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Historische Oper: Agostini Steffanis „Enrico Leone“ in Herrenhausen 

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01:15 17.06.2019
Erfahren, aber frisch: Die Hannoversche Hofkapelle bei der Steffani-Aufführung in Herrenhausen. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Es ist eine lange Geschichte, aber sie liegt auch lange zurück. Als Hofkapellmeister Agostino Steffani 1689 ein Stück zur Eröffnung des ersten Opernhauses in Hannover komponierte, wählte er mit „Enrico Leone“ – Heinrich der Löwe – ein Sujet aus der Familiengeschichte seines welfischen Arbeitgebers Ernst August. Streng historisch war der Stoff, aus dem diese hannoversche Uroper gewebt wurde, allerdings nicht. 330 Jahre nach der Uraufführung im damals frisch erweiterten Leineschloss wurde er nun bei einer gut dreistündigen Aufführung in der Galerie Herrenhausen neu entfaltet.

Märchen und Mythen

Steffani und sein Liberettist Ortensio Mauro haben die Vorlage für „Enrico Leone“ nicht in Geschichtsbüchern gesucht, sondern in Märchen und Mythen: Ihre Heinrich-Erzählung ist auch eine Odyssee mit einem vermissten Helden und seiner von Freiern bedrängten Ehefrau. Wie in Tausendundeinernacht gibt es Dämonen, die den Helden unverhofft bedrängen, und Greifvögel, die ihn retten. Eine Zauberin fehlt ebensowenig wie eine Flugreise auf einer Wolke. Als persönliche Note hat Heinrichs namensgebender Löwe einen großen Auftritt, und wie nebenher erzählt das Stück auch noch von Liebe, Treue und Verrat, von Kampfesgeist, Edelmut und Vergebung. „Enrico Leone“ ist ein bunt arrangiertes Szenenspektakel, ein barockes Best-of-Theater, in dem ein Effekt jederzeit wichtiger ist als dramaturgische Schlüssigkeit.

So ist es wohl zu verschmerzen, dass das Stück anders als bei seiner neuzeitlichen Erstaufführung vor 30 Jahren an der Staatsoper diesmal nur konzertant zu erleben war. Damals wie heute war der Alte-Musik-Pionier Lajos Rovatkay die treibende Kraft der Aufführung. Seit vielen Jahren setzt sich der Musiker dafür ein, Steffani als eine frühe Schlüsselfigur der europäischen Musikgeschichte zu verstehen. Rovatkay wird nicht müde zu beschreiben, wie der Komponist durch die Verschmelzung verschiedener nationaler Stile den Boden bereitete, auf dem die deutsche Barockmusik und später die Wiener Klassik erblühen sollte.

Musik als Fantasieverstärker

Gerade die Musik von „Enrico Leone“ zeigt beispielhaft Steffanis Begabung zur originellen Synthese – interessant für heutige Ohren dürfte sie allerdings vor allem wegen ihrer Qualität jenseits der musikhistorischen Bedeutung sein. In ihrer Originalität und Farbigkeit wirken viele der Stücke als ungebrochen machtvolle Fantasie- und Gefühlsverstärker: So lässt sich mitleiden, selbst wenn die Handlung dazu kaum Anlass gibt, die Schauspieler Willi Schlüter von Zeit zu Zeit erklärt, indem er die schön antiquierte Zusammenfassung aus dem Programmheft der Uraufführung vorliest. Und Wolke, Dämon oder Löwe brauchen die Zuhörer ohnehin nicht zu sehen, um sie sich vorzustellen. Erstaunlicherweise scheint Steffani in der Opulenz und Raffinesse seiner Musik keinen Unterschied zwischen Arien und Rezitativen zu machen: Gerade die vermeintlich trockenen Erzählpassagen verdichten sich bei ihm mehrmals zu musikdramatischen Höhepunkten.

Ein kraftvoller Inspirator – mit 86 Jahren

Johanna Winkel verleiht ihrem angenehm leichten Sopran als Heinrichs Frau Mathilde immer wieder erstaunliche Tiefe und Intensität, Countertenor David Allsopp ist ein frischer, heroischer Titelheld in bester britischer Sängertradition und Tobias Hunger sein fabelhaft intriganter Gegenspieler. Magdalene Harer, Sarah Kelemen und Markus Flaig ergänzen das brillante, sehr rollentypisch besetzte Ensemble. Begleitet werden die Sänger von der Hannoverschen Hofkapelle, die ihre Gründung der „Enrico Leone“-Aufführung vor 30 Jahren verdankt und hier sehr frisch und wach agiert. Als Orchesterleiter und überraschend beweglicher Cembalist ist Lajos Rovatkay auch mit 86 Jahren ein kraftvoller Inspirator: So viel rhythmisches Feuer gerade in den Rezitativen, so viel Entschlossenheit im Milden wie im Wilden ist in Aufführungen von derart alten Stücken längst noch keine Selbstverständlichkeit.

Enrico Leone“ ist noch einmal am Sonnabend, 15. Juni, um 19.30 Uhr im Galeriegebäude Herrenhausen zu hören. Es gibt noch Karten an der Abendkasse. Mehr Barockoper gibt es am 15., 19., 26. und 30. Juni sowie am 2. Juli mit Claudio Monteverdis „Krönung der Poppea“ an der Staatsoper Hannover.

Von Stefan Arndt

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