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Region Lieder mit Streichern und Haltung: Konstantin Wecker begeistert 2000 Fans im Kuppelsaal
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Konstantin Wecker gastiert auf „Weltenbrand“-Tour im Kuppelsaal Hannover

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15:22 28.11.2019
Tosender Applaus von 2000 Zuhörern: Konstantin Wecker im Kuppelsaal. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Es ist eine kleine Geste mit viel Gewicht: Als sich die Musiker des Kammerorchesters der Bayerischen Philharmonie nach dem letzten Stück in Konstantin Weckers Programm „Weltenbrand“ auf den Weg an den Bühnenrand des Kuppelsaals machen, um sich im tosenden Applaus der 2000 Zuhörer zu verneigen, werden sie jeweils kurz aufgehalten. Der Liedermacher, den sie drei Stunden lang an ihren Instrumenten begleitet haben, umarmt jeden von ihnen herzlich. Mit dieser Tournee hat er sich einen persönlichen Wunsch erfüllt: „Ich wollte auf der Bühne in Klängen baden“, sagt er.

Orchestraler Auftritt gelingt mühelos

Dabei war er klassischen Instrumenten und Kompositionen in den Arrangements vieler Lieder schon immer sehr nahe. Vielleicht gelingt ihm sein orchestraler Auftritt auch deshalb so mühelos. Es hilft zudem, dass ihn mit dem Dirigenten Mark Mast, der für den Abend elf Musiker aus acht Nationen aus seiner Bayerischen Philharmonie ausgewählt hat, eine lange Zusammenarbeit verbindet – wie auch mit seinem Pianisten Jo Barnikel, der alle aktuellen Arrangements erarbeitete. Der schafft es, das Orchester nicht nur als Verstärker oder exotischen Bonus zu nutzen, wie in vergleichbaren Projekten anderer Musiker.

„Ein Geschenk für jeden Poeten“

Hier zählt jeder einzelne Musiker zu einer erweiterten Band, jedes Instrument hat einen eigenständigen Platz darin, trägt subtil bei zu großer Lebendigkeit und Präzision. Wecker steht dabei immer wieder am Rand des Geschehens und genießt, wie seine Musik bebt und abhebt – stolz und uneitel zugleich.

Auch sein Publikum ist drei Stunden lang auffallend aufmerksam, als wolle es keinen Ton versäumen. „Menschen, die ihm so lange zuhören, sind ein Geschenk für jeden Poeten“, sagt Wecker.

Hannover, Konstantin Wecker, Konzert im Kuppelsaal (Foto: Frank Wilde) Quelle: Frank Wilde

Dann fordert er seine Fans auf, aktiv zu werden, mit ihm den Refrain von „Den Parolen keine Chance“ zu singen, unter den er die Melodie von Beethovens „Freude, schöner Götterfunken“ gelegt hat: „Lasst uns jetzt zusammenstehen, es bleibt nicht mehr so viel Zeit, lasst uns lieben – und besiegen wir den Hass durch Zärtlichkeit.“

Lehrer für Generationen

Poesie, Sinnlichkeit, Solidarität und Handeln umreißen Weckers Kernbotschaft seit 46 Jahren. 40 Alben hat der heute 72-Jährige veröffentlicht. Er hat mit seinen Liedern ganzen Generationen geholfen, zu mündigen Bürgern zu werden, zu kritischen Geistern und humanistischen Querdenkern. Er hat bei vielen die Lust an der Wortgewalt geweckt, hat sie politisiert und poetisiert zugleich.

Viel Raum für Politik

Dabei ist Wecker bis heute ein Botschafter der Leidenschaft geblieben, zugleich ein Feind des Eindimensionalen: ein Antifaschist, aber konsequent gewaltlos – ganz nah an den großen Gefühlen, aber fast nie kitschig. Er verbindet wie wenige andere Hedonismus mit gesellschaftspolitischem Bewusstsein. Im Programm „Weltenbrand“ erhält die Politik viel Raum. Es bündelt Weckers Anklagen und Appelle, sein Hinterfragen und Ermutigen der letzten 40 Jahre, Songs gegen Unmenschlichkeit und für Zivilcourage, die sich leider nicht als Dokumente der Zeitgeschichte erledigt haben.

Songs gegen Rassismus

Wecker zeigt, dass seine musikalische, menschliche und gesellschaftliche Haltung zeitlos ist. „Frieden im Land“ von 1977 erweist sich als nachhaltig prophetisch: „Die alten Ängste, pittoresk gepflanzt, treiben sehr bunte neue Blüten.“ Und in „Das macht mir Mut“ sang Wecker schon 1982: „Jetzt auf die Straße, lacht sie aus, diese Rassistenbrut.“ „Die Weiße Rose“ von 1983 widmet er „allen, die sich gerade heute jeder Form von Faschismus entgegenstellen“. Zu langem Jubel bringt er das Publikum mit seiner Hymne „Empört Euch“: Die wütende Kritik am Neoliberalismus steckt in einem furiosen Arrangement.

Konstantin Wecker hat an Relevanz gewonnen

Bei alldem rückt Wecker immer wieder die Poesie in den Mittelpunkt. Er rezitiert Erich Kästner, Erich Mühsam und Rainer Maria Rilke, singt Vertonungen von Texten Bertolt Brechts und Johann Wolfgang von Goethes. Auch zärtliche Lieder über Familie und Liebe und entfesselte über Lebenslust finden Platz in einem opulenten Programm, das nicht weniger ist, als ein kluger, engagierter und ausgesprochen sinnlicher Essay über das Leben. An Relevanz hat Konstantin Wecker in all den Jahren eher noch gewonnen. Für Abschiedsprogramme erscheint es noch viel zu früh.

Am Sonnabend, 30. November, gastiert ab 19.30 Uhr Peter Kraus im Kuppelsaal.

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