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Region Ferdinand von Schirachs „Kaffee und Zigaretten“
Nachrichten Kultur Region Ferdinand von Schirachs „Kaffee und Zigaretten“
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11:54 04.03.2019
Ferdinand von Schirach Quelle: Tobias Hase/dpa
Hannover

Im Alter von 15 Jahren steckt sich Ferdinand von Schirach eine Schrotflinte in den Mund. Der junge Mann sitzt unter der Ulme, die sein Vater zur Geburt seines Sohns gepflanzt hatte. Ferdinand von Schirach ist sturzbetrunken, sein Vater hat sich kurze Zeit zuvor umgebracht. Von Schirach drückt ab. Doch besoffen, wie er ist, hat er vergessen, eine Patrone einzulegen. Am nächsten Morgen findet ihn der Gärtner schlafend unter dem Baum.

Die Jugend des Autors

Mit dieser dramatischen Geschichte aus seiner Jugend - und einem damit verknüpften Blick auf den Suizid Heinrich von Kleists und dessen Lebensgefährtin Henriette Vogel 1811 am Berliner Wannsee - beginnt Ferdinand von Schirachs neues Buch „Kaffee und Zigaretten“ (Luchterhand, 192 Seiten 20 Euro). Der frühere Strafverteidiger ist in den vergangenen zehn Jahren mit Büchern wie „Verbrechen“ und „Schuld“ bekannt geworden. Sein Theaterstück „Terror“ gehört zu den meistgespielten der zeitgenössischen Theaterwelt. „Kaffee und Zigaretten“ nun ist eine Ansammlung von Erinnerungen, Anekdoten, biografischen Schnipseln sowie Beobachtungen und Kommentaren zum Zeitgeschehen. Das Buch, dessen Titel an Jim Jarmuschs Film „Coffee and Cigarettes“ erinnert, ist Schirachs bislang persönlichstes Buch.

Ferdinand von Schirach stammt aus einem alten Adelsgeschlecht. Seine Jugend verbringt er in großen Häusern, auf Fuchs- und Treibjagden, seine Schulzeit im Jesuiteninternat St. Blasien. Immer wieder gibt Schirach auf den knapp 200 Seiten Einblicke in seine Jugend, in besondere Situationen seines Lebens, seine Persönlichkeitsbildung. Er scheint selbst manchmal verstehen zu wollen, wie er wurde, was er heute ist. Er schreibt über seinen Großvater, den NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach. Oder über eine Unterhaltung mit seiner Freundin, er ist 18 Jahre alt: „Irgendwann will sie wissen, warum er ist, wie er ist. Wie soll ein heller Mensch das Dunkle begreifen, denkt er.“

Distanz zum Leben

Er hat Freunde wie Harold. „Ein paarmal besuchte ich ihn in den Semesterferien in Nordengland. Seine Familie bewohnte ein Schloss aus dem 18. Jahrhundert, das dort nur ,das Haus’ hieß. Harold meinte, ,das Haus’ habe ,so ungefähr 120 Zimmer’, natürlich hatte auch er sie nie gezählt.“ Den Lyriker Lars Gustafsson lädt er nach einer Lesung des Schweden auf den hauseigenen Tennisplatz ein. In solchen Momenten lugt der Leser wie durch ein Schlüsselloch in eine fremde Welt. Doch Ferdinand von Schirach erzählt diese Episoden aus seinem, aus diesem ganz anderen Leben nicht großspurig und stolz. Man spürt die Distanz zu dieser Welt. „Er gewöhnt sich an das Internat, so wie sich Kinder an fast alles gewöhnen. Aber er glaubt, er gehöre nicht dazu, etwas fehle, was er nicht benennen kann.“

Zuweilen ist die Distanz zu seinem eigenen Leben so groß, dass er nicht „ich“, sondern „er“ sagt, wenn er über sich selbst spricht. So auch im Fall des missglückten Selbstmords. Wie viel an jeder einzelnen Geschichte wahr ist und wie viel schriftstellerische Freiheit, bleibt bei Autoren und ihrer Autorinszenierung immer ein wenig dahingestellt. Doch über den Suizidversuch spricht er auch offen in Interviews.

Die beiden Laster

In den 48 Kapiteln kann man also einiges aus dem Leben des Schriftstellers erfahren. Allerdings sind es eher Häppchen, die der Autor dem Leser hinwirft. Schlussfolgerungen muss dieser oft selbst ziehen, Erzählfäden in seinem Kopf weiterspinnen. Das erinnert an seine früheren Bücher, etwa an das Gerichtsstück „Terror“, in dem der Zuschauer zum Geschworenen wird und das Urteil per Abstimmung gefällt wird. Andere, weniger biografische Kapitel erzählen von Lektüren, von besonderen Strafverfahren oder alten Bekannten. Es entstehen mitunter sogar kleine Dramolette, etwa in der Geschichte vom angsteinflößenden Chef Kramer, der beweisen will, dass jede zweite Ehefrau fremdgeht, und bei einem Dinner seine Frau sowie die seines Buchhalters zwingt, ihn in ihre Handys schauen zu lassen. Bei seiner eigenen Gattin findet er nichts, dann schaut er ins Handy der anderen, die schon blass geworden ist. „Er starrte lange auf das Display des Telefons. Dann schaltete er es aus und gab es der Frau des Buchhalters zurück. Es war ziemlich dunkel in der Gastwirtschaft, aber ich glaube, Kramer verneigte sich ein wenig vor ihr. Dann ließ er sich zurück in den Stuhl sinken.“ Was in der Nachricht stand, erfährt man nicht. Doch im Kopf des Leser geht die Geschichte weiter.

Kaffee und Zigaretten – das sind die einzigen beiden Laster, die sich Ferdinand von Schirach gönnt. Alkohol trinkt er nicht mehr, seitdem er Anfang 20 ist. Auch andere Drogen lehnt er ab. In dem Buch kommen Kaffee und Zigaretten unaufdringlich vor, en passant. Die meisten Kapitel zu lesen dauert keine Zigarette. Ein paar wenige reichen für einen Becher Kaffee. Sie sind mal Erzählung, mal Essay, mal kleines Feuilleton. Mit einigen philosophischen Gedanken etwa über das Böse, über das Leben im Allgemeinen, über den Menschen bleibt Schirach ein wenig zu sehr in den Grauzonen des Banalen. Doch der sachliche, unaufdringliche Stil, die Einblicke in eine andere Welt und die teils irrwitzigen Geschichten bleiben noch länger im Gedächtnis des Lesers.

Von Kristian Teetz

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