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00:15 29.03.2019
Emilia Anastazja beim Konzert im Kulturpalast Quelle: Volker Wiedersheim
Hannover

Okay, manchmal muss man sich die Rahmenhandlung von einem Konzert dazudenken. Sonst versteht man nicht wirklich, was das ist, was man da sieht. Vergessen wir mal ausnahmsweise den üblichen Kanon der Konzertkritik und gehen das am Beispiel des Besuchs von Emilia Anastazja im Kulturpalast durch, der – so viel vorweg – ein unverhofftes, großes Geschenk ist an diesem Montagabend.

Fängt ja schon damit an: Montag. Nicht gerade der Partytag. Geht doch keiner aus dem Haus, oder? Sängerin Anastazja und ihre Band sind in Basel morgens in einen Bulli gestiegen. Richtung Hannover. Voll geladen mit Instrumenten, Verstärkern, Taschen mit Klamotten für eine Woche (es geht noch nach Hamburg, Hildesheim und Berlin). Sechs Musiker, sechs Stunden Autobahn, sechs Uhr abends in Hannover. Man muss das schon wollen.

Wenn die Musik-Nerds tanzen

Der Kulturpalast ist ein wunderschöner Laden, toller Sound. Sind aber, auch das muss man als Band wollen, nur gut 30 Leute da. Drei davon sind bekifft, zwei davon unterhalten sich über was ganz anderes. Vier davon sind die Vorband. 15 oder so sind Fans und Freunde der Vorband um John Winston Berta, der zu Recht eine kleine lokale Berühmtheit ist. Sein Vater sitzt am Tresen und kennt sich echt mit Musik aus. Der Eintritt kostet sieben Euro. Aber den zahlt ja kaum jemand, weil jeder irgendjemand kennt – Gästeliste, Baby! Also tritt die Band für weniger als eine Tankfüllung auf. Auch dagegen muss sie anspielen. Und das muss sie erst recht wollen. Mancher hat ja eine potente Plattenfirma im Rücken, die das alles üppig sponsert, um Alben zu verkaufen. Toll. Anastazja nicht. Die hat ein Crowdfunding gemacht, um das Album „Blue“ aufzunehmen. Wenn das jetzt jemand bei Spotify oder Apple Music streamt, bekommt die Sängerin dafür jedes Mal 0,001 Cent oder so. Umgerechnet in Schweizer Franken sind das Pi mal Daumen 0,001 Räppli. Aber der schwyzerdütsche Diealektschreib macht es nicht mehr. Eine Band muss das schon sehr wollen. Sehr, sehr wollen.

Emilia Anastazja sorgt auf der kleinen Bühne für großen Konzertspaß: Der Besuch im Lindener Kulturpalast.

Das Gute ist: Anastazja und ihre Combo, die wollen das. Sehr sehr. Und damit kommen wir nach der Tränendrüsenvorgeschichte zum Konzert. Erster Song, „Rollercoaster“ zum Eingrooven. Beim zweiten Song, „Be Together“ wird klar: Das Ding hier läuft auf ein Happy End zu. Stilrichtung: Nu-Soul-Jazz-Funk. Eigenständig. Aber wer an die Brand New Heavies, Jamiroquai und vielleicht ein bisschen Lauryn Hill als Ausgangspunkt denkt, liegt nicht völlig falsch. Hier ein Video-Schnipsel aus dem Kulturpalast – ein Vorgriff auf die Zugabe (Emilia Anstazja links, rechts die jüngere Schwester Julia Taubic).

Die sechs Schweizer schmeißen ohne Zurückhaltung eine XXL-Portion Talent auf einen gottverdammten Montagabend, einen mäßig besuchten Club – aber auch auf fruchtbaren Boden. Die Rechnung geht auf. Vielleicht liegt es daran, dass Winston Berta, sein Vater und seine Crew, ihre Freunde, die drei Bekifften und die zwei Schnacker eben auch echte Musik-Nerds sind. Sieht verdächtig danach aus, als würden die meisten von ihnen selbst in Bands spielen und sich auskennen.

Verschwende jeden Augenblick dein Talent!

Connaisseure! Es wird trotzdem oder gerade deshalb getanzt. Denen fällt neben der über alle Zweifel erhabenen Stimme von Emilia Anastazja auf, dass ihre Schwester und Backgroundsängerin Julia Taubic, Gitarrist Daniel Messina und Bassist James Krüttli großartig verflochtene Satzgesänge können. Dass die Soli von Messina und Pianist David Cogliatti skalenmäßig die gespurten Pisten verlassen. Dass Schlagzeuger Florian Haas und Bassist Krüttli (obwohl er manchmal ein bisschen so da steht, als würde er auf den Bus warten) die Takte wie mit einem Präzisionlaser in Grooves zerschneiden. Songs wie „Love Beyond the Moon“, „Over Now“ und „The One“ kennt in Hannover (noch) kein Mensch, aber sie sind Heureka-Momente. Plötzlich ist der Montagabend viel besser als sein Ruf. Ein unverhofftes Geschenk.

Kurz noch die Setlist abfotografieren

Klar. Ed Sheeran, Pink und Rammstein stehen in dieser Saison auf Hannovers Konzertkalender. Und natürlich bringen die ebenso eine Überdosis an Talent mit. Nur: Bei den 70.000 in einem Ed-Sheeran-Konzert sind 60.000 so weit weg, dass sie den geliebten Rotschopf nur auf den großen Screens sehen. So ein Konzert im Kulturpalast dagegen geht den Besuchern buchstäblich nahe. Wir sind vielleicht ein wenig entwöhnt davon. Durch den Pop-Gigantismus. Der hat zwar auch seinen Reiz, aber so etwas gibt es da nicht: „Hey, Emilia, ist das in deiner Hosentasche da die Setlist mit den Songs für heute Abend?“ – Ja.“ – „Würde ich gern mit dem Handy abfotografieren, das macht es beim Konzertbericht nachher leichter.“ – „Kein Problem!“

Ist nicht ausgedacht. Das Foto von der Setlist finden Sie in der Bildergalerie. Vielleicht sollte man die Nahbarkeit von Musik – also: nicht abstrakt, sondern konkret in Metern – einfach häufiger zum Kriterium ihrer Bewertung machen. Nichts gegen Ed Sheeran. Aber für sieben Euro bekommen Sie bei dem grad mal ein Bier. Ohne Konzert. Das kostet extra und wird auf einem Screen gezeigt. Da hinten.

Wir hätten da noch was für Sie!

Sie haben bis hierhin gelesen, weil Sie – das darf unterstellt werden – wirklich SEHR an Musik interessiert sind. Gut möglich, dass Sie sich dann auch unsere Liste von Hannovers Näher-ran!-Clubkonzerten im April mal anschauen möchten. Empfehlung: Bringen Sie Kopfhörer und etwas Zeit mit, wir zeigen Videos. Folgen Sie mir unauffällig HIER ENTLANG.

Von Volker Wiedersheim

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