HAZ-Thementage: Deutschland duzt – stirbt das „Sie“ aus?
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HAZ-Thementage: Deutschland duzt – stirbt das „Sie“ aus?

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23:58 20.11.2021
Sind die Briten lockere Duzer und die Deutschen verklemmte Siezer? Mitnichten. Das „Du“ ist auch in Deutschland vielerorts Teil des Alltags, wie hier in einer Einkaufsstraße in Dresden.
Sind die Briten lockere Duzer und die Deutschen verklemmte Siezer? Mitnichten. Das „Du“ ist auch in Deutschland vielerorts Teil des Alltags, wie hier in einer Einkaufsstraße in Dresden. Quelle: Angelika Warmuth/dpa
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Hannover

Der Brief kam von Lidl. „Hallo Bert“, las ich – und war, gelinde gesagt, etwas irritiert. Ein einziges Mal was bestellt, schon duzen sie einen? Aber es kam noch dicker: „Wir vermissen dich!“ Soso, dachte ich. Was soll das denn werden?

Nun, es sollte das werden, was es meist werden soll: „Deine letzte Shopping Tour liegt schon ein paar Tage zurück. Schau doch mal wieder in unserem Onlineshop vorbei!“ War ja klar. Lidl vermisste nicht mich, sondern mein Geld.

Der Brief steht für einen Trend. Deutschland duzt. Jedenfalls immer mehr. Was früher nur in der Familie, unter Freunden und engen Kollegen oder im Verein üblich war, hat großflächig Einzug in den Berufs- und Wirtschaftsalltag gehalten. Firmen wollen jung, hip und cool rüberkommen, um Kunden an sich zu binden, die auch jung, hip und cool sein wollen. Und weil junge, hippe und coole Menschen sich duzen, tun die Firmen das auch.

„Du“ für 53.000 Mitarbeiter

So kommt es, dass 2016 der Chef der Otto-Gruppe, Hans-Otto Schrader, Jahrgang 1956, auf einen Schlag seinen 53.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das „Du“ angeboten hat – die sich alle fragen durften, was ein derart inflationärer Schritt wert ist. Und so kommt es, dass Lidl inzwischen wahllos Leute ankumpelt, obwohl in dem Unternehmen noch vor einigen Jahren das Siezen am Arbeitsplatz vorgeschrieben war, wegen der Seriosität. Spielt wohl keine Rolle mehr.

Schüler und Schülerinnen und Studentinnen und Studenten duzen sich. Leute in Startups duzen sich, weil solche Firmen oft aus Studienbekanntschaften hervorgehen. In der Gastronomie werden Kunden immer häufiger geduzt, manchmal auch dann, wenn sie das gar nicht wollen, aber irgendein berufsjugendlicher Restaurantleiter hat es eben angeordnet.

Außerdem duzt man Kunden in Geschäften, die pinkfarbene Handyhüllen oder Sportklamotten verkaufen, erst recht, wenn es sich um Onlineshops handelt. Und in den sozialen Medien wird weit überwiegend geduzt – interessanterweise aber nicht auf Businessportalen wie Xing, und auch nicht bei Banken und Versicherungen.

Es gibt verschiedene Umfragen zum Duzen. Die Ergebnisse, grob zusammengefasst: Junge Leute stören sich weniger daran, wenn sie auch von Unbekannten geduzt werden. Aber je älter sie werden, umso mehr ändert sich das, und Frauen sind beim Duzen etwas empfindlicher als Männer. Man könnte als Faustregel sagen: Wer die 50 überschritten hat, siezt und lässt sich lieber siezen und empfindet das ständige Geduze auch schon mal als grenzüberschreitend. Ausnahme: 50-jährige Hoodie-Träger, die offenbar lange weder in den Spiegel noch in den Kalender geguckt haben.

Vom Küken bis zum Methusalem

Ausnahme zwei: Leute aus den Bereichen Kunst und Kultur und aus der Medienbranche duzen sich häufig durchgehend, vom Küken bis zum Methusalem. Und da ist es meist auch für alle okay. Es liegt vielleicht daran, dass in Theatern oder Agenturen oder Redaktionen durch gemeinsame inhaltliche Arbeit oft ein größeres Gemeinschaftsgefühl als in einer Werkhalle oder in einem Kaufhaus herrscht.

Allerdings bedarf das auch einer Diskussionskultur, in der man dem Chef oder der Chefin sagen kann, was er oder sie jüngst für einen Mist gebaut hat. Ausnahme von der Ausnahme: Intendanten-Legende Claus Peymann sagte zum Ende seiner Karriere, er besaufe sich nicht mit Schauspielern, und er duze sie auch nicht, er sei ja kein Kantinenwirt.

