Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Region „Hikikomori“ begeistert das Publikum in Hannover
Nachrichten Kultur Region „Hikikomori“ begeistert das Publikum in Hannover
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
01:15 08.04.2019
Mensch oder Maschine? Szene aus „Hikikomori“ von Felix Landerer & Company. Quelle: Foto: Katrin Ribbe
Anzeige
Hannover

“Ich kann sehr unterhaltsam sein“, prahlt eine computeranimierte Stimme aus dem Off. Sie verspricht, Antworten auf alle Fragen zu haben und stets die Wahrheit zu sagen. Die Botschaft ist klar: Menschliches Miteinander ist im digitalen Zeitalter überflüssig. Rechner und Roboter kommunizieren mit uns, melden, wann der Kühlschrank aufgefüllt werden muss, optimieren unser Ess- und Bewegungsverhalten. Mit ihrer Hilfe lässt sich so gut wie alles von zu Hause aus erledigen. Man braucht nicht mehr vor die Tür zu gehen. In Japan hat dieses Phänomen der extremen Abkehr von der wirklichen Welt bereits einen Namen: Hikikomori.

Verstörend und faszinierend

Hinter diesem fast niedlich klingenden Begriff, verbirgt sich ein düsteres Krankheitsbild: Menschen tauchen über Tage, Wochen oder gar Jahre in digitale Parallelwelten ab, igeln sich ein, ohne Kontakt zur Außenwelt. Der hannoversche Choreograf Felix Landerer greift dieses Phänomen in seinem jüngsten Stück auf. „Hikikomori“ ist gleichzeitig verstörend und faszinierend. Bei der Premiere im ausverkauften Schauspielhaus wurde es mit langanhaltendem Beifall bedacht.

Anzeige

Landerer, der seine Choreografenlaufbahn zunächst mit kleineren Arbeiten für die Commedia Futura in der Eisfabrik begann, feiert mittlerweile auch außerhalb Deutschlands Erfolge. Mit „Hikikomori“ präsentiert er sich in seiner Heimatstadt als ein Künstler, der nicht nur mit einer sehr ausgereiften, sehr klaren Bewegungssprache überzeugt, sondern auch imstande ist, ein solch komplexes und hochaktuelles Thema wie Digitalisierung und die damit einhergehenden gesellschaftspolitischen und gesundheitlichen Auswirkungen in Tanz umzusetzen. So etwas kannte man bisher vor allem von dem Briten Wayne McGregor, der mit seinen Arbeiten, in denen es vorzugsweise um wissenschaftliche Themen wie etwa Robotik geht, international als „Choerografiestar des intelligenten Tanzes“ gefeiert wird.

Mit messerscharfer Präzision

Landerers fünf Tänzer Simone Deriu, Jean Gabriel Maury, Mai Lisa Guinoo, Olive Lopez und Anila Mazhari bewegen sich allesamt mit messerscharfer Präzision. Scharf aufgestellte Hände, ruckartig kreisende Köpfe, geometrischen Mustern nachspürende Arme und Beine fügen sich zu Algorithmen zusammen. Wer hinschaut, verpasst allerdings ständig etwas. Denn die Tänzer agieren auf einer rotierenden Drehscheibe, auf der wiederum drei Wände einen zum Publikum hin offenen Raum markieren (Bühnenbild: Ulrike Glandorf und Melanie Huke). Die Wände haben Klappen. Dahinter verbirgt sich mal ein Fenster, mal ein Tisch oder ein Stuhl. Der Raum ist die Innenwelt und zeigt Menschen, die sich im kalten Neonröhrenlicht wie Maschinen bewegen oder auf überspitzte Weise vor einer unsichtbaren Kamera posen.

Durch das Rotieren der Kulisse bekommen die Zuschauer immer nur kurze Sequenzen aus dieser Innenwelt zu sehen, keine abgeschlossenen Kapitel. Man weiß nicht, ob der Mann und die Frau, die versucht haben, sich körperlich anzunähern, letztlich doch eine innige Umarmung zustande gebracht haben. Und man wird auch nur kurz Zeuge des Zusammenbruchs eines offenbar (Medien)süchtigen, der Entzugserscheinungen wie ein Drogenabhängiger an den Tag legt, als Lichter um ihn herum ausgemacht und Klappen zugeknallt werden.

Das Gefühl, etwas zu verpassen, ist wohl jedem bekannt, der in der Onlinewelt unterwegs ist. Auch für dieses Phänomen gibt es einen Begriff: Fomo (Fear of missing out). Landerer setzt sehr stark solche Gefühle und auch Stimmungen in Szene. Vereinsamung, Isolation, Angst, Abgestumpftheit, Realitätsverlust und auch Verwahrlosung sind Motive, die bei ihm schlaglichtartig aufploppen und doch für eine atmosphärisch dichte Choreografie sorgen.

Wesen im King-Kong-Kostüm

Und was passiert außerhalb des Raumes? Dort lauert ein Wesen im pelzigen King-Kong-Kostüm. Es umkreist immer wieder den Raum und versucht hineinzukommen. Schwerfällig robbt es sich schließlich durch ein Fenster. Eine sich roboterhaft bewegende Servicekraft ist schnell zur Stelle und entsorgt die Bedrohung aus der monströsen Außenwelt in der Schrankwand. Klappe zu, Affe tot. Jetzt könnte auch das Licht ausgehen. Doch Landerer bevorzugt ein Happy End und setzt zum Finale auf ein vergleichsweise etwas kitschig geratenes Liebesduett zweier Menschen, die dem digitalen Gefängnis entkommen sind. Schöne alte Welt.

Info: Weitere Vorstellungen sind am 9. und 19. Mai, jeweils von 19.30 Uhr an im Schauspielhaus Hannover. Karten unter Telefon (0511) 99 99 11 11.

Von Kerstin Hergt