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Erinnerungen an eine Diva: Claudia Michelsen liest im Schauspielhaus über Marlene Dietrich

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15:30 12.05.2019
Claudia Michelsen liest: „Sag mir, wo die Blumen sind ...“ Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Schon wieder ein „Rendezvous mit Marlene“. So hieß in Hannover vor vier Wochen eine Show, mit der Ute Lemper der deutschen Diva Respekt zollte. Claudia Michelsen fragt in ihren Erinnerung an Marlene Dietrich: „Sag mir, wo die Blumen sind“. Am Ende liegen sie im Scheinwerferlicht. Aber bis dahin sind zwei Stunden, in denen die Dresdner Schauspielerin die meist gebannten Zuhörer im nicht ganz ausverkauften Schauspielhaus auf eine Zeitreise nimmt.

Größer könnte der Kontrast der Huldigung nicht sein. Dort die glitzernde und klingende Show, die auch herbe Töne kennt. Hier die karge Liturgie. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Mikrophon – und etwas Wasser, das noch eine Rolle spielen wird.

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Claudia Michelsen ist streng gewandet: anthrazitfarbener Hosenanzug, weiße Bluse, die Haare eng zurück, hinten in einem Knoten gebündelt. Gelegentlich ruckelt sie ihre Brille, es wird gelesen. Zurückhaltend, leise, aber gut verständlich. Den leicht rauchigen, immer etwas geheimnisvollen Michelsen-Ton hört man nur ganz verhalten. Die einzige theatralische Aktion des Abends findet statt, wenn die Vorleserin einer dauerhustenden Besucherin ihr Glas Wasser nicht nur anbietet, sondern auch bringt.

Unspektakulär aber fesselnd

Dann wieder zurück zur „kleinen Reise zu und mit Marlene Dietrich“. Und die konnte ja schreiben (auch Chansontexte übrigens). Wir blicken mit dem Weltstar zurück auf die deutsche Kindheit, verfolgen den Start ihrer Karriere. Ihr Entdecker, Mentor, Freund und Förderer Josef von Sternberg kommt zu Wort. Und Tochter Maria Riva. Dass die ein durchaus distanziertes Verhältnis zur Mutter hatte und nach deren Tod ein offenherziges Buch über die Mutter Marlene schrieb, bleibt außen vor.

Das alles ist unspektakulär und fesselt doch. Mit Klängen von „Lili Marleen“ geht es in der Pause, danach wird es kritischer und zeitkritischer, die Kriegs- und die Nachkriegszeit werfen ihre Schatten. Die Schattenseiten von Marlene Dietrich werden zwar nicht ausgeleuchtet, aber von Claudia Michelsens Textauswahl auch nicht ausgeklammert. Die Einsamkeit der alternden Diva, ihre Medikamenten- und Alkohlabhängigkeit.

Blumenstrauß im Scheinwerferkegel

Nur drei wichtigsten ihrer vielen Männer bekommen die Ehre der Erwähnung: Ehemann Georg Sieber, der notgedrungen platonische Freund Erich Maria Remarque und die große Liebe Jean Gabin. Das muss reichen, schließlich tendiert Michelsens Biografie fast zur Hagiografie. Zur Heiligenlegende taugt dieses Leben einer Diva dann doch nicht, aber eine demütige Huldigung erfährt Marlene Dietrich schon.

Am Ende viel Beifall, in den hinein die Aufforderung tönt „Sag mir, wo die Blumen sind“ Langsam verstummt der Applaus, alle hören gebannt der alternden Diseuse zu, eine Zuschauerin legt einen Blumenstrauß in den leeren Scheinwerferkegel auf der Bühne.

Wenn das Lied verklungen ist, liegt Claudia Michelsen den Strauß dazu, den sie zum Dank erhalten hatte. Das hat etwas von Grabhuldigung, von Totenehre. Das passt.

Die nächste Lesung eines bekannten Schauspielers findet am Freitag, 31. Mai, um 20 Uhr in Hannover statt. Dann liest Lars Eidinger (begleitet von Georg Kranz am Schlagzeug) im Capitol Gedichte von Thomas Brasch.

Von Rainer Wagner