Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Region Dirigent Jordan de Souza hält Rennen um den Chefposten offen
Nachrichten Kultur Region

Jordan de Souza drigiert Sinfoniekonzert in der Staatsoper Hannover

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:37 25.11.2019
All in: Dirigent Jordan de Souza und das Staatsorchester beim dritten Sinfoniekonzert in der Oper. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Wäre die Staatsoper ein Casino, würde man wohl sagen, dieser Mann setzt alles auf eine Karte. Das volle Risiko jedenfalls scheint der Dirigent Jordan de Souza nicht zu scheuen. Schließlich sucht die Staatsoper derzeit einen neuen Generalmusikdirektor. Intendantin Laura Berman hofft, im Januar einen Nachfolger für Ivan Repusic präsentieren zu können, der das Haus mit dem Ende der vergangenen Spielzeit verlassen hat. Der Kanadier de Souza, der wohl zum Kreis der Kandidaten gehört, hatte jetzt im dritten Sinfoniekonzert die Chance, sich zu präsentieren. Er hat sie auf erstaunliche Weise genutzt.

Anders als seine Kollegen Constantin Trinks und Kevin John Edusei, die zu Beginn der Spielzeit sowohl eine Opernneuproduktion als auch ein Sinfoniekonzert geleitet haben und sich damit ausführlich vorstellen konnten, musste de Souza vor allem in dem einen Konzert punkten. Mutig also, dass er ausgerechnet ein Stück gewählt hat, das vielen als unspielbar gilt.

Späte hannoversche Erstaufführung

Die „Lyrische Sinfonie“ von Alexander Zemlinsky wurde 1924 uraufgeführt. In Hannover aber war sie bis zu diesem Konzert noch nie zu hören. Die Verspätung hat Gründe auch jenseits der vergleichsweise geringen Popularität des Komponisten: Die Sinfonie ist eigentlich ein Liederzyklus, bietet aber den Riesenapparat eines spätromantischen Orchesters auf. Ähnlich wie in Gustav Mahlers „Lied von der Erde“, das erst vor einigen Monaten eine neue Akustikdebatte in der Elbphilharmonie hervorgerufen hat, müssen die Sänger wahre Klanggebirge überwinden, um sich verständlich zu machen. Ein Dirigent, der auch für die Balance zwischen Solisten und Begleitung verantwortlich ist, kann da nur schwer eine gute Figur machen.

Das dritte Sinfoniekonzert mit Dirigent Jordan de Souza in der Staatsoper. Quelle: Samantha Franson

De Souza nähert sich dieser heiklen Aufgabe mit Anlauf: Er eröffnet den Abend mit zwei sehr unterschiedlichen französischen Stücken: dem „Menuet antique“ von Maurice Ravel und „La Mer“ von Claude Debussy. In beiden Werken offenbart der Dirigent, der derzeit Erster Kapellmeister an der Komischen Oper in Berlin ist, viel Gespür für Transparenz und Klangfarben. In Ravels neobarockem Menuett setzt er auf eine analytische Herangehensweise, die die einzelnen Stimmen klar herausarbeitet. In Debussys sinfonischen Meeresskizzen sorgt er dagegen immer wieder dafür, dass zwei oder mehr Instrumente so eng miteinander verschmelzen, dass sie ganz neue Klänge hervorbringen.

Ruhe im Orchesterorkan

Auf beiden Wegen folgt ihm das stark aufspielende Staatsorchester sehr konzentriert. Wenn man so viele Impulse gibt, wie de Souza es tut, ist vor allem „La Mer“ allein schlagtechnisch eine große Herausforderung. Der Kanadier meistert sie mit Eleganz. Die wenigen kleinen Missverständnisse, die es im Zusammenspiel gibt, dürften kaum zu vermeiden sein, wenn man bei so komplexen Stücken das erste Mal zusammenarbeitet.

Ein noch größeres Risiko geht de Souza mit der „Lyrischen Sinfonie“ ein, auch wenn er mit der Sopranistin Aga Mikolaj und dem Bariton Michael Kupfer-Radecky stimmstarke Solisten an seiner Seite hat. Mit erstaunlicher Gelassenheit beschränkt sich der Dirigent im Orchesterorkan der ersten Sätze auf die notwendigste Schadensbegrenzung: Man kann in diesem Stück eben nicht jedes Wort verstehen.

Das Rennen bleibt spannend

Umso eindrucksvoller und dringlicher glücken die ruhigeren Passagen. Noch einmal präsentiert sich de Souza dabei von einer anderen Seite: Statt auf französische Leichtigkeit setzt er nun auf einen schweren Orchesterklang, wie er typisch für das deutsche Repertoire dieser Zeit ist. Die hannoversche Erstaufführung der Zemlinsky-Sinfonie wird so zu einem Ereignis. Viel hätte in diesem Konzert misslingen können – und viel ist am Ende geglückt. Das Rennen um den Chefposten am Dirigentenpult bleibt spannend.

Am Sonntag, 15. Dezember, dirigiert Jordan de Souza die Wiederaufnahme von „La Bohème“ an der Staatsoper.

Lesen Sie auch

Von Stefan Arndt

Region Gebärden, Sprache und Gebärdensprache „Die Wut, die uns vereint“ im Ballhof 2

Athina Lange spielt die Hauptrolle in Finegan Kruckemeyers Pubertätsdrama „Die Wut, die uns vereint“. Die Schauspielerin ist gehörlos; sie spricht zwar, bedient sich aber auch der Gebärdensprache.

25.11.2019

Das Gremium, das über die Vergabe des Kulturhauptstadttitels 2025 entscheidet, steht fest. Deutsche Mitglieder sind der Kulturwissenschaftler Ulrich Raulff und die Theaterintendantin Barbara Mundel, die aus Hildesheim stammt. Die Stadt bewirbt sich ebenfalls um den Titel.

25.11.2019

In einer leerstehenden Etage des Ihme-Zentrums sucht die Theatergruppe Agentur für Weltverbesserungspläne mit ihrer Produktion „#MeBambi oder das Große Wundern“ nach unbewusstem Rassismus.

25.11.2019