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Festival der Erzählkunst: Rafik Schami in der Markuskirche

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14:47 29.09.2019
Lust am Erzählen: Der Schriftsteller Rafik Schami. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Rafik Schami überträgt seine Lust am Erzählen immer wieder auf Romanfiguren: „Briefe geben mehr her als nur die Wörter“, lässt er den Postboten Elias sagen, der es liebt, den Analphabeten im christlichen Viertel von Damaskus vorzulesen, was die Liebsten aus der Ferne schreiben – und dabei trockene Zeilen zu bunten Geschichten aufblühen lässt. Das Festival der Erzählkunst in der Markuskirche könnte wohl keinen geeigneteren Botschafter seiner Sache einladen, als den 1946 in Syrien geborenen Schami, der 1970 sein Land verließ, weil er „an der Zensur zu ersticken drohte“ und heute zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren zählt.

Er ist bereits zum dritten Mal zu Gast beim Festival und nennt Hannover einen seiner liebsten Auftrittsorte – obwohl die Akustik in der mit über 500 Zuhörern ausverkauften Markuskirche wie immer eine Herausforderung darstellt. Die Kirchenlautsprecher lassen jedes gesprochene Wort nach Gottesdienst klingen – den großen, kühlen Raum dabei dennoch mit lebendiger, dichter Atmosphäre zu füllen ist eine Leistung. Schami lässt sich nicht beirren, signiert bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung geduldig Dutzende Bücher, lässt sich ein, hört zu, scherzt und zeigt, was seine Kunst vor allem ausmacht: wertschätzende Aufmerksamkeit.

Spaziergang durch einen Roman

Er erzählt an diesem Abend frei aus seinem bereits 2017 erschienenen Roman „Sami und der Wunsch nach Freiheit“, in dem er geschickt historische Zusammenhänge, lokale Mentalitäten und aktuelle Themen wie Unterdrückung und Flucht verbindet. Einen „Spaziergang durch das Buch und seinen Geschmack“ verspricht Schami: „Der Abend ist ein Roman.“ Er thematisiert darin immer wieder die Bedeutung des Erzählens, nicht zuletzt durch eine Rahmenhandlung, in der ihm ein aus Damaskus geflüchteter Jugendlicher über Monate aus seinem Leben berichtet.

Dabei geht es vor allem um seine enge Freundschaft zum gleichaltrigen Sami, mit dem er in einer ärmlichen Gasse des christlichen Viertels aufwuchs. Sami ist ein Draufgänger – die Narben, die er auf seinem Körper sammelt, tragen Namen und dienen dem Autor als Ordnungssystem für eine Vielzahl kleiner Geschichten, Anekdoten, Erläuterungen und Bonmots. Schami spart nicht mit Lokalkolorit und baut lebendige Atmosphären auf, indem er fast beiläufig Mentalitäten vermittelt. Er lässt seine Pointen wie im Vorbeischlendern fallen, platziert sie dabei aber sehr präzise.

Ein Teppich aus Geschichten

Er fliegt über einen bunten Teppich aus verwobenen Geschichten und stößt immer wieder mit untrüglichem Instinkt für Zeitpunkte und Dimensionen auf Details herunter, verweist, verzögert, fasst zusammen, deutet an und montiert Szenen fast filmisch gegeneinander. Das Erzählen an sich ist immer Thema, wird aber wie bei einem guten Bühnenmagier nie entzaubert. Schami schafft es dabei, Leichtigkeit, Charme und Hintergründigkeit mit ernsten Themen zu verbinden. Schließlich geht es in seiner Geschichte auch um Unterdrückung, Verfolgung und die Flucht aus einem Unrechtssystem.

Gewidmet hat er den Roman den „tapferen Kindern von Daraa, die im Frühjahr 2011 rebellierten, um den Erwachsenen zu helfen, aufrecht zu gehen“. Die Abgründe dieser Zusammenhänge werden in der Andeutung nicht kleiner: „Meine Lieblingsgeschichte kann ich leider nicht erzählen, weil sie sehr traurig ist“, sagt Schami und erwähnt Gefängnis, Folter und Leid. „Da habe ich gar nichts gemacht, außer gut formuliert“, fügt er hinzu. Understatement ist wohl ein wesentlicher Teil guten Erzählens.

Rafik Schamis Erzähltournee mit seinem Buch „Die geheime Mission des Kardinals“ hat bereits begonnen. In Hannover gastiert er dabei voraussichtlich im März 2020.

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