nichts. Endlich sagt es mal einer laut“, verkündete etwa eine Schlagzeile der „Welt“.

Bsschwerden sind die Ausnahme

Für Burkhard Glashoff, der neben der hannoverschen Pro-Musica-Reihe viele Konzerte in der Elbphilharmonie organisiert, hat sich die Diskussion inzwischen vom Konzertbetrieb im Saal entkoppelt. In den rund 200 Veranstaltungen, die er dort bisher gehört habe, sei die Reaktion von Künstlern und Zuhörern „in den allermeisten Fällen extrem positiv bis euphorisch“ gewesen: „Diese Reaktionen sind es, die über die Zukunft der Elbphilharmonie entscheiden“, glaubt er. Über die Akustik höre er viele differenzierte Aussagen von Künstlern, die weder zur Überhöhung noch zur Verdammung neigten. Sein Fazit: „Die Akustik ist so gut wie die Künstler, die in ihr spielen.“

Akustik wird überschätzt

„Es gibt keine perfekte Akustik“: Ingo Metzmacher. Quelle: Irving Villegas

Der Dirigent Ingo Metzmacher hält die Frage der Akustik derzeit für „unverhältnismäßig hochgespielt“. Der Intendant der Kunstfestspiele Herrenhausen, der Hamburg seit seiner Zeit als Generalmusikdirektor an der Staatsoper (1997 bis 2005) eng verbunden ist, hat gleich in der Eröffnungswoche in der Elbphilharmonie dirigiert und tritt dort seither regelmäßig auf. „Es gibt tolle, sehr unterschiedliche Konzertsäle aus dem 19., 20. und jetzt auch aus dem 21. Jahrhundert“, sagt er: „Aber es gibt keine ideale Akustik.“ Als Musiker müsse man immer mit der Akustik umgehen – auch im Wiener Musikverein oder im Concertgebouw in Amsterdam. „Es gibt keinen Saal, der den Musikern etwas schenkt, was sie nicht ohnehin tun.“ Dass ein Orchester gut und transparent klingt, könne man in jedem Saal erreichen. „Ich habe in der Elbphilharmonie nur gute Erfahrungen gemacht. Ich finde, sie ist ein ganz wunderbarer Ort“, sagt der Dirigent.

„Die Akustik ist exzellent, aber nicht einfach“: Andrew Manze. Quelle: NDR / Gunter Gluecklich

Metzmachers Kollege Andrew Manze, der sowohl seine Radiophilharmonie als auch das NDR Elbphilharmonieorchester in Hamburg dirigiert hat, gibt sich sogar als Fan des Konzertsaals zu erkennen. „Ich finde den Bau spektakulär – sowohl von außen wie von innen“, sagt er. Der Klang im Großen Saal sei „absolut fantastisch“ – so gut, dass man wirklich alles höre, was ein Instrument spiele: „Die Akustik ist exzellent, aber nicht einfach“, bilanziert Manze. Für Gastorchester, die oft nur eine einzige Probe im Saal haben, sei das eine Herausforderung. Und gerade mit Gesangssolisten müsse man die Position auf der Bühne jeweils sehr genau austarieren.

Der Klang reift

Er könne daher verstehen, dass es über die Akustik kontrovers diskutiert werde. Das werde sich aber legen, glaubt der Dirigent: „Schon in den paar Monaten, die zwischen meinem ersten und meinem zweiten Konzert mit dem Elbphilharmonieorchester lagen, hat sich das Orchester sehr viel besser dem Saal angepasst“, sagt Manze. Und erfahrungsgemäß werde der Klang in neuen Sälen mit den Jahren und wachsenden Staubschichten immer weicher.

Die Elbphilharmonie muss also nicht umgebaut werden, wie einige Kritiker fordern. Sie muss reifen. Und mit ihnen die Musiker. Für das Publikum sind das schon jetzt gute Nachrichten.

Von Stefan Arndt

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