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Konzert: Musik von Rebecca Saunders beendet Kunstfestspiele Herrenhausen

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19:15 27.05.2019
Das Ensemble Musikfabrik beim Konzert in Herrenhausen.
Das Ensemble Musikfabrik beim Konzert in Herrenhausen. Quelle: Helge Krückeberg
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Hannover

Es ist eine alte Geschichte, doch ist sie immer neu: Komponisten aller Zeiten haben sich bemüht, in der Verbindung von Musik und Sprache eine eigene Erzählung zu finden. Die 1956 geborene britische Komponistin Rebecca Saunders hat sich damit besonders schwergetan: Die Vertonung des letzten Kapitels aus James Joyces Roman „Ulysses“ – der berühmte Monolog der Molly Bloom – war ihr erster Versuch, die Welt der Noten und der Buchstaben zusammenzubringen. Fast ein Vierteljahrhundert lang hat sie mit der Komposition gerungen. Nun war „Yes“, das knapp eineinhalbstündige Ergebnis dieser Bemühungen, zum Abschluss der Kunstfestspiele Herrenhausen zu erleben.

Zerlegte Laute

Dass die Orangerie auch bei diesem letzten Konzert der diesjährigen Festivalausgabe gut gefüllt war, liegt sicher auch am Hannover-Bezug der Komponistin, die im Februar mit dem renommierten und hoch dotierten Ernst-von-Siemens-Musikpreis ausgezeichnet wurde: Saunders ist eigentlich Professorin für Komposition an der hannoverschen Musikhochschule – lässt sich in diesem Amt aber seit einigen Jahren aus familiären Gründen vertreten.

Flüstern und Zischen: Sopranistin Juliet Fraser bei der Aufführung in Herrenhausen. Quelle: Helge Krückeberg

Saunders hat sich in ihrer „räumlichen Performance für Sopran, 19 Solisten und Dirigent“, die 2017 uraufgeführt wurde, weit von der traditionellen Art entfernt, Worte in Musik zu fassen. Tatsächlich ist der Text oft gar nicht zu erfassen, er wird in Laute zerlegt, in Atem aufgelöst oder hinter vorgehaltener Hand geflüstert. Bezüge zwischen Inhalt und musikalischer Form, wie sie bei Liedern von Schubert und Schumann nicht zu überhören sind, lassen sich so kaum herstellen. Was bleibt, ist ein atmosphärischer Kern: Saunders hat den Gedankenstrom der Molly Bloom, der sich oft im Halbschlaf und in erotische Fantasien verstrudelt, in Klangschichten übersetzt. Erzeugt werden sie von verschiedenen Musikergruppen des Ensembles Musikfabrik, die über die ganze Länge der Galerie verteilt sind.

Eine neuartige Textvertonung

Das klangliche Resultat ist faszinierend – und manchmal auch erschreckend: Die Direktheit und Wucht von Saunders’ Musik kann den Hörer treffen wie ein unbequeme Wahrheit. Das ganze Stück wirkt ungeheuer konsequent ausgearbeitet. Obwohl oft sehr viel und sehr viel nebeneinander passiert, wirkt hier jede Note am Platz: Saunders plaudert nicht, sie verdichtet auf eine radikale Weise.

Dieser Eindruck wird von den souveränen Akteuren noch verstärkt. Die Musiker des Ensembles Musikfabrik, die seit Jahren eng mit Saunders zusammenarbeiten, die fabelhafte Sopranistin Juliet Fraser und der Dirigent (und Komponist) Enno Poppe, spielen und singen trotz zum Teil erheblicher Distanz punktgenau und überzeugend. Ein starkes Plädoyer für eine starke, neuartige Textvertonung, die Worte nicht kommentiert, sondern von innen ausleuchtet.

Von Stefan Arndt