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Joachim-Violinwettbewerb 2021: Neue Leiter setzen auf weniger Preisgeld und mehr Karrierechancen

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18:24 02.10.2019
Gut gelauntes Führungsduo: Antje Weithaas und Oliver Wille bei der Präsentation im Joachim-Saal der Stiftung Niedersachsen. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Vor mehr als 30 Jahre hat Krzysztof Wegrzyn den Internationalen Joseph-Joachim-Violinwettbewerb erfunden und zehn Ausgaben lang als künstlerischer Leiter betreut. Seit dem vergangenen Jahr gibt es erstmals ein neues Führungsteam an der Spitze des Wettbewerbs: Die Geigerin Antje Weithaas, Siegerin der ersten Ausgabe von 1991 und längst eine renommierte Solistin und Pädagogin, will den Wettbewerb gemeinsam mit ihrem Kollegen Oliver Wille von der hannoverschen Musikhochschule in die Zukunft führen. Jetzt haben die beiden ihr Konzept für die nächste Ausgabe vorgestellt, die im Herbst 2021 in Hannover ausgetragen wird.

Bei der Präsentation im Joachim-Saal der Stiftung Niedersachsen, die den Wettbewerb ausrichtet, gab es aber zunächst Applaus und Bravo-Rufe für den 66-jährigen Wegrzyn, der nun Ehrenpräsident des Wettbewerbs ist. Tatsächlich bleiben wesentliche Elemente erhalten, die der Gründer entwickelt hat und besonders typisch für den hannoverschen Wettbewerb sind: Dazu gehören die enge Zusammenarbeit mit der Musikhochschule und der NDR Radiophilharmonie, sowie die Gelegenheit für alle Teilnehmer, sich ausgiebig in zwei Auftritten zu präsentieren, bevor die Jury eingreift und den Kreis der Teilnehmer immer weiter verkleinert.

Applaus für den Gründer: Krzysztof Wegrzyn, jetzt Ehrenpräsident des Joachim-Wettbewerbs, sitzt bei der Präsentation des neuen Konzepts im Publikum. Quelle: Katrin Kutter

„Wir wollen Tolles bewahren, einige Weichen stellen, etwas Eigens wagen“, sagt Wille dann auch bei der Vorstellung des neuen Programms. Die Weichenstellung betrifft vor allem sehr grundsätzliche Zweifel am weltweiten Wettbewerbsrummel, den der Kammermusikprofessor mit Weithaas teilt. Die beiden stören sich an einem wachsenden „Wettbewerbstourismus“: Junge Musiker spezialisierten sich regelrecht auf die Teilnahme an internationalen Wettbewerben, die mit immer höheren Preisgeldern lockten und immer weniger mit dem echten Konzertbetrieb verbunden seien. „Das ist inzwischen eine Parallelwelt“, sagt Wille.

Preisgeld wird niedriger

Beim Joachim-Wettbewerb will man dieses Prinzip nun durchbrechen. Weithaas und Wille wollen Geiger ansprechen, die sich bisher gar nicht beworben hätten – „vielseitige, erwachsende Musiker“, die kein Interesse am Wettbewerbstourismus hätten. Außerdem wollen die neuen Leiter Konzertveranstalter überzeugen, Talente nachhaltig zu fördern. Dafür werden künftig Orchestermanager und Konzerthaus-Intendanten direkt zum Wettbewerb eingeladen. „Wir holen die Musikwelt nach Hannover“, sagt Wille. In den Finalrunden sollen sie sich selbst für junge Musiker entscheiden, die sie in ihren Häusern präsentieren wollen, und nicht einen von der Jury gekürten Sieger vorgesetzt bekommen.

„Wir holen die Musikwelt nach Hannover“: Oliver Wille und Antje Weithaas. Quelle: Katrin Kutter

Dieses Prinzip ist neu in Wettbewerben. Es ist extrem attraktiv für junge Musiker, die ihre Konzertkarriere ja erst noch aufbauen müssen. Und es scheint auch die Veranstalter zu interessieren: Schon jetzt haben 19 Intendanten zugesagt, in zwei Jahren nach Hannover zu kommen. Darunter sind Vertreter von so renommierten Institutionen wie der Tonhalle Zürich, dem Beethovenhaus Bonn, dem Schleswig-Holstein-Musikfestival und dem Berliner Konzerthausorchester.

Angesichts dieses zentralen neuen Bausteins wird es wohl leicht zu verschmerzen sein, dass das Preisgeld des einst höchstdotierten Violinwettbewerbs der Welt reduziert wird – ein Rekord, den Hannover im Wettbewerb der Wettbewerbe ohnehin seit einiger Zeit nicht mehr halten konnte: Bei der Ausgabe im vergangenen Jahr gab es insgesamt 131.000 Euro Preisgeld, 2021 werden es noch 80.000 Euro sein.

Eine Sopranistin in der Jury

Weitere Änderungen betreffen die Zusammensetzung der Jury, der künftig auch Nicht-Geiger angehören – in zwei Jahren sind das unter anderem die Sopranistin Christine Schäfer und der Pianist Robert Levin. Die Vorauswahl der Kandidaten, die überhaupt zum Wettbewerb eingeladen werden, treffen künftig Stimmführer der NDR Radiophilharmonie. Die beiden künstlerischen Leiter gehören keinem Wertungsgremium mehr an.

Das Wettbewerbsprogramm wird in musikalischen Details verändert und etwas verschlankt – vor allem, weil im Finale künftig nur noch vier statt sechs Geiger stehen werden. So gibt es nur noch ein einziges Finalkonzert, das auch gleich das bisher abschließende Galakonzert ersetzt. Wie bisher ist dabei die NDR Radiophilharmonie als Begleiter mit von der Partie. Die Finalisten werden im Funkhaus außerdem das Auftragswerk spielen, das Manfred Trojahn gerade für die nächste Ausgabe komponiert.

Weithaas und Wille werden mindestens den nächsten Wettbewerb im Jahr 2021 und die übernächsten Ausgabe drei Jahre später betreuen. Hat die neuen Weichenstellung Erfolg, geht die Reise für den Joachim-Wettbewerb aber sicher noch viel weiter.

Die elfte Ausgabe des Internationalen Joseph-Joachim-Violinwettbewerbs findet erstmals unter der künstlerischen Leitung von Antje Weithaas und Oliver Wille vom 26. September bis 9. Oktober 2021 in Hannover statt.

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