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Friedenspreisträger Boualem Sansal stellt neuen Roman im Literaturhaus vor

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12:10 24.11.2019
„Der Islamische Staats tritt an die Stelle Europas“: Boualem Sansal. Quelle: Simon Peters
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Hannover

Die Vorstellung von Boualem Sansals neuem Roman „Der Zug nach Erlingen oder die Verwandlung Gottes“ im Literaturhaus Hannover gerät zu einem Abend unzureichender Übertragungen und Übersetzungen. Dabei ist es wichtig, den algerischen Autor über weite Strecken auf Französisch reden zu hören, seine charmante, zurückhaltende Freundlichkeit ebenso zu erleben wie seine ruhige Entschlossenheit. NDR-Literaturredakteur Alexander Solloch übersetzt lebendig ins Deutsche, worüber er sich ausführlich mit Sansal unterhält. Und doch bleibt für Menschen mit Schulfranzösisch das dringende Gefühl, viele Nuancen der wohlgesetzten Formulierungen nicht verstanden zu haben.

Hinzu kommt die komplexe Konstruktion des Romans aus Versatzstücken einer möglichen Handlung. Einen Roman, der gar nicht in Form eines Romans erzählbar ist, nennt Solloch das, möchte aber zugleich über die narrativen Kontexte des Gelesenen und Diskutierten nicht zu viel verraten. Es gehe um Kunst auf hohem Niveau, sagt er. Politik schwinge darin mit. Dennoch spricht er mit seinem Gast, der 2011 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, lange über dessen Erleben des algerischen Bürgerkriegs zwischen Militärdiktatur und Islamisten, über die plötzliche Herausforderung, sich als Bürger zu politischen Entwicklungen verhalten zu müssen.

Ein abstrakter Feind

Er sei bewusst in Algerien geblieben, als die Gewalt zunahm, sagt Sansal, bis heute sei das so. Er habe sich einer Gruppe von Intellektuellen angeschlossen, von denen im Laufe der Jahre fast alle Mordanschlägen aus beiden Bürgerkriegslagern zum Opfer gefallen seien. Sansal hat überlebt, trotz seiner mutigen Texte, in denen er immer wieder brutales islamistisches Herrschaftsstreben anprangert.

Sei es bislang in seinen Büchern vor allem darum gegangen, wie Gewalt Gesellschaften und Familien zerreißt, habe er sich jetzt der Frage zugewandt, wie Angst Besitz von einer Gesellschaft ergreife. Seine Entscheidung, deshalb fast nur über Frauenfiguren zu erzählen, bedürfte wohl einer kulturellen Übersetzung: Die europäische Geschichte ist voll von mutigen Frauen. Der abstrakte Feind, der im Roman Ängste auslöst, wird in der Lesung zwar nicht näher benannt. Dennoch ist schnell klar, dass es Sansal bei aller philosophisch-poetischen Verrätselung darum geht, vor einer Machtübernahme durch Islamisten in Europa zu warnen, das deren wichtigste Zielscheibe sei.

Die algerische Perspektive

Zugleich sei das Konstrukt Europa im Niedergang begriffen, sagt Sansal – die Europäer glaubten nicht mehr genug an sich selbst. Lange Zeit habe Europa die Welt fasziniert und inspiriert, jetzt sei an seine Stelle, global betrachtet, der Islamische Staat getreten. Dass am möglichen Niedergang Europas maßgeblich Nationalismus und Rechtsextremismus beteiligt sind, ist nicht Teil von Sansals algerischer Perspektive - was besonders brisant durch den Umstand wird, dass diese sich durch Islamismuskritiker wie ihn bestätigt fühlen.

Die Deutschen seien ruhiger als die Franzosen im Angesicht des Islamismus, sagt Sansal. Vielleicht ist ruhige Differenziertheit jedoch notwendig beim Versuch, sich nicht pauschalisierten Ängsten und der Propaganda der Populisten zu ergeben. Sansal weigert sich im Gespräch immer wieder, einfache Antworten zu geben. Vor einfachen Übertragungen scheint er hingegen nicht zurückzuschrecken.

Am Donnerstag, 28. November, liest ab 19.30 Uhr Albrecht Selge im Literaturhaus aus seinem Roman Fliegen.

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