Hannover: Wie live2home in Corona-Zeiten mit Konzerten Geld sammelt
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Region „Fast so geil wie live!“: Wie live2home in Corona-Zeiten mit Konzerten Geld sammelt
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Hannover: Wie live2home in Corona-Zeiten mit Konzerten Geld sammelt

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22:58 19.04.2020
„Kommt, singt mit zu Hause!“: Die Band High Fidelity bringt Roots-Rock-Flair in das asiatische Möbelhaus. Quelle: Foto: Torsten Block
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Vahrenwald

Das asiatische Einrichtungsgeschäft Sam Nok an der Vahrenwalder Straße ist in der Corona-Krise zur Konzertbühne geworden: Zweimal pro Woche treten dort hannoversche Musiker unter dem Motto live2home auf – über einen Stream auf Youtube können Zuhörer dabei sein. Die Spenden, die auf www.live2home.de/spende parallel gesammelt werden, gehen zu 100 Prozent an Musiker und Techniker. „Das war eine Schnapsidee“, sagt Torsten Block von Block Musik über das Projekt, das so erfolgreich gestartet ist, dass es der Konzert- und Eventveranstalter nun größer aufziehen möchte.

Ins Leben gerufen hat Block live­2home zusammen mit dem befreundeten Musiker Juan Schmidt. Zum Team gehören außerdem noch der Tontechniker Kai Ulrich, der unter anderem für die Scorpions und David Garrett gearbeitet hat, und Torsten Blocks Sohn Sebastian, der Medienmanagement studiert und sich um den Videoschnitt kümmert. Das Tonequipment wurde von Acoustic Service für einen Sonderpreis zur Verfügung gestellt.

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Seit Mitte März gab es in den Räumlichkeiten des derzeit geschlossenen Geschäfts Sam Nok Aufritte, die als Livestream übertragen wurden. Auf Youtube sind sie aber auch nachträglich weiter abrufbar.

„Lassen uns nicht unterkriegen“

Ab der zweiten Veranstaltung wurden über den Verein HSP Charity und die Spendenplattform betterplace.org Spenden für die Musiker und Techniker gesammelt, die live­2home ermöglicht haben. Die Veranstalter verzichten auf eine Bezahlung.

„Wir lassen uns nicht unterkriegen, weil wir unsere Musik einfach weiterspielen“, sagt Sängerin Martina Maschke. Zusammen mit Pianist Ecki Hüdepohl bildet sie das hannoversche Duo It’s M.E., das zum Auftakt der Live­streams einen 25-minütigen Mix aus Blues-, Soul-, Jazz-, Pop- und Rock-Nummern spielte.

Kai Ulrich ist für den guten Ton zuständig. Quelle: Torsten Block

Maschke und Hüdepohl nutzen die corona-bedingte Zwangspause ohne Liveauftritte, um zu Hause ihr 18. Album aufzunehmen. Im kommenden Jahr feiert die Band ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum. Maschke singt bei live2home mit kraftvoller Stimme, während Hüdepohl sie am Klavier begleitet und im Hintergrund mitsingt. „Leute, spendet! Das ist wichtig, weil hier ganz viele tolle Musiker spielen“, sagt Maschke nach dem zweiten Song und bedankt sich bei Torsten Block, seinem Team – und beim Publikum. Anschließend stimmt Maschke die ruhige Nummer „It’s Me“ an. Emily Winter kommentiert im Youtube-Chat: „Juhu, It’s M.E. – eine meiner Lieblingsbands aus Hannover!“ Zum Schluss covern Maschke und Hüdepohl den Song „Oh Happy Day“.

„Hilfe zur Selbsthilfe“

Durch den Premierenabend führte Moderator Pit Schwaar von Cream Flow, der für It’s M.E. Gitarre spielt, wenn die Band in großer Besetzung auftritt. Er sprang kurzerhand für Juan Schmidt ein, der am Morgen vor der live­2home-Premiere Vater geworden war.

