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Frl. Wunder AG im Theater im Pavillon Hannover: „Schon wieder: Boss werden“

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17:15 10.10.2020
Irgendwann kommt man übern Berg: Benjamin Schröder und Melanie Hinz in „Schon wieder: Boss werden“ der Frl. Wunder AG. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

„Wenn Melanie redet, verstehe ich meistens nichts“, sagt Benjamin Schröder über seine Mitperformerin auf der Bühne des Theater im Pavillon. Und Melanie Hinz sagt über ihn: „Der kann sooo gut chillen.“ Hinz ist 39 Jahre alt, seit 16 Jahren Gründungsmitglied des feministischen Theaterkollektivs Frl. Wunder AG und seit fünf Jahren Professorin für Bildende und Performative Künste in der Kulturarbeit an der Fachhochschule Dortmund – verbeamtet auf Lebenszeit. Schröder ist 16 Jahre alt, Schüler einer 11. Klasse und redet gern über Fahrräder.

Er liebt es, mit dem Mountainbike Berge hinabzurasen. Sie reitet gerne auf Islandpferden. Melanie Hinz ist Benjamin Schröders Tante und sagt: „Er war das erste Neugeborene, das ich in den Händen hielt.“ Sie nähern ihre Welten ab und zu im gemeinsamen Familienurlaub an und auch auf der Bühne – in dem Stück „Schon wieder: Boss werden“. „Es ist Zeit für das Abenteuer, aus dir einen Mann zu machen, auf den ich zählen kann“, sagt Hinz. Also machen sich die beiden auf eine Reise durch sehr unterschiedliche Lebenserfahrungen und -entwürfe.

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Entwürfe von Männlichkeit

Sie hören sich dabei unterschiedlichste Entwürfe von Männlichkeit an. Vor allem haben sie aber Spaß daran, eigene Überzeugungen auseinanderzunehmen. Herbert Grönemeyers Hit „Männer“ dient als musikalisches Leitmotiv, in einer Instrumentalversion zwar. Aber das reicht, um ein beständiges Echo des Refrains im Kopf zu haben: „Wann ist ein Mann ein Mann?“ Ausführlicher wird die Musik des Gangsta-Rappers Kollegah behandelt, die der Neffe liebt – und die deutlich andere Antworten findet als Grönemeyer. „Das ist Alpha – die 10 Boss-Gebote“, heißt Kollegahs vor zwei Jahren erschienener Bestseller, der eine eher rüpelige, egoistische Version des Proto-Manns empfiehlt. Aber wieviel Boss darf Mann eigentlich sein?

Hinz und Schröder haben sich bei der Recherche für ihre performative Annäherung mit vielen Männern unterhalten. Manche von ihnen kommen per Video zu Wort und zeigen: Das Thema löst auch nach jahrzehntelangem Diskurs Zweifel und Unsicherheiten aus. Einer erzählt von seinem Aufwachsen mit Formeln wie: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Was er heute davon hält? Das zumindest wird klar: „Was für ein Scheiß.“

Boss werden

Hinz überlegt, ob sie vielleicht im Laufe ihrer Karriere zum Boss wurde. Wenn sie Männlichkeit im Sinne von Judith Butler als Performance betrachte, könne sie sogar fragen: „Bin ich der bessere Mann geworden?“ Was der 16-Jährige später machen will, weiß er noch nicht so recht. Familie und ein guter Job könnten Glück versprechen – vielleicht könnte er ja doch Bankkaufmann werden, wie der Vater. Aber Männlichkeit? Das abschließende Schweigen ist aufrichtig und authentisch.

Das Stück preist keine Zauberlösungen an wie der Rapper. Nur eben die Notwendigkeit, hartnäckig zu bleiben und immer weiter zu hinterfragen, was als Norm verkauft wird. Egal von wem.

Am Sonntag, 25. Oktober, um 17 Uhr zeigt das Theater in Pavillon die Premiere des Stücks „Mit den Augen eines zwölfjährigen Mädchens“.

Von Thomas Kaestle