„Kein Kantinenwirt“: Intendanten-Legende Claus Peymann sagte zum Ende seiner Karriere, er besaufe sich nicht mit Schauspielern, und er duze sie auch nicht. Quelle: Paul Zinken/dpa

Du-Befürworter erklären gern das in der Globalisierung so wichtige Englisch mit seinem unterschiedslosen „you“ zur Grundlage für vermehrtes Duzen in Deutschland. Aber das ist falsch, wie der Trierer Anglist Werner Schäfer im Frühjahr im SWR erläuterte: Bis in die frühe Neuzeit wurde im Englischen zwischen „you“ und „thou“ unterschieden – und ersteres war (und ist) die formelle Anrede, das inzwischen ausgestorbene „thou“ war die persönlichere Variante. Heißt also: Wer „you“ sagt, duzt gar nicht, sondern siezt.

Mit der Kundenduzerei in Deutschland, die heute von Apple bis Aldi reicht, hat Ikea angefangen, in den Siebzigern. Das gehörte damals quasi zur Folklore, weil in Schweden das „Du“ üblich ist. Die Deutschen nahmen deswegen irrtümlicherweise an, alle Skandinavier gingen vertraut miteinander um. Das tun sie nicht. Sie verzichten bloß auf eine Variante der Ansprache, die mancher heute für steif hält, obwohl sie gar nicht in erster Linie für Distanz steht. Sondern für Respekt.

Das „Du“ ist in Ordnung, wenn alle Beteiligten einverstanden sind und nicht nur einverstanden sein müssen – sprich: wenn das Vertrauen, das beim Duzen mitschwingt, tatsächlich vorhanden ist Quelle: Thomas Banneyer/dpa

Kinder siezten ihre Eltern

Die Höflichkeitsanrede „Sie“ hat sich vom 9. Jahrhundert an in Deutschland entwickelt, aber es gab noch lange andere Formen, das „Er“ (Adelige sprachen so mit dem gemeinen Volk) oder das „Ihr“ (das gemeine Volk durfte so mit dem Adel sprechen). Das aus der 3. Person Plural abgeleitete „Sie“, das sich im 19. Jahrhundert schließlich durchsetzte, ist die bürgerliche Variante – nicht so ehrerbietig, aber auch nicht schulterklopfend.

Kinder sprachen ihre Eltern früher mit „Sie“ an. Goethe hat seine Mutter bis zu ihrem Tod gesiezt. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir siezten sich, jedenfalls in der Öffentlichkeit. Unter französischen Ehepaaren gibt es das manchmal noch heute, und es muss kein Zeichen von mangelnder Nähe sein.

Aber es kann auch für Distanz stehen: Als Lothar de Maizière, letzter Ministerpräsident der DDR, von Helmut Kohl nach der Wiedervereinigung das „Du“ angeboten bekam, soll er geantwortet haben: „Herr Bundeskanzler, ich habe nicht 40 Jahre DDR-Genossen-Du überstanden, um mich nun in der Bundesrepublik gleich wieder duzen zu lassen.“

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„Sie“ wahrt die Privatsphäre

Das „Sie“ erlaubt Abstand, ohne ihn zur Bedingung zu machen. Und es wahrt bei Bedarf die Privatsphäre: All die Geschichten von den schmierigen Vorgesetzten, die bei der Betriebsfeier erst ihr „Du“ an nette junge Damen verteilen und sich dann nicht mehr benehmen können, sind ja kein Zufall. Außerdem fällt Kritik beim Duzen oft drastischer aus als beim Siezen. Und das „Du“ vom Chef schützt nicht vor Kündigung. Es ist übrigens viel eleganter, nach dem Rauswurf „Sie Arschloch“ zu sagen.

Das „Du“ ist in Ordnung, wenn alle Beteiligten einverstanden sind und nicht nur einverstanden sein müssen – sprich: wenn das Vertrauen, das beim Duzen mitschwingt, tatsächlich vorhanden ist. Soll nur der Eindruck von Zusammengehörigkeit und flachen Hierarchien erzeugt werden, ohne dass es dergleichen wirklich gibt, handelt es sich um Fassade. Ist also gelogen. Und wertlos.

Doch die Tendenz zum „Du“ ist unverkennbar: 46 Prozent der Deutschen, hat das Meinungsforschungsinstitut Appinio 2019 ermittelt, duzen inzwischen ihre Vorgesetzten. Wenn das so weitergeht, gehört das Siezen bald zur Avantgarde. Es gibt Leute, die glauben, dass das „Sie“ aussterben wird. Aber das wird nicht passieren, solange noch ein paar Menschen auf Höflichkeit achten. Und: In der zitierten Umfrage kam auch heraus, dass 22 Prozent von denen, die ihren Chef duzen, gern wieder zum „Sie“ zurückkehren würden.

Nachdem ich den Lidl-Schrieb gelesen hatte, habe ich überlegt, dem Konzernobersten Dieter Schwarz meinerseits einen Brief zu schicken. „Hallo Dieter“, wollte ich schreiben, „ich kauf gern mal wieder in Deinem Laden. Allerdings erst, wenn Du nicht mehr dieses Billigfleisch aus den Schlachtfabriken anbietest.“ Ich habe dann aber doch nur eine Mail an Lidl gesandt, dass sie mich mit ihrer Reklame nicht mehr behelligen sollen.

Die Antwort („Sehr geehrter Herr Strebe …“) war formvollendet.

Von Bert Strebe