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Konzert: Musiktage enden mit Marathonkonzert in der Staatsoper

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18:20 30.09.2019
Epochales Werk: Der NDR-Chor und die Bang on a Can All-Stars spielen „Anthracite Fields“. Quelle: Helge Krückeberg
Hannover

Bei den 33. Niedersächsischen Musiktagen gab es in den vergangenen Wochen 50 Konzerte an 43 Orten im ganzen Land. Das 51. Konzert – der festliche Abschluss in der Staatsoper Hannover – war nun noch einmal ein kleines Festival für sich. Das diesjährige Motto „Mut“ und die Ideen, die hinter den von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung organisierten Musiktagen stehen, spiegelten sich in dem vierstündigen Abend in konzentrierter Form.

Im Zentrum stand dabei das Oratorium „Anthracite Fields“, für das die US-amerikanische Komponistin Julia Wolfe 2015 den renommierten Pulitzer-Preis gewonnen hatte. Das Stück war bisher erst einmal in Deutschland zu hören. Die Aufführung mit dem NDR-Chor und den Bang on a Can All-Stars – einem New Yorker Neue-Musik-Ensemble aus Schlagzeug, Gitarre, Klarinette, Cello, Bass und Klavier – ließ aber keine Zweifel, dass das nicht an der Qualität des Stückes liegt: „Anthracite Fields“ ist ein epochales Chorwerk, das die Tradition eines modernen Requiems in der Nachfolge von Komponisten wie Benjamin Britten und Michael Tippett in die Gegenwart führt.

Das Stück zur Klimakrise

Wolfe erzählt von den Kohlegruben vor den Toren Philadelphias, vom Leid der oftmals minderjährigen Arbeiter, die Anfang des 20. Jahrhunderts unter lebensgefährlichen Umständen unter Tage schufteten, und von der Kohle als Treibstoff der modernen Welt. Ihr Werk erinnert eindringlich daran, dass es Energie aus fossilen Brennstoffen nicht umsonst gibt. Allein die flehentlich im Falsett gesungene Mahnungen eines Gewerkschaftsführers scheinen mögliche Vertonungen von Greta-Thunberg-Reden vorwegzunehmen: „Anthracite Fields“ ist das Stück zur Klimakrise.

Wie eine Bach-Passion hebt Wolfes Oratorium mit einem großen Klagegesang an: Über undurchdringlich dunkle Begleitklänge, die in die Tiefe der Kohleschächte führen, singt der Chor die Namen der Bergarbeiter, die dort umgekommen sind – zumindest die derer, die John hießen: Allein das sind Hunderte. Verstärkt und gespiegelt wird die Musik in den Videos von Don Chesik, die historische Fotos und Pläne kunstvoll verfremdet aufnehmen und das Stück musikdramatisch weiten.

Der NDR-Chor und die Bang on a Can All-Stars bei der Aufführung von „Anthracite Fields“ in der Staatsoper Hannover. Quelle: Helge Krückeberg

Die Komposition entfaltet eine beklemmende, auch physisch erfahrbare Wirkung. Gewaltige Klangschichten driften laut und bedrohlich übereinander. Logische Entwicklungen oder dialektische Strukturen, wie sie die klassische Musik entwickelt hat, sucht man vergebens. Wolfe schafft eher musikalische Aggregatzustände, denen man als Hörer ausgeliefert ist wie den Elementen. Wenn sie im letzten Satz alltägliche Anwendungen der verstromten Kohle besingen lässt („Back einen Kuchen, heiz dein Haus“), dann klingt es, als müssten die Töne mühsam aus der schroffen Klangoberfläche geschürft werden.

Vorbildliches Programm

„Anthracite Fields“ ist eine Herausforderung: für die brillanten Musiker und Sänger unter Leitung von Ralf Sochaczewsky wie für die am Ende überwiegend begeisterten Zuhörer. In der Chorstadt Hannover ist ein solches Werk in jedem Fall am rechten Platz.

Daniele di Bonaventura und seine Band’Union spielen zum Abschluss der Niedersächsischen Musiktage in der Staatsoper. Quelle: Helge Krückeberg

Vorbildlich war die Programmgestaltung des neuen Musiktage-Intendanten Anselm Cybinski auch im letzten Teil des Abends, der nach der Anstrengung für elegante Entspannung sorgte: Das Jazzquartett um den italienischen Bandoneon-Spieler Daniele di Bonaventura, für das die Vorderbühne der Oper ein perfekter Auftrittsort war, spielte mal schön schlicht, mal ausschweifend-raffiniert arrangierte Versionen von Protest- und Widerstandliedern des 20. Jahrhunderts und versetzte das Publikum selbst in der vierten Programmstunde in Begeisterung.

Rupert Charlesworth (von links), Nina van Essen und Nikki Treurniet singen bei den Musiktagen Lieder von Michael Nyman in der Staatsoper Hannover. Quelle: Helge Krückeberg

Begonnen hatte der Abend mit einem eigenständigen Prolog der Staatsoper, mit der die Musiktage bei diesem Finale gewinnbringend zusammengearbeitet haben. Sopranistin Nikki Treurniet, Nina van Essen (Mezzosopran) und Tenor Rupert Charlesworth sangen – begleitet vom Staatsorchester und dem Dirigenten Eduardo Strausser – Lieder von Michael Nyman und konnten dabei den guten Eindruck verstärken, den das neue Ensemble am Haus macht. Passend zum großzügigen Stil der jetzt von Laura Berman geleiteten Oper war auch die charmante Inszenierung mit Kerzenschein, Kostümen und einem Bühnenbild aus Licht.

Nymans schwelgerische Musik unterscheidet sich stark von Julia Wolfes verdichteten Klängen. Und doch schöpfen beide Komponisten aus denselben Quellen der amerikanischen Moderne, für die Nyman einst selbst die Bezeichnung „Minimal Music“ geprägt hat. Die Opulenz und Dringlichkeit, die in den Werken dieses außergewöhnlichen Konzertes zu erleben war, lässt das als hoffnungslose Untertreibung erscheinen.

Die 34. Niedersächsischen Musiktage stehen vom 27. August bis zum 29. September 2020 unter dem Motto „Rituale“.

Lesen Sie weiter:

Ein Interview mit dem neuen Musiktage-Intendanten Anselm Cybinski.

Von Stefan Arndt

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