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Region Florian Vaßen über Heiner Müller
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10:51 22.03.2019
Alles Müller: Die Schauspieler aus dem „Räuber - Ratten - Schlacht“-Ensemble posen mit Müller-Zigarren Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Vom 21. bis 24. März findet das Heiner Müller-Symposium „Küsten-Landschaften. Grenzen und Selektion –Unterbrechung und Störung“ am Deutschen Seminar der Leibniz-Uni statt. Florian Vaßen ist einer der Organisatoren.

Zur Person

Florian Vaßen war von 1982 bis 2009 Professor für neuere deutsche Literatur an der Leibniz Universität Hannover. Er gehört zum Vorstand der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft. Zusammen mit Dr. Till Nitschmann hat er das Heiner-Müller-Symposium organisiert.Unter dem Titel „Küsten-Landschaften“ diskutieren von Donnerstag, 21., bis Sonntag, 24. März, Germanisten und Theaterwissenschaftler über „Grenzlinien“, „Orte der Selektion“ und „Unterbrechung und Störung“ im Werk von Heiner Müller. Die Vorträge am Deutschen Seminar im Conti Hochhaus sind öffentlich.

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Am 21. März hat „Räuber - Ratten - Schlacht“, eine Mischung aus Friedrich Schiller, Gerhart Hauptmann und Heiner Müller, am Schauspiel Hannover Premiere. An diesem Tag wird auch das Heiner-Müller-Symposium in Hannover eröffnet. Braucht man jetzt ein literaturwissenschaftliches Symposium, um einen Theaterabend zu verstehen?

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Nein. Theateraufführungen müssen für sich selbst stehen. Die Idee zu dem Symposium kam aus dem Deutschen Seminar der Leibniz Universität und der Internationalen Heiner-Müller-Gesellschaft, und wir haben uns überlegt, dass wir mit dem Schauspiel Hannover kooperieren. Schließlich hat Lars-Ole Walburg seine Intendanz in Hannover auch mit Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee“ begonnen.

Der 90. Geburtstag von Heiner Müller, der 1995 gestorben ist, war im Januar. Warum veranstalten Sie das Symposium erst jetzt?

Der Geburtstag ist in der Tat der äußere Anlass für das Symposium. Aber im Januar war die Zeit dafür ungünstig, zumal es in Berlin damals sehr viele Veranstaltungen zu Heiner Müller gab. Mit denen wollten wir nicht in Konkurrenz treten. Deshalb veranstalten wir das Symposium vom 21. bis 24. März mit etwas Distanz und mit Abstand zu Müllers Geburtstag am 9. Januar. Mein Kollege Till Nitschmann und ich haben das Symposium gemeinsam organisiert. Wir denken, dass Heiner Müller nach wie vor einer der wichtigsten zeitgenössischen deutschen Dramatiker ist. Es lohnt sich immer wieder, über seine Texte nachzudenken und seine Theaterstücke zu sehen.

Das Werk ist ja bekannt. Gibt es denn auch Neues zu entdecken?

Ja. Auf jeden Fall. „Küsten-Landschaften“ ist der Titel unseres Symposiums, verweist auf den Landschaftsbegriff, der für das Werk Heiner Müllers zentral ist. Müller hat vom „Krieg der Landschaften“ gesprochen, die Landschaften schlagen zurück gegen die Menschen, die sie zerstört haben. Heiner Müller hat also in seinem Werk schon sehr früh die Klimakatastrophe angesprochen. Der Begriff „Küsten-Landschaft“ spielt aber noch auf ein anderes Thema an: die Küste als Grenze, vor allem die des Mittelmeers. Müller hat sich also schon in den Neunzigerjahren mit der Flüchtlingskrise beschäftigt.

Es ist erstaunlich, wie gut Heiner Müllers Werk zu aktuellen Diskursen passt. Es passt zum Klimawandel und zur Flüchtlingskatastrophe. Und es passt auch zur Genderproblematik. Dazu halten Sie selbst bei dem Symposium einen Vortrag. Macht dieses allgemeine Andockmöglichkeit, diese prinzipielle Verwertbarkeit, das Werk Heiner Müllers nicht auch verdächtig?

Nein. Es gibt ja diese wichtigen Interviews von Alexander Kluge mit Heiner Müller. Da hat ihn Kluge einmal gefragt, ob er eigentlich ein Prophet sei oder ein Zeit- und Landvermesser. Müller hat geantwortet, dass er natürlich sehr gern ein Prophet wäre, aber sich doch eher als Landvermesser sehe. Er war ein sehr genauer Landvermesser. So hat er in den Neunzigerjahren vom „Wirtschaftskrieg gegen das Wohnrecht“ geschrieben und damit eine der brennendsten sozialen Fragen von heute vorweggenommen. Ebenfalls aus den Neunzigerjahren stammt seine Formulierung von der „Illusion von Identität“ – auch das ein Thema, mit dem wir uns heute eingehend beschäftigen. Hervorzuheben ist aber vor allem, dass seine „Poetik der Störung“ auch heute noch beunruhigt und irritiert.

Seine Texte sind nicht ganz einfach zu lesen. Hat diese Komplexität etwas mit der Gültigkeit der Texte zu tun?

Ja, sie sind schwierig. Man kann sie eigentlich nur verstehen, indem man sich verunsichern lässt. Vieles, was er geschrieben hat, ist vor allem Material für das Theater oder die Lektüre. Müller provoziert auch gerne. Über einige Texte kann man lange rätseln. Das ist das Interessante an Heiner Müller: dass er nicht gleich mit Lösungen kommt. Müller führt einen in die Irre und nimmt einen gleichzeitig an die Hand und ermöglicht so interessante Begegnungen, etwa mit Walter Benjamin oder Bertolt Brecht.

Wie ist das mit der Gültigkeit Heiner Müllers auf den deutschen Bühnen? Ist er schon etwas in Vergessenheit geraten?

Auf den großen Bühnen ist er in den vergangenen Jahren tatsächlich seltener gespielt worden. An kleinen Bühnen ist das anders. Und Müllers Texte werden auch gern in die verschiedensten Theaterprojekte eingebaut. Brecht hat ja die ganze Weltliteratur als Material genutzt, Müller folgt Brecht darin und benutzt auch diesen selbst als Material , und das Theater nutzt nun seinerseits Müller als Material. Ich finde das durchaus legitim, und es kann sehr produktiv sein.

Was meinen Sie, wird es in zehn Jahren, zum 100. Geburtstag Heiner Müllers auch ein Symposium in Hannover geben?

Wahrscheinlich schon. Aber vermutlich nicht mit mir. Und man wird dann ganz sicher andere Fragen stellen. Zum Beispiel: Was ist mit dem Theater? Wird es das in dieser Form noch geben? Und wie wird es dann aussehen?

Von Ronald Meyer-Arlt