Die Reihe hat prominente Fans: „Das ist eine wunderbare Idee aus dem Herzen Niedersachsens“, lobt etwa NDR-2-Radiomoderator Uwe Bahn in einem Einspieler. Live2home komme aktiven Musikern in der Region zugute und sei eine Hilfe zur Selbsthilfe. „Wir schaffen das mithilfe der Musik“, sagt Bahn, der selbst ein ähnliches Projekt namens Ät Home auf Youtube und Facebook initiiert hat.

Hohe Spendenbereitschaft

Schon bei der Premiere zeigten sich die Musikfreunde spendabel: Steuerberater Carsten Schulz von der Steuerkanzlei HSP Steuer Hannover und Rainer Gärtner von der Brigade Eins Werbeagentur unterstützen das Projekt tatkräftig. Die Steuerkanzlei hat 500 Euro gespendet, ein mittelständisches Unternehmen hat ebenfalls über 1000 Euro beigesteuert. Im Durchschnitt habe jeder Einzelspender pro Veranstaltung etwa 30 Euro gespendet, sagt Block. „Von der Spendenwilligkeit waren wir extrem überrascht“, sagt der Initiator. „Am Ende werden wir voraussichtlich etwa 3500 Euro übrig haben, die wir dann noch mal im Gießkannenprinzip an bedürftige hannoversche Künstler ausschütten können“, erläutert der Veranstalter bei einer Zwischenbilanz.

Sebastian Block kümmert sich um den Videoschnitt. Quelle: Torsten Block

Roots-Rock-Flair in Asia-Kulisse

Mit dabei ist auch die Band High Fidelity. Sie hat sich 2017 gegründet und spielt einen von Neil Young inspirierten, modernisierten West-Coast-Sound. Perfekt, um den Abend bei einem Kaltgetränk auf dem heimischen Sofa ausklingen zu lassen oder es zum Tanzen beiseitezuschieben. Die Band mit Tom Wisniewski, Moritz Haak, Nils Meyer und Sven Braun bringt ein bisschen Roots-Rock-Flair in die asiatische Kulisse. Die Musiker präsentieren ihre neue Single „Let it All Out“, die Mitte April erscheinen soll. Die Band freue sich sehr, Teil von live2home zu sein. „Wir kommen so auch mal wieder raus und können zusammen spielen und euch zu Hause vielleicht ein bisschen aufrütteln“, sagt Frontmann Tom Wisniewski und fügt aufmunternd hinzu: „Die Hoffnung nicht aufgeben!“

„Fast so geil wie live!“

Wisniewski spielt sich mit einem ausgedehnten Gitarrensolo in Ekstase. „Kommt, singt mit zu Hause! Lasst es eure Nachbarn hören, Mann!“, ruft der Sänger und bringt seine Bandkollegen zum Lachen. „Fast so geil wie live!“, schreibt jemand in den Kommentaren. Ein anderer lobt, dass die Bands an diesem Abend richtig gut zusammenpassen. Zum Abschluss bedankt sich Moderator Schwaar bei den Künstlern – und auch bei jenen, die bisher mitgemacht und ihre Gage gespendet haben: DJ Wolf Kolster, Pianorocker Andy Lee und Thorsten Wingenfelder.

Bundesweite Plattform geplant

Die erste Staffel mit neun Veranstaltungen ist inzwischen abgeschlossen, mit live2home soll es aber weitergehen. Auch wenn die Corona-Auflagen etwas gelockert werden, sodass Sam Nok wieder öffnen kann, werden die Konzerte weitergeführt, sagt Torsten Block. Außerdem habe er vor, seine Livestream-Plattform auch auf Musiker aus ganz Deutschland auszuweiten.

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Geplant ist zuerst aber eine Onlineabstimmung zu den beteiligten Bands. Aus den Videos mit den meisten Likes soll eine Liveclip-Show erstellt werden – ähnlich wie früher in der Fernsehserie „Formel Eins“.

Mehr Informationen gibt es unter www.live2home.de. Spenden werden unter www.live2home.de/spende entgegengenommen.

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Von Lisa Eimermacher

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