Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Region „Marry Me In Bassiani“ eröffnet das Internationale Sommerfestival
Nachrichten Kultur Region

Kampnagel in Hamburg: „Marry Me In Bassiani“ eröffnet das Internationale Sommerfestival

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
17:27 08.08.2019
Das französische Kollektiv (La)Horde eröffnet mit seiner Installation „The Beast“ das Kampnagel Sommerfestival. Quelle: Markus Scholz/dpa
Anzeige
Hamburg

Trostlos, diese riesige Halle mit der grauen, bühnenhohen Wand und der Reiterstatue. Traurig, dieser starr sitzende Mann allein am blumengeschmückten Tisch. Trist, diese leer blickenden Gäste auf den Stuhlgruppen davor. Hinter ihnen tastet die Braut die Wand ab, sucht einen Weg zur Flucht. Es gibt keinen. „Marry Me In Bassiani“ heißt das Stück, mit dem in Hamburg das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel startet. Eine Uraufführung, ein Showdown zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen Macht und Auflehnung und ein Stück über Frauen, die sich Freiheit ertanzen.

Rasanz und Artistik

Das titelgebende Bassiani in Georgien zählt zu den weltbesten Techno-Tanztempeln. Berühmt wurde der Club, als nach einer knüppelharten Razzia 15.000 Menschen zum Protestrave vors Parlament zogen – und den Club retteten. Das Bassiani steht für eine liberale, offene Welt in einer homophoben postsowjetischen Gesellschaft. Nun dient es einem Tanzstück des französischen Kollektivs (La)Horde, umgesetzt mit 15 Tänzern der georgischen Gruppe Iveroni. (La)Horde leitet ab September das Ballet National de Marseille. Mit „Marry Me In Bassiani“ erfindet das Kollektiv den Tanz zwar nicht neu, aber seine Produktion ist an Rasanz, an Artistik und Sogkraft kaum zu überbieten.

Anzeige

Neun Weltpremieren

Das Stück eröffnet als eine von neun Weltpremieren das Sommerfestival. Zukunft, Feminismus, Klima – um diese Themen drehen sich viele Produktionen bis zum 25. August. Provokation und Pop, Avantgarde und Intellektualität treffen dabei aufeinander. Einen Blick vielleicht gar nicht so weit nach vorn wirft Rimini Protokoll und prüft in „Uncanny Valley“, ob Humanoide, also Roboter, auch auf der Bühne den Homo sapiens überflüssig machen können.

Gibt es für die ausgeplünderte Welt ein Morgen?

(La)Horde ist noch mit einem zweiten Projekt vertreten, der Installation „The Beast“. So hat der amerikanische Präsident sein Auto genannt, nun steht es zerdeppert in einer Halle. Drumherum passiert Irritierendes. Tänzer liegen wie tot auf dem Wagen, andere räkeln und winden sich um die Stretchlimousine, einige küssen die Karosse. Es gibt in den USA absurde, erniedrigende Wettbewerbe der Art: Wer die Lippen am längsten am Blech hält, gewinnt das Auto. Ein Reinigungswagen löscht auf Kampnagel parallel den immer neu auf den Boden geschriebenen Satz „Tomorrow is cancelled“. Das ist die simple, wahre Kernfrage des Festivals: Gibt es für die ausgeplünderte Welt ein Morgen?

Auf dem Programmheft zum Festival spinnt die Gottesanbeterin ihr Netz. Sie frisst nach dem Akt der Fortpflanzung bekanntlich das Männchen. Vorher wird auf Kampnagel aber noch gefeiert: DJs laden zum Rave, und dabei legen auch Künstler aus dem Bassiani auf.

Von Hans-Martin Koch