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Interview: Schauspielintendant Lars-Ole Walburg zieht Bilanz

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01:15 18.05.2019
„Ich bin froh, dass jetzt Schluss ist, wo das Haus wirklich gut aufgestellt ist. Aber das tut eben auch ein bisschen weh“: Lars-Ole Walburg. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

Vor zehn Jahren wurde Lars-Ole Walburg Intendant am Schauspiel Hannover. Zum Ende dieser Spielzeit hört er auf. Wie hat er die Zeit erlebt?

Herr Walburg, Ihr erstes Stück am Schauspiel Hannover war „Wolokolamsker Chaussee“ von Heiner Müller, die letzte Premiere ihrer Intendanz ist „Rotkäppchen und der Wolf: Ein Drama“ von Martin Mosebach. Man hat eigentlich nicht das Gefühl, dass sich hier ein Ring schließen würde. Es sieht eher nach einer Bewegung von Ost nach West aus.

Was die beiden Stücke gemeinsam haben, ist diese Sprachgewalt. Auch Mosebachs Stück ist für die Schauspieler eine echte Herausforderung. Da schließt sich also schon ein Kreis. Es war natürlich eine wagemutige Entscheidung, mit Heiner Müller in Hannover zu beginnen. Ich wusste nicht wirklich, was der Hannoveraner mit Heiner Müller anfangen kann.

Nach zehn Jahren sieht es so aus, als habe sie der Mut nie verlassen. Bereuen Sie das? Wäre es manchmal besser gewesen, etwas vorsichtiger zu sein?

Nein. Im Gegenteil. Nach drei Spielzeiten gab es allerdings eine schwierige Situation. Es gab einen deutlichen Zuschauerrückgang, und letztlich hat es mit der Kommunikation mit der Stadtgesellschaft auch nicht so funktioniert, wie ich es mir erhofft hatte. Da habe ich mich schon gefragt, ob ich mich verbiegen und künstlerisch etwas anders machen sollte. Oder ob ich mir eingestehen muss, dass ich mit meiner Art von Theater hier nicht am richtigen Ort bin. Damals habe ich geglaubt, es wäre besser, die Koffer wieder zu packen und woanders hinzugehen. Aber da kamen auf einmal die Zuschauer.

Was ist passiert?

Das kann ich tatsächlich nicht erklären. Im Nachhinein bin ich total stolz darauf, dass wir uns damals nicht künstlerisch verbogen und ein anderes Programm gemacht haben. Wahrscheinlich kann man das auch gar nicht. Man kann ja nur das gut machen, wofür man steht.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Da gibt es Einiges. Aber besonders stolz bin ich auf die Tatsache, dass wir es hier geschafft haben, zu beweisen, dass Theater kein hierarchisches, ausbeuterisches System sein muss. Bei uns hat es mit der Verantwortung auf ganz vielen Schultern und sehr flachen Hierarchien funktioniert. Das drückt sich auch darin aus, dass jetzt alle aus dem Ensemble bis zum Ende Vollgas geben und nicht mit gepackten Koffern auf die Probe kommen und dann gleich nach Hamburg oder Berlin weiterfahren.

Aber viele Schauspielerinnen reisen ja nach Berlin. Die Volksbühne hat so viele Schauspieler aus dem hannoverschen Ensemble übernommen, dass dort manche schon von Provinzialisierung sprechen. Darauf können Sie eigentlich stolz sein.

Ja. In den vergangenen drei Jahren hat sich hier einiges Beachtliches entwickelt. Bei den vielen Koproduktionen und Gastspielen, die wir unternommen haben, haben wir immer eine große Wertschätzung gespürt. Manchmal war die Wertschätzung außen besser als in Hannover selbst.

Von einer Wertschätzung hätten Sie wohl mehr verdient: Es gab in den zehn Jahren Ihrer Intendanz nur eine Einladung zum Berliner Theatertreffen.

Ja, wir waren mit Thom Luz Inszenierung von „Atlas der abgelegenen Inseln“ dort.

Eine kleine Produktion aus der Cumberlandschen Galerie.

Schon richtig. Aber darin drückt sich eben auch aus, dass wir hier schon immer einige krude und seltsame Projekte im Programm hatten. Ich finde aber, dass wir solch eine Einladung mit mindestens zwei oder drei anderen Projekten verdient gehabt hätten.

Sie sind ein Intendant, der selbst Regie führt. Ihr Vorgänger Wilfried Schulz hat nicht selbst inszeniert und Sonja Anders, ihre Nachfolgerin, macht das auch nicht. Ist der regieführende Intendant kein Erfolgsmodell?

Die Antwort darauf kennt nur das Ministerium. Ich habe es jedenfalls immer nur als Vorteil empfunden. Das hat auch etwas mit der Arbeitsatmosphäre am Haus zu tun. Ich hatte immer eine große Nähe zu den Schauspielern, aber auch zu den vielen anderen Mitarbeitern im Haus.

