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Region „Great again!“: Rummsfeld im Ballhof 1
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„Great again!“: Rummsfeld im Ballhof 1 

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00:16 15.05.2019
Spiel mit Klischees: Sebastian Schnitzler, Sebastian Hahn, Oliver Schmidt, Arno Schlenk, Philipp Kohnkesfeld in „Great again!“. Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Ein Mann mit überdimensioniertem Mexikanerhut und Tequila-Flasche lümmelt bereits beim Zuschauereinlass am Bühnenrand. Und dann ist da auf einmal ein Indianer mit imposanten Federschmuck. Mit geradem Schritt geht er einen quadratischen Parcours ab. Mit nicht näher zu erahnender Logik schlägt er eine der neun, über ihm hängenden, unterschiedlich großen Glocken an. Schließlich erscheint dann noch ein Cowboy, der auf den Indianer schießt. Und ein Mann, der als Freiheitsstatue verkleidet ist. Auch ein dunkel geschminkter Minstrelshow-Darsteller mit Onkel-Tom-Kostümierung tritt auf – als ob das umstrittene Blackfacing auf der Theaterbühne plötzlich wieder ganz in Ordnung wäre.

Nein, wir sind hier nicht bei einer Theater-AG-Version der Karl-May-Festspiele. Es geht um ein Konzert mit zeitgenössischer Perkussionsliteratur von Tom Johnson bis Steve Reich. Genauer: um ein Gesamtkunstwerk namens „Great again!“, gespielt von der Schlagzeuggruppe der Staatsoper Hannover, die seit 18 Jahren unter dem Namen Rummsfeld (eine Anspielung auf den ehemaligen Verteidigungsminister der USA, Donald Rumsfeld) versucht „verschiedene Musikstücke assoziativ erzählerisch miteinander zu verbinden und mit Hilfe von Licht, Bühnenbild und Kostüm Gesamtkunstwerke zu kreieren“ (Laut Programminfo). Genau das haben die Fünf von Rummsfeld bei der Premiere von „Great again!“ fast zwei Stunden an 125 verschiedenen Musikinstrumenten lang getan.

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Kalauer und Klischees

Dabei wird viel getrunken – vorwiegend Tequila und Whiskey –, gekalauert und fast jedes nur erdenkliche Klischee über die USA im allgemeinen und Donald Trump im besonderen bemüht. Musikalisch geht es weniger klischeehaft zu, sondern eher experimentell. Neben dem Minimalismus der die beiden Sets eröffnenden Glockenkomposition von Tom Johnson’„Nine Bells“ (1. und 2.Satz) und Steve Reichs Spätwerk „Mallet Quartet“ zeigen sich Sebastian Hahn, Philipp Kohnke, Arno Schlenk, Oliver Schmidt und Sebastian Schnitzler als virtuose Meister in der Beherrschung Synkopen- und kontrastreicher Partituren aus der Feder von Komponisten wie Tomer Yariv, Andy Akiho, Gene Koshinski, Keiko Abe, Matthias Reumert oder Casey Cangelosi.

Es wird geratscht, geklöppelt, gecrasht und auf die Pauke und Kuhglocke gehauen. Es werden mit Geigenbogen Becken gestrichen und Kunststoffbananen zum Zischeln gebracht. Ja, zum Abschluss kommt sogar rhythmisch getimt eine als Dynamitsprengsatz getarnte Konfettikanone zum Einsatz. Kurzum: musikalisch eher schwere Kost, leicht und kurzweilig dargebracht. Was ja irgendwie auch ein Kunst ist.

Weitere Termine: Dienstag, 14. und Mittwoch, 22. Mai, im Ballhof 1.

Von Bernd Schwope