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Region Spannende Konzertreise – was die niedersächsischen Musiktage zu bieten haben
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Festival: Was die niedersächsischen Musiktage zu bieten haben

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01:15 30.05.2019
Ungewöhnlicher Spielort: Eine Tuba-Spielerin der Jungen Norddeutschen Philharmonie auf einem historischen Kriegsschiff in Wilhelmshaven. Quelle: Anselm Cybinski
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Hannover

Natürlich können Programmmacher eines Festivals die Frage eigentlich nicht beantworten, die sie fast immer gestellt bekommen: Welches Stück, welcher Abend ist ihr Lieblingsprojekt? Anselm Cybinski aber, der neue Intendant der Niedersächsischen Musiktage, ziert sich nur kurz, bevor er zu schwärmen beginnt. Da sei zum Beispiel der Auftritt von Igor Levit, der in Osnabrück ein Marathonkonzert mit allen 24 Präludien und Fugen von Dimitri Schostakowitsch in Osnabrück gegen wird. So konzentriert und intensiv, wie der Pianist diese besondere Musik spiele, sei das ein sehr emotionales Konzert, beteuert Cybinski: „Wenn ich das höre, verändert sich mein Hautwiderstand.“

Ansteckende Begeisterung

Im selben Atemzug fährt er allerdings fort, anderes hervorzuheben, das zu hören er sich freut, etwa das Konzert des Artemis Quartetts, das in neuer Besetzung und bewährter Qualität in Uelzen spielen werde, die Madrigale, mit denen das britische Orlando Consort in Braunschweig den „Jeanne d’Arc“-Stummfilm neu zum Klingen bringe, und natürlich das Abschlusskonzert in Hannover... Einmal in Schwung geraten würde Cybinski sicher noch viele Beispiele nennen, aber man unterbricht ihn, um die Pressekonferenz nicht ausufern zu lassen. Es ist hier auch so längst klar geworden, dass bei den Musiktagen, die in diesem Jahr vom 31. August bis zum 29. September dauern, wieder eine erfrischend ansteckende Begeisterung für das eigene Tun herrscht.

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Das neue Team: Johannes Janssen (links), seit Januar Direktor der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, die stellvertretende Geschäftsführerin Martina Fragge, Musiktage-Intendant Anselm Cybinski und Stiftungspräsident Thomas Mang. Quelle: Stefan Arndt

Zugleich hat sich der neue Mann, der im vergangenen Jahr die Nachfolge von Katrin Zagrosek angetreten hat und nun sein erstes eigenes Programm präsentiert, kluge Gedanken über die Eigenarten der Niedersächsischen Musiktage gemacht. So lobt er die Tradition, das Festival mit einem Motto zu überschreiben – in diesem Jahr lautet es „Mut!“ –, weil es damit Profil gewinnen könne, obwohl die Veranstaltungsorte weit über das gesamte Land verteilt sind. Er begreife ein Motto als einen „Scheinwerfer“, der es erlaube, „das riesige Massiv der vorhandenen Musik im neuen Licht zu betrachten und vielleicht auch mal in den einen oder anderen unterirdischen Stollen dieses Massivs hineinzuschauen.“

Der Klang der Minen

Zugleich ermögliche ein Motto, außermusikalische Zusammenhänge herzustellen, sodass die Musiktage auch Aussagen treffen könnten zu drängenden Fragen des gesellschaftlichen Diskurses: „Ich glaube, dass sich die Relevanz eines Festivals auch daran messen lassen muss, inwiefern es hier spannende Beiträge liefert“, sagt der Intendant.

Einen derartigen Beitrag könnte das Abschlusskonzert am 29. September in der hannoverschen Staatsoper leisten: Dort ist das 2014 entstandene Oratorium „Anthracite Fields“ zu hören, in dem die New Yorker Komponistin Julia Wolfe vom Leben und Leiden der Arbeiter in den Kohleminen Pennsylvanias zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzählt. Im Kohleausstiegsland Deutschland wird das Werk, für das die Komponistin mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde, erst zum zweiten Mal zu hören sein.

Anspruch und Unterhaltung im Einklang

Beim Festivalauftakt geht es zum 150. Geburtstag der Stadt Wilhelmshaven, die um den Marinestützpunkt gebaut wurde, ein ganzes Wochenende lang um Krieg und Frieden: Etwa mit einem Wandelkonzert auf historischen Kriegsschiffen, einem Auftritt der polnischen Jazzer des Marcin-Wasilewski-Trios zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen und einem Gesangsprogramm mit Liedern von Hanns Eisler.

In den mehr als 40 Konzerten macht Cybinski zudem Ernst mit dem Vorhaben, hochkarätige Veranstaltungen auch in entlegene Regionen des Landes zu bringen, wofür unter anderem das Musikmobil „Der blaue Eumel“ mit einem „Antigone“-Programm sorgen wird. Dass Anspruch und Unterhaltung kein Widerspruch sein müssen, soll mit Auftritten etwa des Janosa-Ensembles, von Mnozil-Brass oder dem Musik-Comedy-Duo Igudesman & Joo bewiesen werden. Weil schließlich auch bewährte Stars wie die Pianistinnen Alice Sara Ott und Lise de la Salle sowie interessante junge Musiker wie die Cellistin Julia Hagen und das Vision String Quartet im Programm vertreten sind, bieten die Musiktage in diesem Jahr gute Gründe, wieder einmal durchs Land zu reisen.

Karten und weitere Informationen gibt es unter Telefon (08 00) 4 56 65 40.

Konzerte in Hannover

Ein Höhepunkt des Festivals ist das Abschlusskonzert mit dem New Yorker Ensemble Bang on a Can, dem NDR Chor und Sängern und Musikern der Staatsoper Hannover am 29. September im Opernhaus. Die Sänger des Tenebrae Choirs sind am 14. September in der Marktkirche zu hören, am 17. September gestaltet das Duo Batolomey/Bittmann ein Mittagskonzert im Sparkassenforum. Im Zechesaal Barsinghausen ist am 7. September das Ensemble Salaputia Brass zu hören.

Die Musiktage starten am 31. August mit einem Konzert der Jungen Norddeutschen Philharmonie und Pianistin Alice Sara Ott in Wilhelmshaven. Weitere Höhepunkte sind Auftritte von Igor Levit (22. September in Osnabrück), dem Artemis Quartett (17. September, Uelzen) und dem Knabenchor Hannover (8. September, Meppen). Pianistin Lise de la Salle spielt mit der NDR Radiophilharmoinie am 19. September (Stuhr) und 20. September (Einbeck). Außerdem sind die Sopranistinen Regula Mühlemann (21. September, Wildeshausen und 22. September, Nienburg) und Sophie Karthäuser (21. September Lüneburg) zu Gast.

Von Stefan Arndt