Bilderbuchtheater

Theater ist eine flüchtige Kunst. Aber am Schauspiel Hannover hat man sich in der Intendanz von Lars-Ole Walburg stets darum bemüht, soviel davon festzuhalten wie möglich. Die Theaterfotografie spielte im Schauspiel Hannover eine große Rolle. Nach und nach wurden die Wände des Foyers, der Garderoben und des Treppenhauses mit großformatigen Fotos von Inszenierungen versehen. Zum Abschluss der Intendanz von Lars-Ole Walburg werden die Inszenierungsfotos nun verkauft. Sie können im Rahmen des „Burn“-Festivals, mit dem sich das Ensemble von Hannover verabschiedet (vom 27. Mai bis 15. Juni) reserviert und am Ende des Festivals abgeholt werden. Konserviert wird die Intendanz von Lars-Ole Walburg auch in einem großformatigen Buch. Die Theaterreihe mit dem zurückhaltenden Namen „Heft“ ist dafür auf XXL-Format angeschwollen. Auf fast 700 Seiten gibt es – alphabetisch geordnet – viele Fotos zu vergangenen Inszenierungen. Dazu kommen Interview und Essays mit Autoren, Schauspielern und Regisseuren. Das Buch gibt es für 15 Euro an der Theaterkasse.

Sind Sie traurig, dass Ihre Zeit am Schauspiel Hannover nun zu Ende geht?

Ja, natürlich. Das wäre ja auch komisch, wenn es nicht so wäre.

Verspüren Sie nicht auch eine gewisse Erleichterung?

Doch, das auch. Es ist beides. Mein Abschied war eine selbstbestimmte Entscheidung, und jetzt finde ich, dass er zum richtigen Zeitpunkt erfolgt. Ich bin froh, dass jetzt Schluss ist, wo das Haus wirklich gut aufgestellt ist. Aber das tut eben auch ein bisschen weh.

Sie werden jetzt als Regisseur an anderen Theater tätig sein. Wird es Ihnen fehlen, Intendant zu sein?

Darüber werde ich vielleicht in einem halben Jahr Antwort geben können. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht auch froh bin, dass diese ganze Aufsichtsrats- und Verwaltungsebene im nächsten halben Jahr erstmal nicht auf meiner Agenda steht.

Das klingt ja so, als würden Sie danach gern wieder als Intendant irgendwo tätig sein.

Ich kann mir das vorstellen. Der Vorteil als Intendant ist ja, dass man selbst die Party ausrichtet und bestimmt, welche Gäste kommen sollen.

Gab es bei Ihnen je grundsätzliche Zweifel am Theater?

Ja, so etwas verspüre ich tatsächlich jetzt im Moment. Das, was ich mir unter Theater vorstelle, hat sich ein wenig gewandelt. Ich denke gerade mehr über Erzähltheater nach und über Zurückkommen zu empathischen Momenten. Das wirkt vielleicht ein wenig konservativ. Aber ich bemerke bei mir eine gewisse Ratlosigkeit gegenüber dem Theater der Dekonstruktion oder auch dem Theater mit zu vielen Laien auf der Bühne. Es ist eine Ratlosigkeit gegenüber einem Theater, das die Kunst des Theaters gar nicht richtig nutzt.

Das klingt wie eine Rückkehr zu dem, was Sie am Anfang ihrer Intendanz überwinden wollten.

Das kann sein. Wenn ich mir die Stücke anschaue, die ich in den vergangenen Jahren inszeniert habe, dann fällt mir schon auf, dass da nur wenig dramatische Stoffe darunter sind. Ich finde, es ist Zeit, sich wieder stärker mit Figuren aus Dramen zu beschäftigen.

Gibt es einen guten Rat, den Sie Ihrer
Nachfolgerin Sonja Anders
geben könnten?

Den habe ich ihr schon gegeben. Ich habe ihr gesagt: „Verwende soviel Zeit wie nur möglich für den Dialog mit der Stadtgesellschaft“. Das habe ich tatsächlich am Anfang zu wenig gemacht. Aus der Position einer gewissen selbstzufriedenen Eitelkeit heraus ist bei uns in der Kommunikation einiges schief gelaufen. Wir waren ja sogar ein bisschen stolz darauf, dass wir für elitär und zu politisch gehalten wurden. Wenn man einmal in diese Falle hineingetappt ist, braucht es Jahre, um sich da wieder herauszuarbeiten. Ich bin froh, dass es dann irgendwann geklappt hat.

Zur Person

Lars-Ole Walburg ist seit 2009 regieführender Intendant am Schauspiel Hannover. Zum Ende dieser Spielzeit verlässt er das Haus. Sonja Anders startet dann in Hannover mit einem neuen Ensemble. Walburg wird vorerst als Regisseur für andere Häuser arbeiten. Im März kommenden Jahres wird in Oberhausen seine Inszenierung von Erich Maria Remarques „Der Funke Leben“ Premiere haben. Walburg wurde 1965 in Rostock geboren, 1989 reiste er nach nach West-Berlin aus. Er arbeitete als Journalist für TV-Kulturmagazine, inszenierte an verschiedenen Theatern und war vor seiner Zeit in Hannover Schauspieldirektor am Theater Basel.

Von Ronald Meyer-Arlt

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