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Filmpremiere: „Der Totalkünstler“, ein Film über Timm Ulrichs

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01:15 23.05.2019
Alles in Ordnung mit der Unordnung? Der Künstler prüft sein Werk. Quelle: Szene aus „Der Totalkünstler“
Hannover

Hier spricht der Künstler. Der hannoversche Filmemacher Ralf-Peter Post hat ein Porträt des Totalkünstlers Timm Ulrichs gedreht und derjenige, der hier fast ausschließlich zu Wort kommt, ist der Künstler selbst: Timm Ulrichs spricht über sich und seine Kunst.

Er sagt einige sehr kluge Sätze wie: „Ein gutes Werk überzeugt durch sich selbst. Der Künstler muss nicht in Erscheinung treten.“ Oder: „Ich habe Kunst nie als abgetrennte Tätigkeit begriffen. Ich musste nie die Trennung zwischen Kunst und Leben machen.“ Oder auch: „Alles, was ich gemacht habe, ist der Notwendigkeit geschuldet.“

Die Flasche in der Flasche

Dabei beobachtet die Kamera den Totalkünstler, wie er neue Ausstellungen einrichtet, wie er telefoniert und auch wie er Kunst produziert. Post begleitet Ulrichs, wie er bei einem Glaserbetrieb die Splitter einer voluminösen, weißen Glasflasche abholt. Der Künstler hatte die Flasche zermörsern lassen, um die Bruchstücke in eine zweite, genau gleiche Flasche einzufüllen. Die Splitter verbrauchen natürlich viel weniger Platz als die Flasche. Am Ende wird noch ein weiteres Kunstwerk zu sehen sein: die „Wiegenbahre“ – ein Sarg, der auf Schaukelkufen steht wie eine Wiege.

Einen Moment lang überlegt Timm Ulrichs (Jahrgang 1940), ob er sich darin beerdigen lassen sollte, dann erinnert er sich an die Urne in Menschengestalt, die er geschaffen hat, und daran, dass er ja in Kassel eingeäschert werden soll, und dass seine Asche in diese Urne in Menschengestalt eingefüllt werde soll. Ob Scherben in der Flasche

Er kann ja doch noch Kunst sehen: Timm Ulrichs mit seinem bekanntesten Werk. Quelle: Aus dem Film „Der Totalkünstler"

oder Menschenasche in der Urne in Menschengestalt: Das eine steckt im anderen, die Strukturen bleiben gleich. Timm Ulrichs Arbeiten, das zeigen diese beiden Werke, die in dem Film eher zufällig aufeinandertreffen, ähneln einander. Im besten Fall sind sie einfach, sehr originell und lehrreich. Sie verblüffen die Betrachter, die die Welt danach vielleicht ein bisschen anders sehen. Was kann man eigentlich von Kunst mehr verlangen?

Posts Film zeigt Timm Ulrichs als Künstler, der große Ideen hat, aber auch Wert auf Kleinigkeiten legt. Er ist ein Perfektionist („Ich kann nicht pfuschen“), der es nicht erträgt, wenn alte Arbeiten in einem schlechten Zustand auf den Markt kommen. In einer Szene reinigt er sein berühmtes Bild, das ihn mit der Blindenarmbinde und dem Schild „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“ zeigt.

Für 100 bis 300 DM habe er es damals verkauft, sagt er. Der Film zeigt, wie das Werk beim Auktionshaus Grisebach versteigert wird: 8000 Euro bringt das Blindenbild, das ja auch eine Kritik am Kunstmarkt ist.

Karriere im mittleren Bereich

Klagen ums Geld sind immer wieder zu hören: Die Galeristen und die Sammler würden Gewinne einstreichen, für den Künstler bliebe nur wenig. Erstaunlich offen spricht Ulrichs über seine Position im Kunstmarkt: „Ich habe Karriere im mittleren Bereich gemacht. Ich war früher fast in der 1. Liga. Es gibt so Wellenbewegungen und wenn man Pech hat, kommt man in so ein Wellental.“ Und dann sagt er noch: „Immer in der 2. Liga zu spielen ist auch nicht so doll.“

Aber es bleibt noch Hoffnung. „Alle zehn Jahre zum runden Geburtstag wird man wiederentdeckt“, sagt Ulrichs. Im kommenden Jahr ist es soweit. Am 31. März 2020 wird der Totalkünstler 80 Jahre alt. „Wenn ich 80 bin, könnte es wieder einen Wellenberg geben“, sagt er in dem Film.

Die Routinen der Künstlerexistenz

Mit der 8 und der 0 hat er immerhin schon eine Skulptur gestaltet. Die liegende 8 als Zeichen der Unendlichkeit verwandelt sich drehend in eine Null. Die rote Metallkonstruktion, die dieses Wechselspiel zwischen nichts und allem demonstriert, wurde in Einbeck aufgebaut. Da zeigt der Film sehr schön die Mühen der Ebene in einem Künstlerleben – draußen im Nieselregen rumstehen und mit irgendwelchen Leuten über irgendwelche Wirkungen sprechen. Kurz zuvor war Ulrichs im österreichischen Saalfelden zu sehen, wo er den Aufbau seiner „zweihundertsoundsovielten Einzelausstellung“ überwachte – die Routinen einer Künstlerexistenz. Ralf-Peter Posts Film hat sie schön eingefangen – ohne dabei selbst routiniert oder gar langweilig zu wirken.

An einer Stelle sagt Ulrichs über sich in aller Bescheidenheit: „Ich habe einige Themen angeschlagen, ohne sie erschöpfend zu behandeln.“ Das gilt auch für den Film über den Totalkünstler. Und auch die letzten Worte des Künstlers im Film passen zum Porträt: „Okay Okay.“

Eine Preview des Films ist am Sonntag, 26. Mai, um 11 Uhr im Sprengel Museum zu sehen. Im November soll der Film in die Kinos kommen.

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