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Nachrichten Kultur Region Das Kollektiv Thermoboy FK spielt Austen im Pavillon
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11:55 29.04.2019
Ironisches Sittengemälde: Szene aus „Stolz und Vorurteil“. Quelle: Daniel Weigel
Hannover

Jane Bennet reitet durch die englische Landschaft, auf der Suche nach Liebe und Respekt – was in einer Verfilmung von Jane Austens Welterfolg „Stolz und Vorurteil“ zu einer wildromantischen Szene würde, zerfällt auf der Bühne des Theater im Pavillon in kleine, abstrakte Elemente. In der Inszenierung des freien Kollektivs Thermoboy FK sind grüne Hügel und einsame Landhäuser mit groben, kindlichen Strichen gemalt und bleiben Hintergrundprojektion.

Ironischer Bühnenzauber

Wie alle Requisiten ist auch das Pferd naiv-impressionistisch skizziert und wird, auf Zweidimensionalität reduziert, in Leuchtdisplays auf die Bühne gerollt. Und doch kombiniert das Gehirn routiniert: Jane Bennet reitet durch die englische Landschaft. Der ironische Bühnenzauber der jungen Theatermacher aus Braunschweig, Bremen und Berlin ist zugleich Performance und Installation. Er tritt mit bunten Illusionen an, um sie konsequent zu dekonstruieren – wie auch Haltungen, Rollenmodelle, Geschlechter und Identitäten.

Die acht Akteure kommen aus verschiedensten Disziplinen. Sie sind Medien- und Kulturwissenschaftler, Mode- und Kommunikationsdesigner, Lichtgestalter, Sozialarbeiter und Szenografen, studieren bildende Künste und Urbanistik. Sie vermeiden unhinterfragtes Pathos und naturalistische Bühnenposen, übersteigern, vergröbern und parodieren. Sie spielen mit dem klassischen Stoff, nutzen ihn als Folie für ihren Blick auf Entwürfe von Liebe und Zusammenleben in einer streng geregelten Gesellschaft. Damit ist das Kollektiv zunächst ganz bei Jane Austen, die mit ihrem literarischen Sittengemälde ähnliche Fragen aufwarf.

Klischees hinterfragen

Was nach über 200 Jahren noch immer als Liebesgeschichte rezipiert wird, dient jedoch zu Recht als Steilvorlage, um nach heutigen Klischees von Romantik und Zusammensein zu fragen. Wo es bei Austen noch um die Vereinbarkeit von wahrer Liebe und guter Partie ging, geht es jetzt um die Suche nach dem eigenen Weg in ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben. Zwar findet am Ende eine Doppelhochzeit statt, doch ist sie nur Fassade für gleichgeschlechtliche und polyamore Liebe auf der einen, für die Möglichkeit, unverdächtig alleine bleiben zu können, auf der anderen Seite.

Ein Happy End ist das nicht gerade: Die Notwendigkeit, einen bürgerlichen Schein zu wahren, wird kaum überwunden, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung scheinen auch in einer aufgeklärten Gesellschaft noch auf Tricks und Lügen angewiesen zu sein. Den Diskurs darüber beschleunigen die in der Mehrzahl theaterfernen Theatermacher mit viel Potenzial, das Etablierte neu und anders zu denken. Für Jane Bennets weiteren Ritt durch die zeitgenössische Kultur besteht Hoffnung.

Am Dienstag, 14. Mai, um 19.30 Uhr zeigt Ahmed Ezzat Elalfy seine arabische Version von „Um Himmels Willen, Ikarus!“ im Theater im Pavillon.

Von Thomas Kaestle

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