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Region Herr Praunheim, ist jetzt alles gut für Schwule?
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Interview mit Rosa von Praunheim, Filmemacher und eine Ikone der deutschen Schwulenbewegung

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19:00 28.09.2019
„Ich finde es wichtig für uns alle, selbstbestimmt sterben zu können“: Rosa von Praunheim. Quelle: Michael Kappeler/dpa

Herr Praunheim, Ihr autobiografisches Stück „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ ist jetzt als Gastspiel am Schauspiel Hannover zu sehen. Wie kommt man auf die Idee, das eigene Leben als Musical zu erzählen?

Ich habe schon mehrere Autobiografien geschrieben und auch einige autobiografische Filme gemacht. Ich denke, das Persönliche und Autobiografische ist sehr wichtig für alle Menschen. Ich schreibe zudem gern Gedichte, und auch in meinen Stücken gibt es lyrische Passagen. Hier hatte ich das Glück, dass Heiner Bomhard, einer der beiden Darsteller, auch ein sehr guter Musiker ist. Er hat diese Passagen vertont.

Die Lieder schildern also einzelne Stationen aus ihrem Leben?

Ein Stück ist zum Beispiel eine Hommage an meine Mutter, andere sind meinen verschiedenen Lebensgefährten gewidmet. Darum kommt auch sehr viel Sexualität in dem Stück vor. Ich bin ja in den Fünfzigerjahren aufgewachsen, Homosexualität wurde bis 1969 kriminalisiert. Dadurch wird die Sexualität natürlich ein größeres Problem, als wenn man alles frei ausleben kann.

Wie bringt man das auf die Bühne? Kann ich da meine Tochter ins Theater lassen?

Wie alt ist sie denn?

14.

Klar, mit 14 kann und sollte man das ruhig alles mal angucken.

Spielt das Stück nur in den Fünfziger- und Sechzigerjahren?

Nein, es geht um mein ganzes Leben. Ich habe auch meinen Tod schon einmal vorweggenommen, weil es ja ohnehin bald soweit ist.

Wie sterben Sie denn? Haben Sie einen guten Tod?

Nein, ich stürze mich von oben auf die Bühne.

Ist Selbstmord Ihr Ziel, oder ist das ein theatraler Effekt?

Es ist nur Theater, aber ich finde es wichtig für uns alle, selbstbestimmt zu sterben zu können. Als ich meiner Psychotherapeutin einmal gesagt habe, dass ich keine Lust mehr zu leben habe, erzählte sie mir, dass man in Oregon Selbstmordpillen frei in der Apotheke kriegt. Seither habe sich die Selbstmordrate dort deutlich verringert. Ich glaube, wenn man weiß, dass man jederzeit Schluss machen kann, lässt einen diese Beruhigung gern weiterleben. So ist es auch mit mir.

Folgt man Ihrer Lebensgeschichte, könnte man denken, sie laufe nach einem beschwerlichen Start auf ein Happy End zu: Sie sind Professor, erhalten allerorten Ehrungen bis hin zum Bundesverdienstkreuz. Wundern Sie sich manchmal darüber?

Ich nehme Ehrungen ganz gelassen hin. Es ist ja nicht so, dass sie beruhigen: Der Lebenskampf geht weiter. Ich bin finanziell nicht abgesichert, kriege nur eine kleine Rente. Der Kampf um jeden neuen Film ist ein sehr großer und auch eine existenzielle Sache. Der Druck ist aber ganz gut: So bleibt man weiter kreativ, und ich bin gerne kreativ.

Kreativität hat bei Ihnen viel mit Schwulsein zu tun, mit dem Kampf, der Homosexualität Akzeptanz und Normalität zu verleihen. Wenn man sich die Entwicklung von den Fünfzigerjahren bis heute anschaut: Ist jetzt alles gut für Schwule?

Man braucht nur in unser Nachbarland Polen schauen, um zu sehen, dass das nicht so ist. Oder nehmen wir die Migranten: Als schwuler Syrer ist es kein Zuckerschlecken. Das sind Leute, die heute in unserer Gesellschaft leben. Gerade die große türkisch-arabische Gesellschaft tut sich wie alle religiösen Gesellschaften sehr schwer mit Homosexualität. Und an den Schulen ist das größte Schimpfwort noch immer „schwule Sau“.

Sie haben Anfang der Neunzigerjahre zwei der heute bekanntesten deutschen Homosexuellen geoutet: Alfred Biolek und Hape Kerkeling. Wie kam das?

Das war auf dem Höhepunkt der Aids-Krise, ich wollte einen Stein ins Wasser werfen, damit Prominente sich solidarisch erklären, und die Gesellschaft aufwacht. Beide waren Sympathieträger, das war sicher für einige ein Schock. Ich wusste aber, dass beide so beliebt sind, dass ihnen das nicht schaden würde. Interessanterweise hat sich daraufhin vor allem der Journalismus verändert. Bis dahin wurde die Homosexualität in Interviews mit Schwulen immer problematisiert. Danach kamen Schwule auch einfach mal in die Klatschspalten.

Wird das auch noch beim Fußball klappen?

Sportler, die sich outen, sind große Ausnahmen. Dort ist das weiterhin ein Tabu. Bei vielen Fans gibt es Homophobie und auch Rassismus, wie wir wissen.

Im Theater ist das eher nicht der Fall. Das zeigt auch Ihr neuer Film „Operndiven - Operntunten“. Wie kommen Sie auf dieses Thema?

Homosexuelle lieben Oper: Das ist ein weltweites Phänomen. Ich denke, ohne die schwulen Fans wären die Opern viel ärmer. Es geht um die Identifikation mit den großen Diven und hohen Stimmen. In Stücken wie „Tosca“ und „Madama Butterfly“ sind Frauen zentrale, starke Figuren, mit denen sich Schwule mit ihren eigenen Problemen gut identifizieren können. Die Oper bietet einen Schutzraum dafür.

Werden Sie jetzt zur Aufführung nach Hannover kommen?

Ich war schon öfter Gast im Kommunalen Kino und weiß, dass es in der Stadt ein angenehmes Publikum gibt. Natürlich komme ich zur Aufführung und werde mich auch am Ende in einem fantasievollen Gewand verbeugen. Ich freue mich immer über den Applaus, der eigentlich den Darstellern gebührt, aber es ist ja mein Leben. Das Stück läuft seit zwei Jahren am Deutschen Theater in Berlin. Ich sehe mir das jedes Mal an und bin begeistert von mir.

Zur Person

Rosa von Praunheimwurde 1942 als Holger Mischwitzky in Riga geboren und ist in einer Pflegefamilie in Brandenburg aufgewachsen. 1953 flüchtete die Familie nach Frankfurt am Main. Der Künstlername bezieht sich einen Frankfurter Stadtteil sowie auf den Rosa Winkel, den homosexuelle Gefangene während der Nazizeit in Konzentrationslagern tragen mussten. Bekannt wurde Praunheim 1971 mit dem Dokumentarfilm „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. In der Folge wurde der Regisseur zu einer Leitfigur der deutschen Schwulenszene. Zu seinem 75. Geburtstag inszenierte er das autobiografische Musical „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ am Deutschen Theater Berlin. Am Donnerstag, 10. Oktober, ist diese Produktion als Gastspiel am Schauspiel Hannover zu sehen.

Von Stefan Arndt

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