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Herrenhausen: Kunstfestspiele überraschen mit Claude Viviers Kopernikus und Peter Sellars

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00:18 13.05.2019
Unterwegs auf dem Klangstrom: Szene aus „Kopernikus“ in der Orangerie Herrenhausen. Quelle: Helge Krückeberg
Hannover

Natürlich überrascht es wenig, wenn eine Oper, die den Titel „Kopernikus“ trägt, irgendetwas mit dem Weltall zu tun hat. Das, was nun zum Auftakt der zehnten Kunstfestspiele Herrenhausen in der Orangerie zu erleben war, wirkt allerdings so vollkommen fern und fremd, als komme es von einem anderen Stern. Mit herkömmlichen Musiktheater jedenfalls hat Claude Viviers rätselhaftes „Opern-Ritual des Todes“ von 1979 so gut wie nichts gemein.

Die zehnte Ausgabe der Kunstfestspiele Herrenhausen startet mit Peter Sellars

 

Die Musik des kanadischen Komponisten, der Schüler von Karlheinz Stockhausen war und vier Jahre nach Vollendung von „Kopernikus“ im Alter von nur 34 Jahren ermordet wurde, ist ein Klang-Ufo, das mit üblichen Kategorien kaum zu fassen ist: Sie ist nicht dissonant, folgt aber auch nicht der Logik der klassischen Harmonik. Wie schwerelos schweben die Akkorde hier im Raum. Manchmal vermischen sie sich zu glimmenden Klangflächen, die so unversehens und scheinbar zufällig verschwinden können, wie sie entstanden sind. Ein Anfang oder ein Ende, eine Richtung in ihrer Bewegung sind nicht zu erkennen. Diese Musik kann man kaum begreifen – man muss sich ihr ergeben.

Sonderbar – und schön

Der Regisseur Peter Sellars hat sich tief in die eigenwillige Klangwelt des Komponisten versenkt. In seiner Inszenierung, die er nach der Premiere im Februar in Paris nun in Herrenhausen präsentiert, spürt der Regisseur den Anziehungs- und Abstoßungskräften der Töne nach und übersetzt sie in Bewegungen: Man kann dabei zusehen, wie die Musik in die Menschen auf der Bühne fährt. So hebt Sellars an seinen Figuren beispielhaft die Grenzen der Wahrnehmung auf: Am besten, so zeigt es diese Inszenierung, versteht man Vieviers Musik, indem man in sich hinlauscht.

Dafür verzichtet Sellars darauf, dem Stück eine nachvollziehbare Handlung überzustülpen, die das Libretto des Komponisten ohnehin nicht hergibt: Über weite Strecken in einer Fantasiesprache verfasst treten darin eine hinduistische Feuergöttin und der Zauberer Merlin, ein feinsinniger Vogel, die Königin der Nacht, Tristan und Isolde und viele weitere Figuren auf.

Eine Oper wird zum Requiem

Der Regisseur bringt das bunte Gemisch in eine strenge, sakral anmutende Form. Weiß gekleidet betreten die Musiker – sechs Bläser und eine Geigerin vom Ensemble L’Instant Donné – und die Sänger des Vokalensembles Roomful of Teeth wie in einer Prozession die spärlich möblierte Bühne. In der Mitte ist ein Mensch aufgebahrt, der zunächst wie ein Toter betrauert wird, dann aber auf(er)steht und sich als charismatischer Führer erweist, der Musiker und Sänger schließlich feierlich aus dem Saal geleitet, als sei das Erlösung: Die Oper wird zum Requiem.

Regisseur Peter Sellars bei den Kunstfestspielen Herrenhausen. Quelle: Irving Villegas

Versenkung in die Musik

Der Tänzer Michael Schumacher verkörpert diese zunächst erstarrte Figur. Er verwandelt die Klänge nach und nach in Gesten und macht das kaum Fassbare zumindest anschaulich: erst sehr kleinteilig und filigran, dann mit zunehmend raumgreifender Bewegung. Schumachers stumme Figur verdichtet und verklärt das ohnehin reichlich mystische Geschehen. An esoterischen Kitsch, der hier wohl nie ganz fernliegt, denkt man dabei trotzdem sehr selten.

Leicht zu begreifen und doch erstaunlich ist die Leistung der Musiker und Sänger, die sich hier ohne Hilfe eines Dirigenten und in zum Teil großer Entfernung voneinander sicher verständigen und einen weichen, intensiven, Raum und Grenzen überwindenden Klangstrom erzeugen. Wer sich von ihm tragen lässt, wird weit abgetrieben. Das ist sonderbar. Und schön.

Noch einmal am Sonnabend, 11. Mai, um 19.30 Uhr in der Orangerie Herrenhausen. Am Sonntag, 12. Mai, gibt es bei den Kunstfestspielen neben dem Geburtstagsfest in Herrenhausen ab 15 Uhr Shakespeare-Stücke mit der Gruppe Forced Entertainment im Kulturzentrum Faust.

Das Geburtstagsfest

Der 10. Geburtstag der Kunstfestspiele Herrenhausen wird am Sonntag, 12. Mai, mit einem Fest gefeiert. Alle Veranstaltungen sind kostenlos, auch der Eintritt in den Garten ist an diesem Tag frei. Um 14.30 Uhr und um 16.30 Uhr leitet Ingo Metzmacher Platzkonzerte mit dem Blasorchester Opus 112 der Feuerwehr Hannover. Zum Abschluss des Tages singt Jocelyn B. Smith um 20.30 Uhr im Gartentheater, ab 21.30 Uhr spielt Pianist Aron Ottignon im Festivalzelt. Für Kinder gibt es ab 14 Uhr einen Musikworkshop, auf der Aussichtsterrasse stellt Künstler Erwin Stache seine Klangobjekte für Kinder aus. Um 16.30 Uhr ist „Der Teufel mit den goldenen Haaren“ als Puppenspiel zu sehen.

Von Stefan Arndt

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