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Region Matthias Brandt und Jens Thomas widmen sich Schumann
Nachrichten Kultur Region Matthias Brandt und Jens Thomas widmen sich Schumann
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17:39 27.04.2019
Wellenreiter und Ekstatiker: Matthias Brandt (links) und Jens Thomas. Quelle: Mathias Bothor
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Hannover

Wo ist sie bloß hin, die Musik? Verzweifelt sucht der Mann in seinem Zimmer nach Notenblättern und Partituren, er durchwühlt die Schränke, leert die Schubladen, aber eigentlich sucht er nur in seinem Kopf: Die vielen Stücke, die er erfunden hat, all die Klänge, die noch zu neuen Kompositionen zusammengefügt werden wollten – alles weg. Im Kopf des Komponisten Robert Schumann ist nichts als Chaos. Man habe ihm seine Musik gestohlen, klagt er immer wieder. Doch der Dieb haust im eigenen Körper: Die Geisteskrankheit, die ihn nur noch für seltene Momente der Klarheit aus ihrem Würgegriff entlässt, hat die Musik verstummen lassen, die immer in ihm war. Von all den Dingen, die Schumann nicht mehr versteht, ist ihm dieses Verstummen am wenigsten verständlich. Die Abwesenheit von Musik bringt den Komponisten endgültig um den Verstand.

Tagebuch eines Irrenarztes

Es ist kein leichter Stoff, den sich der Schauspieler Matthias Brandt und der Pianist Jens Thomas für ihr neues Projekt gesucht haben: Die letzten Lebensmonate von Robert Schumann, der sich nach einem Selbstmordversuch im Rhein freiwillig ins Irrenhaus verbannt und dort unter quälenden Wahnvorstellungen umkommt. Der Schriftsteller Peter Härtling hat das Ende des Komponisten in seinem Roman „Schumanns Schatten“ von 1996 nachvollzogen. Wichtigste Quelle für den 2017 gestorbenen Autor war das Tagebuch des Nervenarztes, der Schumann bis an sein Ende betreute. Auszüge aus Härtlings Roman bilden nun das Gerüst für den bemerkenswerten Abend von Brandt und Thomas.

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Für beide Künstler ist der Auftritt im nicht ganz gefüllten Funkhaus ein am Ende heftig bejubeltes Heimspiel: Schauspieler Brandt, Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers, hat sein Handwerk hier an der Hochschule gelernt, Thomas ist in Hannover aufgewachsen. Als Team sind sie seit Längerem erfolgreich: Sie haben schon „Psycho“ in ein musikalisches Live-Hörspiel verwandelt, „Angst“ verbreitet und den Soundtrack ihrer eigenen Jugend auf die Bühne gebracht. Nun erzählen sie von einem Komponisten, der nicht mehr komponieren kann. Mit Härtling erforschen sie eine wüste innere Welt, in der keine Musik mehr existiert – erstaunlich, dass sie dazu die Form der musikalischen Lesung gewählt haben.

Symbiotische Verbindung

Doch die beiden Künstler haben inzwischen zu einer Symbiose zusammengefunden, die weit über die übliche Verbindung zwischen Vorleser und Begleiter hinausgeht. Immer wieder sieht es aus, als werde Brandt und mit ihm die Figur, von der er erzählt, von der Musik aufgesogen. Er kriecht unter das Klavier, er umarmt den Pianisten beim Spielen oder legt zumindest die Hand an den Flügel, um zu spüren und zu zeigen, dass Klänge und Worte hier einander bedingen und gemeinsam neue Bedeutung finden: Wenn Brandt und Thomas etwa die Abwesenheit von Musik beschreiben, ist das nicht einfach Stille, sondern eine schreiende Leere. Eine furchtbare Wunde, die tödlich enden wird.

Kein Wunder, dass Thomas sich im Laufe des anderthalbstündigen Abends nur selten direkt bei Schumann bedient. Es gibt die „Loreley“, ein bisschen „Dichterliebe“ und einmal die „Kinderszenen“. Thomas sucht lieber den eigenen Klang der Geschichte. Dabei spielt er nicht nur Klavier, sondern singt auch, was bei ihm eher klingt, als befreie sich die Stimme aus seinem Körper. Als sei er ein Medium, das unterschiedlichen Persönlichkeiten von der Sopranistin bis zum Obertonsänger vorübergehendes Asyl bietet. In seiner Musik ist Thomas ein Ekstatiker, der Töne und Geschichten in einen Strom des Gefühls verwandeln kann. Und Brandt hat verstanden, dass er nichts tun muss, als sich darauf treiben zu lassen.

Von Stefan Arndt