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Joachim Król liest Camus im Schauspielhaus

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14:21 28.01.2020
Sinnenfrohe Rezitationskunst: Joachim Król. Quelle: Nancy Heusel
Hannover

Das war ein großer Abend für die Bildung. Es war aber auch ein großer Abend für den Schauspieler Joachim Król. Und schließlich war es ein großer Abend für den Schriftsteller und Philosophen Albert Camus. Doch der Reihe nach.

Als Albert Camus am 4. Januar 1960 bei einem Autounfall ums Leben kam, fand man in seiner Aktentasche handschriftliche Fragmente zu einem geplanten autobiografischen Roman. Erst 1994 kam das Manuskript mit dem Titel „Der erste Mensch“ als Buch heraus. Und aus diesem, nun in der 21. Auflage erschienenen Werk formte der Regisseur und Kulturproduzent Martin Mühleis einen Rezitationsabend, der das Publikum im ausverkauften Schauspielhaus begeisterte.

Bildung als Abenteuer

Das lag vor allem an der sinnenfrohen Rezitationskunst von Joachim Król. Er gab den Gedanken des Nobelpreisträgers Camus mit empathischer Sensibilität Stimme und szenische Form. Bewegend verfolgte man den Weg des philosophierenden Schriftstellers aus dem von Armut und Analphabetismus bestimmten Familienmilieu in Algerien zum international geachteten Intellektuellen. Eindrücklich erinnert sich Camus an die unüberbrückbare Grenze zwischen dem Lebenskreis seiner Kindheit und der Bildungswelt, die für den begabten Schüler zum aufregenden Abenteuer wird.

Dort aber, vollkommen allein auf sich gestellt, entdeckt der Junge, dass er sich neu erfinden muss, als wäre er „Der erste Mensch“. In der literarischen Rückschau spürt seine nie gestillte Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit dann doch eine seelische Brücke auf zwischen der einen und der anderen Welt: die Liebe seiner Mutter und die zugewandte Wärme seines Volksschullehrers, der ihm zum Aufbruch in das weite Land der Bildung verhalf.

Liebeserklärung an die Mutter

Insofern wurde der Abend im Schauspielhaus zu einer Liebeserklärung an die Mutter des Schriftstellers, die mit ihren fast tauben Ohren nur wenige Worte sprechen konnte. Und es war eine Hommage an den Lehrer Monsieur Germain, im Buch Bernard genannt.

Joachim Król und das Orchestre du Soleil. Quelle: Nancy Heusel

Regisseur Martin Mühleis verband die Bühnenlesung konzeptionell mit Licht und Musik. So folgte Lichtdesignerin Birte Horst mit einfühlsamen und weich geführten Lichtwechseln den jeweiligen Stimmungen des Textes. Und Christoph Dangelmann hatte für sein fünfköpfiges Ensemble L’Orchestre du Soleil eine Musik geschaffen, die mit ihrer Mischung aus Weltmusik und Jazz den Worten einen wechselnden emotionalen Background gab. All das fügte sich bis auf einige die Rezitation übertönende Momente zu einem harmonischen Gesamtkunstwerk.

Nachdem Król zum Schluss den warmherzigen Dankesbrief verlas, den Camus unmittelbar nach der Verleihung des Nobelpreises an seinen alten Lehrer geschrieben hatte, galt der Beifall posthum auch dem menschlich so einfühlsamen Autor dieses besonderen literarischen Abends.

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