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Region Packend und peinlich: Im Projekt „Weltmeister“ geht es um unsere Erinnerung an den Holocaust
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Im Projekt „Weltmeister“ im Schauspielhaus Hannover geht es um unsere Erinnerung an den Holocaust

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10:24 27.01.2020
Monster im Archiv: Szene aus „Weltmeister“. Quelle: Karl-Bernd Karwacz
Hannover

Es ist nicht einfach. Und es darf nie einfach werden. Die Erinnerung an den Holocaust, den industriell organisierten Mord an sechs Millionen Juden, muss ein Problem bleiben. Sie darf nicht in Gedenkroutinen erstarren. Jetzt, beim 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, wird deutlich, dass die Zeitzeugen sterben, da stellt sich die Frage nach der Erinnerungskultur besonders nachdrücklich.

Regisseurin Nina Gühlstorff hat mit ihrem Team ein Theaterprojekt für das Schauspiel Hannover entwickelt, in dem sie nach unserer kollektiven und persönlichen Erinnerung an den Holocaust fragt. „Weltmeister“ (der Titel spielt damit, dass die Deutschen in einigen Disziplinen weit vorn sind, auch in der Problematisierung des Erinnerns) ist zweierlei: ein Rechercheprojekt, in dem es um die Vergangenheit Hannovers geht, und ein Theaterprojekt, in dem es um die Befindlichkeiten von Schauspielern geht. Das Projekt ist gleichzeitig packend und peinlich, verstörend und störend, herausfordernd und nervig.

So geht Erinnerungskultur: „Grabe, wo Du stehst“, fordert das Ensemble von „Weltmeister“. Quelle: Karwacz

„Das wird nicht angenehm“

Immerhin werden wir gewarnt. „Das wird nicht angenehm für uns – und für Sie auch nicht“, sagt einer der sechs Darsteller des Ensembles, das sich aus Schauspielern aus Hannover und aus Israel zusammensetzt. Und dann beginnt die Wanderung. „Weltmeister“ ist auch ein theatraler Parcours, der durch fast alle Räume des Schauspielhauses führt. Die Zuschauer erhalten farbige Armbänder und werden damit verschiedenen Gruppen zugeordnet. Die Pinken begeben sich ins Archiv, die Gelben sammeln sich neben der Unterbühne.

Und während man sich vielleicht noch fragt, wie geschmackssicher solch eine Selektion des Publikums beim Gedenken an die Holocaustopfer ist (die ja nicht nur an der Rampe in Auschwitz einer Selektion unterzogen wurden), hört man im unaufgeräumten Theaterarchiv, was der Schauspieler Hajo Tuschy über die Haltung der Schauspieler des Theaters in der Nazizeit herausgefunden hat. 1933 wurde in Hannover der Intendant Georg Altmann entlassen. Er kam aus einer jüdischen Familie. Die Presse hat die Entlassung damals bejubelt.

Trailer zum Rechercheprojekt „Weltmeister“

Opfer als Erbsen

An der nächsten Station erzählt Nikolai Gemel etwas über die Geschichte des Holocaust-Mahnmals neben der Oper. Die Namen von 1935 Opfern sind auf dem Sockel eingraviert. Der Schauspieler hat ein Glas mit 1935 Erbsen dabei. Er bittet die Zuschauer, ihre Betroffenheit auf einer Skala von eins bis zehn kundzutun. Keiner sagt etwas. Das Erbsenglas ist eine Zumutung. Kann man das machen? Genau diese Frage steht hier im Mittelpunkt.

Auf der Probebühne sprechen Stella Hilb und Hadas Kalderon bei Tee und Bahlsen-Keksen (die Firma wurde an einer anderen Station Gegenstand kritischer Betrachtungen) über jüdische Identität und ihre Großeltern. Der Schauspieler Michael Hanegbi reflektiert in einem witzigen Monolog seine Situation als Schauspieler aus Israel in einem vorwiegend mit Deutschen besetzten Ensemble.

Manche Schauspieler neigen zu einer gewissen Aufplusterung, wenn es um die eigene Person geht. Das ist hier gleichzeitig Gefahr und Chance. Gefahr, weil ein großes Thema zu einer privaten Aufregung schrumpft; Chance, weil Erinnerung persönlich sein muss.

Hannovers Theater in der Nazizeit: Hajo Tuschy mit einem Fund aus dem Archiv. Quelle: Karl-Bernd Karwasz

Bei der persönlichen Erinnerung ist auch das Publikum gefragt. Es gibt eine Mitmachstation, an der man sich nicht vorbeimogeln kann. Die Zuschauer werden an Tische gebeten, wo ihnen Karten gereicht werden, auf denen Fragen nach dem Mitmachen der Großeltern oder der eigenen Sicht auf Israel gestellt werden. Das ist anfangs mühsam und ein bisschen peinlich – dann aber entfalten sich doch ganz unerhörte Geschichten vom Nichtwissen, vom Verdrängen und vom Leugnen. Nicht alle dieser Geschichten werden zu Ende erzählt. Denn wieder drängt sich eine Schauspielerin in den Vordergrund und beginnt von sich zu erzählen.

Weitere Termine am 26. Januar, sowie am 14. und 15. Februar.

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