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Ihme-Zentrum: Agentur für Weltverbesserungspläne spielt „#MeBambi“

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14:08 25.11.2019
Alles, was Reh ist: Susanne Abelein in „#MeBambi“. Quelle: Thomas Finster
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Hannover

Leicht zu finden ist bei „#mebambi“ nichts, das geht schon mit dem Spielort los. Der Eingang ist der versteckteste Eingang des Ihme-Zentrums. Im Fahrstuhl, auf den man hinter ein paar uneinsehbaren Ecken stößt, fährt, so der Aufkleber der Wartungsfirma, „Ihr Schutzengel gerne mit“. Nach einigem Geruckel dann: ein Büroflur, kein Tageslicht, weiße Raufasertapete.

Rosa Vorhänge

Die Büroetage steht im Moment leer – die Agentur für kreative Zwischenraumnutzung findet solche Orte und vermittelt sie für künstlerische Zwecke. In diesem Fall direkt an die nächste Agentur, die allerdings eine Theatergruppe ist: die Agentur für Weltverbesserungspläne. Die hat einen der Räume mit rosa Vorhängen behängt und den Boden mit verzogenem Schachbrettmuster bemalt, sodass er an eine modisch leicht verirrte Variante der Black Lodge aus „Twin Peaks“ erinnert. Aber hier wohnt nicht das Böse. Hier arbeitet nur der Jan (Jan-Willem Fritsch), der die leicht aggressiv werdende Susanne (Susanne Abelein) mithilfe seiner Salonharfe und Tanz therapieren möchte.

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Das ist das nächste, was in „#mebambi“ nicht leicht zu finden ist: Was das eigentlich soll. Die Zuschauer sitzen an den Wänden des Raumes, vor den rosa Vorhängen. Gespielt wird in der Mitte. Es gibt Passagen, die gespielt werden, unterbrochen von solchen, die Susanne im Nachhinein als ihre eigene Erzählerin erzählt. Aber das Thema der Inszenierung schält sich nur langsam heraus, irgendwann zwischen dem ersten und dem zweiten Tanz zum Jazz-Klassiker „Sunny Side of the Street“, den Jan und Susanne in ihren wurstpellenartigen „Therapieanzügen“ unternehmen.

Es sind die kleinen Dinge

Susanne, die behauptet, keine Hautfarben zu sehen, sondern nur Menschen, muss plötzlich feststellen: Unbewusster Rassismus ist auch in ihr tief verankert. Es sind die kleinen Dinge: Wie Susanne ihre Haushälterin und dunkelhäutige Freunde behandelt. Mit wem sie als Kind gespielt hat und mit wem nicht. Kleinkram, natürlich. Aber mit tiefen Wurzeln.

Der Themenkomplex des Alltags- oder des strukturellen Rassismus ist in den letzten Jahren vermehrt in den öffentlichen Diskurs gesickert, gerade in künstlerischen Bearbeitungen in Literatur und Theater. „#MeBambi oder das Große Wundern“ sticht dabei zunächst durch die eingängige Metapher heraus – Susanne fühlt sich unschuldig wie ein Rehkitz, aber sie ist es, durch unbewusst geprägte Handlungsmuster, eben nicht. Die Agentur für Weltverbesserungspläne bearbeitet das Thema zurückhaltend: Susanne – und in ihrer Verlängerung die Zuschauer – ist hier nicht die Böse. Kant mag, auch das wird in der Inszenierung thematisiert, ein Begründer der Rassenlehre gewesen sein, allerdings geht es hier auch um den Aufbruch aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit. Die Truppe arbeitet mit großem Witz, andererseits sehr sanft, ohne Wut, ohne Anschuldigungen.

Dafür nachvollziehbar, mit einem langen, metaphernreichen Argumentationsstrang, der große Bewegungen wie Kolonialismus, aber auch kleine mit einschließt – wie das Problem, dass es für dunkelhäutige Menschen schwerer ist, Make-Up und Pflaster in ihrer Hautfarbe zu finden.

Es reicht nicht, wenn Hautfarbe egal ist

Die Inszenierung landet in einem Heute, in dem es eben nicht reicht, Hautfarbe einfach egal sein zu lassen – das ist ein Luxus, den sich nur Menschen erlauben können, deren Hautfarbe als die „normale“ gesehen wird. Es geht darum – jedenfalls, was Weiße angeht –, mit Susanne die selbst verschuldete Bambihaftigkeit zu erkennen. Und – auch nicht so leicht – einen Ausgang zu finden.

Die nächsten Aufführungen: 4., 5. und 6. Dezember.

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