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Region John Scofield spielt mit Vicente Archer und Bill Stewart
Nachrichten Kultur Region John Scofield spielt mit Vicente Archer und Bill Stewart
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12:06 30.04.2019
Konzentriert: John Scofield im Jazz Club.
Konzentriert: John Scofield im Jazz Club. Quelle: Thomas Kaestle
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Hannover

Ohne Schuhe scheint John Scofield die kleinen Tasten der Loop Station zu seinen Füßen besser zu treffen – also streift er den rechten bei seinem ausverkauften Konzert im Jazz Club hin und wieder ab. Es ist ein Bild uneitler Selbstverständlichkeit, wie der 67-jährige US-Ausnahmegitarrist vor 200 gebannt lauschenden Besuchern in einer Socke einen Teil seines Sounds mit einem einfachen, in die Jahre gekommenen Gerät steuert, mit dem er Töne aufnehmen und wiederholen kann. Alle anderen Verzerrungen und Effekte stellt er nur mit Gitarre und Verstärker her.

„Wie spielt der denn die Gitarre?!“

Programmgestalter Gerd Kespohl erzählt in seiner Einführung, wie fasziniert er bereits nach der Veröffentlichung von Scofields erstem Album im Jahr 1977 gewesen sei: „Wie spielt der denn die Gitarre?!“ Vier Jahrzehnte und 24 Alben später zählt der Jazzmusiker zu den einflussreichsten Gitarristen seiner Generation. Sein Sound ist zum Markenzeichen geworden. Scofield spielt gerne Legato-Melodien mit nahtlos eng verbundenen Tönen. Vor allem aber erzeugt er Spannung und Weite, indem er Tonarten verlässt, um dann pointiert zu ihnen zurückzukehren.

Die Musikwissenschaft nennt das Inside-Outside-Improvisationen. Scofield hat sie bei Kollegen populär gemacht. Auch bei seinen Kollaborationen liebt er das Unerwartete, wechselt seine musikalischen Partner und damit auch Stilrichtungen mit Neugier und Souveränität. Im Jazz Club spielt er mit Bill Stewart am Schlagzeug und Vicente Archer am Kontrabass. Obwohl er mit beiden gerade erst das Album „Combo 66“ erarbeitete, ist vom neuen Material nichts zu hören. Vom intensiven Zusammenspiel nach einem solchen Aufnahmeprozess allerdings durchaus.

Lacher aus dem Publikum

Trotz hoher Eigenständigkeit in den subtilen Soli, die Scofield oft mit nur wenigen Gitarrentönen zusammenhält, verschmelzen die drei Positionen zu einer betörenden Einheit. Bei aller Inbrunst und Präzision ist das Ergebnis unterhaltsam – oft gehen dem regelmäßigen Jubel überraschte Lacher aus dem Publikum voran. Das Trio interpretiert Jazzstandards wie Irving Berlins „How Deep Is The Ocean“, aber vor allem Kompositionen aus Scofields umfangreichem Werk, von „Chariots“ aus dem Jahr 1990 bis hin zu „Hangover“ und „Museum“ von 2015.

Dabei wechseln schnelle, fast hastig swingende Passagen mit narrativ verträumten, die sich aus Blues und Pop bedienen. Immer wieder nimmt sich Scofield viel Zeit, um Töne an ihre unerwarteten, aber stets einleuchtenden Plätze zu fügen. Manchmal erfindet er sein Instrument in rascher Folge mehrfach neu. Nie protzt er jedoch mit seinen Einfällen und Effekten. Für das zweite, ebenfalls ausverkaufte, Konzert am Folgetag kündigt er scherzhaft an: „Wir spielen da einfach die gleichen Soli, aber andere Songs.“

Am Freitag, 3. Mai, um 20.30 Uhr spielen das Trio Mural und sein Gast Ben Kraef im Jazz Club.

Von Thomas Kaestle