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Region Hannah Arendt als Jugendlektüre: „Fake Youth“ im Ballhof
Nachrichten Kultur Region Hannah Arendt als Jugendlektüre: „Fake Youth“ im Ballhof
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13:23 28.04.2019
Fake-Welt im Comic-Stil: Szene aus der Hannah-Arendt-Version des Jungen Schauspiels. Quelle: Karl-Bernd Karwasz
Hannover

Hannah Arendts rund tausend Seiten umfassendes Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ war nie ein Bestseller – bis Donald Trump in den USA an die Macht kam. Das 1951 erstmals veröffentlichte Buch der in Hannover geborenen und während der Nazizeit in die Vereinigten Staaten emigrierten gesellschafts- und politikwissenschaftlichen Theoretikerin war in den USA 2017 zeitweise vergriffen. Auch Medien setzen sich seitdem mit Arendts Gedanken neu auseinander, und ihr Zitat „Nichts ist wahr, alles ist möglich“ wurde zum beliebten Post in sozialen Netzwerken.

Aus den Netzwerken auf die Bühne

Arendt ist also längst nicht mehr nur in staubtrockenen Politikwissenschaftsseminaren präsent, sondern auch auf Youtube, Facebook, Instagram – und jetzt auch auf der Theaterbühne: „Fake Youth“ ist ein Stück, das das auf politische Themen spezialisierte Theater-Kollektiv Andcompany & Co. aus Frankfurt am Main mit elf jungen Menschen aus Hannover auf der Grundlage von Arendts Abhandlungen und Analysen entwickelt hat. Das Ergebnis, jetzt uraufgeführt im Ballhof Eins, ist erstaunlich: Das multitalentierte Ensemble schafft es, Arendts ursprünglich auf die politischen Zustände ihrer Zeit zugeschnittenen Analysen ins Hier und Jetzt zu übertragen. Und das ohne Pause in sehr unterhaltsamen 75 Minuten.

Die Bühne (Jan Brokof) wird dabei zu einer Fake-Welt im Comicstil: Eine Pappfigurversion von Micky Maus steht am Rand und lüpft die großen Ohren. Darunter blitzt eine Glatze mit schwarzem Haarkranz hervor. Im Hintergrund blinken Schriftzüge bekannter Marken. Doch statt Prada steht dort Ppada. Man muss schon zweimal hinschauen.

Rasante Wortgefechte

Die Jugendlichen zwischen 15 und 23 Jahren bilden zusammen eine Art Internet-Community. Ein Mädchen mimt zu Beginn eine Influencerin, die Arendts Buch „liked“. Ihre „Follower“ greifen daraufhin auch zu dem Wälzer und geben „Kommentare“ ab, etwa diesen: „Ganz schön spooky, dieses Buch heute zu lesen – zu viele Parallelen.“

Welche der vielen Aussagen, die in den noch folgenden rasanten Wortgefechten, eingängigen Songs und fesselnden Monologen zum Jungsein im digitalen Zeitalter auf der Bühne fallen, tatsächlich von Arendt stammen, ist manchmal nicht klar auszumachen. Einige Erkenntnisse der Philosophin werden in „Fake Youth“ auch kurzerhand neu interpretiert, etwa wenn es um „absolute Folgerichtigkeit“ als ein Kennzeichen von Ideologie geht. Im Stück wird daraus die These: „Wer A mag, muss auch B mögen. Wenn dir ein Algorithmus sagt, was du magst, ist das eine Ideologie.“ Das ist in der Tat spooky. Langanhaltender Beifall.

Weitere Vorstellungen sind am 03, 18. und 21. Mai sowie am 07. Juni jeweils von 19.30 Uhr an im Ballhof Eins.

Von Kerstin Hergt

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