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Herr Mangold, laden Sie AfD-Politiker ein?

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16:18 15.08.2019
„Katastrophe ist eine Dauerdiagnose der Weltgeschichte“: Ijoma Mangold. Quelle: Sebastian Hänel
Interview

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Herr Mangold, Sie übernehmen die Moderation des „ABC der Demokratie“. Carolin Ehmke, Ihre Vorgängerin, ist bis zum Buchstaben H gekommen. Sie beginnen im Oktober und werden mit den Buchstaben I, J, K weitermachen.

Hat Sie das überrascht?

Nein. Überraschend ist das ja nicht, aber vielleicht verstörend. Warum beugen Sie sich dem Zwang des Alphabets und buchstabieren einfach weiter?

Ich bin froh, dass wir noch einige verbliebene normative Ordnungen haben, an die wir uns halten können, ohne groß nachdenken zu müssen.

„So ein Moment der Willkür ist doch ganz toll“

Aber so toll ist die normative Ordnung des Alphabetes ja auch nicht. Unter einigen Buchstaben lassen sich viele Begriffe finden, über deren Analyse sich Fragen der Gegenwart klären ließen, bei anderen muss man lange suchen.

Sicher ist da einiges willkürlich. Aber so ein Moment der Willkür ist doch ganz toll. Das gilt für die Kunst, aber auch fürs Leben: Man folgt einem formalen Zwang, und ist so gezwungen, zu neuen Ideen zu kommen. Ordnungsvorgaben können dich schöpferisch machen.

Beim Buchstaben K wird das Problem mit dem Alphabet ganz deutlich. Da hätte man über Katastrophen oder die Klimakrise sprechen können; Sie aber haben sich für den Begriff Klasse entschieden.

Katastrophe ist eine Dauerdiagnose der Weltgeschichte, deswegen glaube ich nicht, dass man über diesen Begriff etwas Charakteristisches über unsere Gegenwart herausfinden kann.

Kommt man mit dem Begriff der Klasse denn weiter?

Aber ja. Das ist ein absolut großes Thema, und es ist überraschender als Klimakrise oder Katastrophe. Beim „ABC der Demokratie“ geht es schließlich um Überraschungen und um die Chance, die Dinge ein bisschen anders zu sehen. Es lohnt sich, auf den guten alten Klassenbegriff zurückzugreifen, der in den vergangenen dreißig Jahren fast völlig von der Bildfläche verschwunden ist. Mittlerweile merken wir, dass wir den Klassenbegriff leichtfertig preisgegeben haben.

Zuer Person

Ijoma Mangold wurde 1971 in Heidelberg geboren. Er arbeitet als kulturpolitischer Korrespondent für die „Zeit“ und ist Autor des Bestsellers „Das deutsche Krokodil – Meine Geschichte“. Er übernimmt zur neuen Saison die vom Schauspiel Hannover und der Stiftung Niedersachsen organisierte Gesprächsreihe „ABC der Demokratie“ von Carolin Emcke. Zum Auftakt am 24. Oktober spricht er mit dem Soziologen Heinz Bude über Identität. Das Thema Klasse wird im Januar verhandelt.

Warum?

Nach der Wahl von Donald Trump hat sich in der politischen Linken langsam das Bewusstsein herausgebildet, in den letzten Jahren auf Kosten von Klassenfragen zu sehr über Fragen der Identität diskutiert zu haben. Die Vernachlässigung der Klassenlage hat auch dazu geführt, dass die politische Linke einen großen Teil der Wähler aus den Augen verloren hat.

Sind Gesprächsveranstaltungen im Theater nicht immer ein bisschen merkwürdig? Theater sind doch für Spiele gemacht, für das Als-Ob, für Unterhaltung.

Ein solches Gespräch muss auf jeden Fall extrem unterhaltend sein und immer einen spielerischen Charakter haben. Die ganze Politik ist im Wesentlichen Reden. Dass wir politische Staatsbürger sind, zeigt sich vor allem darin, dass wir miteinander streiten und diskutieren. Ohne diese Freude am öffentlichen Austausch kann die Demokratie gar nicht auskommen. Und in all diesen Redeschlachten ist immer auch ein Moment der Theatralik zu finden, die von Haus aus nach der Bühne strebt.

„Im Zentrum steht die intellektuelle Auseinandersetzung“

Wollen Sie das Moment der Theatralik in Ihrer Gesprächsreihe noch verstärken? Werden da nur Menschen zusammen auf dem Podium sitzen und miteinander reden? Oder passiert noch irgendetwas anderes?

Nein, um Gottes willen. Wir wollen kein Beiwerk. Im Zentrum steht die intellektuelle Auseinandersetzung. Und ich kann versichern, dass auch das Publikum seine Freude daran haben wird. Der intellektuelle Streit funktioniert übrigens dann besonders gut, wenn man nicht allzu sehr festgelegt ist, wenn man sich nicht ideologisch verbunkert, sondern wenn man sich auf andere Perspektiven und neue Argumente einlässt.

Das hängt ja sehr vom Partner ab. Haben Sie Gäste eingeladen, mit denen zu streiten sich lohnt?

Das war auf jeden Fall immer ein Auswahlkriterium. Es kommt nicht nur darauf an, dass unsere Gesprächsteilnehmer intellektuelle Köpfe sind, sondern auch, dass sie lebhaft zu streiten verstehen.

Wenn Ihnen der Streit so wichtig ist, müssten Sie ja vor allem Leute einladen, die eine andere Meinung haben als sie.

Meine Ansichten sind so idiosynkratisch, dass es nicht besonders schwer ist, Leute zu finden, die die Dinge komplett anders sehen als ich selbst. Außerdem neige ich dazu, schon aus Trotz zu widersprechen. Was das betrifft, stecke ich irgendwie noch immer in meiner Pubertät.

Heißt dass, dass Sie gegebenenfalls auch einen AfD-Politiker einladen würden?

Habe ich nicht vor. Von alleine wäre ich auch gar nicht auf die Idee gekommen. Aber wenn Sie mir jetzt so die Pistole auf die Brust setzen: Dogmatische Ausschließeritis geht meistens nach hinten los, aber ich sehe keinen intellektuell satisfaktionsfähigen Kandidaten bei einer Partei, die immer hemmungsloser mit der Angst, der Wut und den Ressentiments der Bürger ihr Geschäft macht. Interview: Ronald Meyer-Arlt

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