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Nachrichten Kultur Region Internationale Künstler bei Gruppenschau zur Digitalisierung in Hannover
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12:36 02.05.2019
Künstliche und Künstlerische Intelligenz: Performance mit Sougwen Chung. Quelle: Sougwen Chung/Kunstverein
Hannover

Kooperieren Computer künftig bei ihrer Kunstproduktion mit echten Künstlern? Kommen Krisen auf uns zu, weil künstliche Intelligenz einst brave Rechenknechte in mächtige Gefährder ihrer menschlichen Herren verwandelt? Stehen eines Tages gar Roboter wegen fataler Fehlentscheidungen vor Gericht?

Die Gegenwart der Zukunft

Fragen wie diese wirft die neue Ausstellung des Kunstvereins auf, eine ebenso spektakuläre wie vielfältige Gruppenschau. Gezeigt werden darin Werke eines knappen Dutzends internationaler Künstler, darunter gedruckte Digitalisate, Fotos und Videos, Installatives und Skulpturales, eine aktuelle Performance und eine digitale Kunstschöpfung, die den ganzen Ausstellungszeitraum lang Kunst in Echtzeit produziert. Kunstvereinsdirektorin Kathleen Rahn und Kurator Sergey Harutoonian holen damit erstaunlich sinnlich und konkret in die Gegenwart, was vielen vielleicht noch wie die Vorausschau in eine ferne Zukunft vorkommt.

Details zur Ausstellung

„Artistic Intelligence“. Bis 30. Juni im Kunstverein, Sophienstraße 2. Eröffnung am 3. Mai um 20 Uhr mit der Performance von Sougwen Chung. Parallel zur Ausstellung findet eine Filmreihe rund um das Thema Künstliche Intelligenz im Kino im Künstlerhaus statt. Ein Symposium zum Thema veranstaltet die Stiftung Niedersachsen dort am 15. Mai ab 19 Uhr. Prominentester Gast des umfassenden Begleitprogramms wird der Kybernetik-Pionier Oswald Wiener sein, der am 19. Juni um 19 Uhr einen Vortrag unter dem Titel „Intelligenz und Intelligenz-Attrappen“ hält.

Dabei können schon heute autonom fahrende Autos vor die Entscheidung geraten, ob es ethischer ist, den Wagen bei versagenden Bremsen gegen eine Wand zu steuern und so die Passagiere sterben zu lassen – oder in eine Gruppe von Passanten zu rasen. Ein ethisches Dilemma, das der Forscher Iyad Rahwan soeben mit seiner „Moral Machine“-Studie am Massachusetts Institute of Technology durchgespielt hat.

Kann man solche Entscheidungen einer „Artificial Intelligence“ überlassen? Oder braucht es da statt derart Künstlicher Intelligenz eher menschliche Sensibilität, vielleicht auch künstlerische Intelligenz? „Artistic Intelligence“, so der Titel der neuen Schau, bietet als eine mögliche Antwort einen Gerichtsprozess: In „Trial of Superdebthunterbot“, wird ein Bot gleichsam vor Gericht gestellt und muss juristische Plädoyers über sich ergehen lassen. Im Kunstverein wird für dieses 45-Minuten-Video der britischen Künstlerin Helen Knowles eigens ein Gerichtspodium errichtet, und daneben prangen fünf Gerichtszeichnungen der Maschine auf der Anklagebank.

Ein Greifarm als Datenkrake

Das ist nur eine von vielen Rauminszenierungen im Kunstverein, die das Thema Digitalisierung in der analogen Welt platzieren: Gleich im ersten Saal soll der riesige Greifarm des italienischen Künstlers Archangelo Sassolino datenkrakenartig sein digital gesteuertes, dabei ganz analoges Kratzwerk verrichten – auf zur Schonung des Kunstvereinsbodens eigens vergelegten Steinplatten. Gleichsam beobachtet wird er dabei von Edward Snowden. Denn dort prangen auch Konterfeis des Whistleblowers, die der Künstler Matthew Plummer-Fernandez in feiner Ironie durch einen Algorithmus hat gestalten lassen, der auf jener Powerpointdatei beruht, in der Snowden 2013 die NSA-Überwachung enttarnt hat.

Von Ironie zeugt auch Anna RidlersVideo „Mosaic Virus“, das 3700 Tulpen in permanentem Blühen und Verwelken zeigt. Den Prozess des Werdens und Vergehens hat die Britin mit dem Bitcoin-Kurs synchronisiert. Womit sie darauf anspielt, dass der Hype um die Kryptowährung vielleicht so düster ausgehen könnte wie in den Niederlanden 1637 der Tulpen-Hype, der mit dem Platzen der ersten Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte endete. Ganz aktuelle Kunstproduktion unternimmt gleich gegenüber Mario Klingemanns Arbeit „Memories of Passersby“, auf den ersten Blick eine piefige Musiktruhe, in der indes ein neuronales Netzwerk je zwei Werke aus Googles Gemäldedatenbank zu einem dritten zusammenführt und so eine prinzipiell unendliche Menge an Bildern erzeugt, die alle Unikate sind.

Geboten werden mithin lauter Zumutungen für unser Verständnis davon, was Menschen aus- und was Maschinen kennzeichnet. Doch zeugen diese Provokationen davon, dass Maschinen menschliches Denken und Handeln bald werden ersetzen können? Oder führen sie uns nur vor Augen, wie maschinell auch menschliches Denken oft bleibt? Sicher ist: Die Grenzen zwischen Kunst und Leben verschwimmen damit weiter – ebenso wie die Grenzen zwischen Werk und Betrachter. „Früher war das Publikum mit den inneren Bildern beschäftigt, die die Kunstwahrnehmung in ihnen wachgerufen hat“, sagt Kathleen Rahn. „Heute setzen sie dieses Erleben oft in eigene äußere Bilder um, verständigen sich über Facebook-Posts oder Instagram.“ Tatsächlich hat Kunstgenuss auch zu analogen Zeiten schon derart kreative Impulse gesetzt – nur passiert dies im Digitalzeitalter viel vernetzter, sichtbarer, schneller.

Produktive künstliche Intelligenzen

In den letzten Räumen dieser Ausstellung sind – in einer Mischung aus Rück- und Ausblick – Werke der Computerkunstpioniere Harun Farocki (1944-2014) und Anne-Mie van Kerckhoven (Jahrgang 1951) und die Installation „Neurotypical Machine“ von Sofia Crespo, der mit 28 Jahren jüngsten Künstlerin dieser Gruppenschau, zu sehen. Noch davor, im großen Oberlichtsaal des Kunstvereins, wird das Publikum des Eröffnungsabends eine Live-Performance von Sougwen Chung erleben. Die in New York lebende Künstlerin tritt zur Kunstschöpfung zusammen mit zwei Robotern an, die auf ihre Zeichnung reagieren und sie vollenden. Danach wird das Kohle- und Kreidewerk als horizontale Flachware am Kunstvereinsboden zu betrachten sein – bis zum Ende dieser Ausstellung, der Klingemanns neuronales Netzwerk bis dahin unzählige weitere Werke hinzufügt. Ganz schön kreativ also, diese künstlichen Intelligenzen? Sie sind jedenfalls ziemlich produktiv.

Von Daniel Alexander Schacht

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