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Region Die Welfenoper „Henrico Leone“ und ihre Geschichte beim Forum Agostino Steffani
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12:53 21.03.2019
Lajos Rovatkay, Künstlerischer Leiter des Forums Agostino Steffani. Quelle: Foto: Moritz Frankenberg
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Hannover

Natürlich geht es auch um Musik. In diesem Stück entfaltet sie schließlich ein besonders lebendiges und prächtiges Panorama: In „Henrico Leone“, der Oper von Agostino Steffani über den Urwelfen Heinrich dem Löwen, mit der 1689 das erste hannoversche Opernhaus eröffnet wurde, finden sich verführerische Liebesarien, die Hörer noch heute dahinschmelzen lassen; die Musik kann zürnend aufbrausen wie der Hass, den sie schildert, oder sanft beruhigen, wenn es für einen Menschen ans Sterben geht. In dieser Partitur scheint das ganze Leben zu stecken.

VenedigHannoverWien

Und doch geht es nicht allein darum, was in der Partitur steckt, sondern mehr noch um den historischen Kontext, in dem sie entstanden ist. Lajos Rovatkay, ehemaliger Professor an der Musikhochschule und künstlerischer Leiter des Forums Agostino Steffani, will mit der Wiederaufführung der Oper bei den Festwochen des Forums vom 13. bis 15. Juni nicht einfach die Musik feiern. Er will den kulturellen Stellenwert des Werkes wieder ins Bewusstsein rufen – und damit auch die Bedeutung des Ortes, an dem es zuerst aufgeführt wurde.

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Darum muss der 86-jährige Rovatkay, der die Musikgeschichte souverän überblickt, bei der Vorstellung des Festwochenprogramms sehr weit ausholen: Er erinnert an die überragende Bedeutung, die Venedig über Jahrhunderte in der Musikgeschichte gehabt hat – und zeigt, wie und wo sich dieser mächtige kulturelle Strom weiterentwickelte und schließlich im heutigen Repertoire mündete.

Eine Geschichte für die Zukunft

Ab Beginn des 16. Jahrhunderts war Venedig, die Stadt, in der der Notendruck erfunden wurde, in jeder Hinsicht das Weltzentrum der Musik. Nördlich der Alpen wurden die starken venezianische Impule nach und nach verändert und zur Grundlage einer eigenständigen Tonsprache. Wichtigster Schauplatz dieses bedeutsamen, heute wenig bekannten musikalischen Transformationsprozesses war Hannover.

Für die neue Schlossoper mit ihren 1300 Plätzen hatten die Welfen den Komponisten Agostino Steffani aus München als Kapellmeister abgeworben. In seinen Werken – insgesamt hat er acht Opern für Hannover komponiert – verband er die lebendige, alljährlich im Karneval erprobte Musiksprache Venedigs mit der höfischen Musikkultur französischer Prägung. Die Synthese gelang so überzeugend, dass Steffanis plastische und doch auch repräsentative Tonsprache schnell Nachahmer auch über die Gattung Oper hinaus fand: Sie markiert die Geburtsstunde einer neuen, europäischen Musikkultur auf deutschen Boden, die in der Musik Johann Sebastian Bachs zur ersten großen Blüte kommt und schließlich weiter zur Ausbildung der Wiener Klassik führt.

Hannover wurde so mit der Eröffnung der Oper im Leineschloss eine zentrale Drehscheibe der europäischen Kultur, an die zu erinnern Rovatkay mit seiner Arbeit nicht müde wird: „Henrico Leone“ hat er schon einmal vor 30 Jahren an der Staatsoper zur Aufführung gebracht. So komplex die Zusammenhänge auch sind – sie beschreiben Hannover als eine Stadt, die nicht nur dem Titel nach eine Kulturhauptstadt Europas war. Wer daran heute erfolgreich anknüpfen will, sollte sich die Mühe machen, diese große Vergangenheit zu verstehen.

Die 4. Festwoche des Forums Agostino Steffani präsentiert vom 13. bis zum 15. Juni halbszenische Aufführungen von Agostinos Steffanis Oper „Henrico Leone“ mit der Hannoverschen Hofkapelle in der Orangerie Herrenhausen.

Von Stefan Arndt