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Hannover: Dirigent Andrew Manze zum Brexit: „Mein Vertrauen in die Demokratie ist erschüttert“

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20:00 30.01.2020
„Die großen Probleme kommen erst noch“: Andrew Manze. Quelle: Ole Spata/dpa

Mister Manze, es hat lange gedauert, nun kommt es in der Nacht zu Sonnabend tatsächlich zum Brexit. Wie fühlt sich das für Sie an?

Ich bin so traurig, wie ich es die ganze Zeit schon war. Ich hatte zwar gehofft, dass es vielleicht doch nicht dazu kommen würde, aber im Dezember hat sich diese Hoffnung ja leider endgültig erledigt. Ich bin traurig, weil ich das Gefühl habe, dass die Menschen, die das entschieden haben, nicht wirklich wissen, was die EU eigentlich ist. Und wie wichtig unsere Freundschaft und Verbindung mit den 27 europäischen Ländern ist. Sehr traurig macht mich auch, dass die Demokratie hier eine schlechte Entscheidung getroffen hat. Der Brexit erschüttert mein Vertrauen in die Demokratie und in die menschliche Vernunft.

Sie haben allen Optimismus verloren?

Ich glaube, dass die Europäer weiterhin ein gutes Verhältnis zu den Briten haben wollen. Und ich glaube auch, dass die Briten einsehen werden, dass sie ein gutes Verhältnis zu den Europäern haben müssen. Ich bin also optimistisch, dass die Menschen das Beste aus dieser Entscheidung machen werden. Aber es bleibt eine sehr schlechte Entscheidung.

Welche persönlichen Konsequenzen wird der Brexit für Sie haben?

Ich habe sie bereits gezogen und die schwedische Nationalität angenommen. Ich wohne seit Jahren in Stockholm. In Schweden leben viele Briten, die jetzt eingebürgert werden wollten. Dieser Wunsch wurde dort netterweise schnell und unkompliziert erfüllt. Ich habe Glück und muss mich mit einem schwedischen Pass weniger um die Folgen kümmern, die der Brexit haben wird. Wir wollen zum Beispiel im November mit der Radiophilharmonie nach England fahren. Das könnte kompliziert werden, auch wenn sich in diesem Jahr noch nicht so viel ändert. Die großen Probleme kommen erst noch.

„England wird in vielen Bereichen hinter Europa zurückfallen“: Andrew Manze. Quelle: Frank Wilde

Was, glauben Sie, wird sich in England ändern?

Ich sorge mich natürlich um das Kulturleben im Land. Es wird finanzielle Probleme geben, und das Kulturleben wird darunter leiden, weil es in England nicht so einen hohen Stellenwert hat wie in Deutschland. Ich sorge mich auch um die Qualität der Künstler. Wenn sie weniger Entfaltungsmöglichkeiten haben und weniger Erfahrungen sammeln und Austausch erleben können, wird das nicht gut für sie sein. Auf diese Weise könnte England in vielen Bereichen ein bisschen hinter Europa zurückfallen.

Sie sind nicht nur Chef der NDR Radiophilharmonie in Hannover, sondern auch Erster Gastdirigent des Royal Liverpool Philharmonic Orchestras. Können Sie in dieser Position etwas bewegen?

Die meisten Musiker sind gegen den Brexit, und ich habe das Gefühl, die meisten Zuhörer auch. Wir müssen abwarten. Boris Johnson und seine konservative Regierung sind derzeit sehr stark auf den Brexit fixiert. Aber die Regierung wird wechseln, wahrscheinlich sieht man das Brexit-Ideal eines Tages auch wieder etwas realistischer. Dann ist es Zeit für uns alle, zu versuchen, wieder in die EU zurückzukehren. Es wird allerdings viele Jahre dauern. Es ist einfach, etwas zu beenden, aber es ist viel schwieriger, wieder etwas aufzubauen.

Was werden Sie am Brexit-Abend tun?

Gerade bin ich in Berlin und habe die Trauerflaggen über dem Bundestag gesehen. Ich habe Freunde gefragt, ob das etwa wegen des Brexits sei. Tatsächlich aber waren die Flaggen natürlich wegen des Auschwitz-Gedenktages auf halbmast. Wenn man sich daran erinnert, wird sehr deutlich, dass der Brexit einfach nur ein Stück Politik ist. Keiner wird sterben, wie ich hoffe, niemand wird so sehr leiden. Darum ist der Freitag für Europa einfach ein Tag wie jeder andere. In England sind einige Leute froh, sie werden Feuerwerke abbrennen – aber ich glaube, dass sie in fünf Jahren auch denken, dass sie einen Fehler gemacht haben. Ich gehe an dem Abend einfach früh ins Bett. Ich habe am nächsten Tag ein Konzert.

Zur Person

Andrew Manze wurde 1965 in London geboren und hat in Cambridge studiert. Seit 2014 ist er der Chefdirigent der NDR Radiophilharmonie in Hannover. In England ist er Erster Gastdirigent des Royal Liverpool Philharmonic Orchestras. Beide Klangkörper haben unter seiner Leitung 2018 gemeinsam Benjamin Brittens „War Requiem“ in beiden Städten aufgeführt. Manze, der seine Karriere als Geigensolist und Alte-Musik-Experte begonnen hat, ist inzwischen weltweit als Gastdirigent sehr gefragt. Er lebt mit seiner Familie in Stockholm, seine Frau ist dort Konzertmeisterin an der Königlichen Oper.

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