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Region „Wie ein Wunder“: Warum Katinka Bock Skulpturen aus den Kupferplatten des Anzeiger-Hochhauses erschafft
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Interview mit Künstlerin Katinka Bock: Warum sind Zeitungen wichtig?

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12:31 09.10.2019
„Für mich war das alles wie ein Wunder“: Katinka Bock in Paris. Quelle: Henning Queren
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Die gewaltige Skulptur „Rauschen“ beeindruckt unmittelbar. Welche Idee steckt dahinter?

Katinka Bock zeigt ihre Skulptur „Rauschen“ gerade in der Ausstellungshalle La Fayette Anticipations in Paris. Quelle: Henning Queren

Es war anders herum als sonst, ich bin vom Material, von den Kupferplatten zur Idee gekommen. Christina Végh, die Direktorin der Kestnergesellschaft, hatte mich vor eineinhalb Jahren angerufen und mich darauf aufmerksam gemacht, dass es die Möglichkeit gibt, die Kupferplatten für Projekte zu bekommen. Mir sollten alle Platten zufallen. Und dann bin ich sofort nach Hannover gekommen.

Katinka Bock in Paris. Quelle: Henning Queren

Und haben was gesehen?

Ich war dann auf das Dach geklettert – die Kupferplatten waren schon weg –, und es war ein bewegender Moment. Ich lebe schon lange in Paris, aber das war wie eine Welle zurück in die deutsche Geschichte. Wie diese Kuppel gebaut war, diese unglaubliche Präzision. Handwerk, Technik und Mut vereinen sich hier – wenn man bedenkt, dass diese Kapsel nur sechs Zentimeter dick ist, auf die Kupferplatten aufgebracht wurden. Für mich war das alles wie ein Wunder, auch dass die Kuppel den Krieg so überlebt hat.

"Rauschen" Quelle: Henning Queren

Wo haben Sie dann die Kupferplatten gesehen?

In der großen ehemaligen Rotationshalle in Kirchrode. Ein fantastisches Bild, die Platten waren komplett ausgebreitet, es sah aus wie ein großes, weites, grünes Meer. Und sie wurden in meinen Augen irgendwie zu Zeitungen.

Zeitungen aus Kupfer?

Ja, unbedingt, auf mich wirkten sie wie so große, aufgeschlagene Zeitungen. Und mit diesen Eindrücken bin ich dann wieder zurück nach Paris. Mir war dann ziemlich schnell klar, dass ich hin zu einem Organ, zu einem Körper wollte. Ich dachte dabei auch an Reptilien. Das Dachdecken funktioniert ja auch analog der Schuppen in der Tierwelt.

Zur Person

Katinka Bockwurde in Frankfurt am Main geboren und lebt und arbeitet schon lange in Paris. Die Bildhauerin und Installationskünstlerin hat aus den Kupferplatten des hannoverschen Anzeiger-Hochhauses, die im Zuge von dessen Revonierung abgetragen wurden, eine beeindruckende, neun Meter hohe Skulptur mit dem Titel „Rauschen“ geschaffen. Das Werk wird gerade zusammen mit anderen Arbeiten in der Ausstellungshalle La Fayette Anticipations in Paris gezeigt. Die 43-Jährige ist nominiert für den Prix Marcel Duchamp, einen der weltweit wichtigsten Preise für junge Kunst. Im März kommenden Jahres zeigt sie ihr „Rauschen“ in der Kestnergesellschaft in Hannover.

Wie viel hannoversches Kupfer steckt überhaupt in der Skulptur?

Nachdem wir die Platten sorgfältig ausgewählt hatten: Gut die Hälfte der Kuppel habe ich verarbeitet.

  Quelle: Henning Queren

Wie sind Sie auf den Titel „Rauschen“ gekommen?

Ich suchte einen Begriff, der weder die Herkunft noch die Form oder die Farbe des Kunstwerks spüren lässt. Dann kommt man auf die Dimension des Klangs, auf das Geräusch. Und Rauschen ist für mich auch das Geräusch der Maschinen einer Druckerei. White Noise steht ja für das Rauschen eines Informationsflusses beispielsweise. Ich wollte schon sehr direkt zu einer Assoziation von Zeitung kommen, von Information an sich, ohne das genau zu benennen.

Warum sind Zeitungen wichtig?

Weil sie immer noch den Bogen aufspannen zwischen dem Individuum und der großen Welt. Zeitungen liest man allein, aber was in die Zeitung einfließt und aus ihr heraus spricht, ist das Ganze, Große. Ich selbst bin eher Zeitungsleserin als Netzsurferin. Die Zeitung hebt das Lineare in den Vordergrund, was das Netz eben nicht tut. Auch wenn wir vielschichtig denken können, leben und bewegen wir uns doch linear.

"Grisant" Quelle: Henning Queren

Arbeiten Sie künstlerisch mit Zeitungen?

Ich gebe seit acht Jahren eine künstlerische Zeitungsserie heraus mit dem Titel „One of Hundred“, die die Peripherie von meinen jeweiligen Ausstellungen dokumentiert. Ich habe eine starke Beziehung zu diesem Format. Ein anderer Bezug ist das Leder, eine Haut, auf der sich vieles einschreiben lässt, die sich um einen Stein legt und ein Werk mit dem Namen „Anakonda“ ergibt. Außerdem werden wir hier im La Fayette (dem Ausstellungsort, d. Red.) auch eine Zeitung machen, einen Workshop mit Bezug zum Thema – in einem Zeitraum von 24 Stunden entsteht ganz aktuell ein Nachrichtenmedium.

  Quelle: Henning Queren

Warum taucht das Wort „Tumult“ im Ausstellungstitel „„Tumulte à Higienópolis“ auf?

Eine Anspielung auf einen Tumult um einen Film von Dziga Vertov, eines sowjetischen Avantgardisten, der sich in der Headline des Hannoverschen Anzeigers wiederfand. Tumult ist auch ein Zustand, in dem man Distanz verliert zu sich und einem Thema – und daraus können besondere Umbruchmomente entstehen. Und „Higienópolis“ hat etwas von einem Krimititel oder einem utopischen Roman.

"Grande Citron" von Katinka Bock Quelle: Henning Queren

Haben Ihre Hände gelitten? Kupferplatten sind in der Regel sehr scharfkantig – und was fasziniert am Material Kupfer?

Generell arbeitet ich allein. Hier brauchte ich allerdings ein Team. Wir haben uns mit dem Flugzeugbau beschäftigt, wie man einen Flügel zu einer homogenen Form bringt. Wir hatten vorher die Kanten sauber geschnitten und die Platten auf entsprechende Größe gebracht. Ich arbeite sehr viel mit organischen Materialien, Kupfer ist vergleichsweise weich. Was mich beim Kuppel-Kupfer fasziniert hat, ist diese Veränderung von Kupferrot zu Pistaziengrün.

Ist das gewaltige Ding überhaupt transportabel?

Es lässt sich in sechs Teile zerlegen. Ich hatte schon Hannover und die Kestnergesellschaft im Kopf – ich habe so eine Form gefunden, die sowohl hängen als auch liegen kann. Es kommt also wieder nach Hause. Wunderbar diese Verbindung hier von Presse, Geist und Körper – die Kestnergesellschaft war ja damals ein Schwimmbad.

  Quelle: Henning Queren

Wie haben Sie als Künstlerin Hannover erlebt?

Gut, fantastisch, endlich mal Platz. Ich mag Deutschland, weil es hier so viele handliche Städte gibt, die eigentlich alles haben, kulturell so viel bieten.

Bis auf die Kulinarik. Wie lebt man als Künstler in Paris?

Angespannte Zeiten erlebt man überall in Europa. Hier ist mein Zuhause, meine Kinder wachsen hier auf. Ich hatte niemals den Drang gespürt, wegen der Attentate nach Deutschland zurückkehren zu wollen. Aber Paris ist schon eine Stadt, wo man Ellenbogen braucht, wo man angeschnallt sein muss, um nicht rausgehustet zu werden.

Bildhauerin Katinka Bock hat Kupferplatten der Anzeiger-Hochhaus-Kuppel zu einer faszinierenden Skulptur verarbeitet. Jetzt ist das Werk in Paris zu sehen – im März kommt es nach Hannover

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Von Henning Queren

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