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Konzert in Leipzig: Udo Lindenberg begeisterte zweimal 10 000 Fans

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00:18 16.06.2019
Udo Lindenberg in der Arena Leipzig. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Er kommt mit höllischem Lärm. Feurige Triebwerke heulen über die Videowand. Ein Riesenjet hebt ab, fliegt, landet – und aus der Tür kommt Panikrocker Udo Lindenberg. Willkommen in Udo-pia! Über zweieinhalb Stunden und 31 Songs lang. Ein Flug durch Jahrzehnte in Rock, mit Zwischenstopps in Melancholia und Prostestanien. Ein Feuerwerk an Tanz und Kostümierung. Ein Karneval von Masken und Melodien, Party und panischen Erinnerungen. Rund 700 Songs hat Udo Lindenberg geschrieben, „Live 2019“, die gigantische Show aus Licht und Bild, Illumination und Illustration, taucht nach drei Handvoll Perlen – und findet Oldies, die immer fabelhaft, und vergessene Lieder, die mit einem neuen Soundmantel einfach fantastisch klingen.

Der Stehaufmann

Udo 2019, das ist ein sinnenfrohes Fest des prallen Lebens. Nicht nur mit verklärtem Blick auf verflossene Zeiten (gehört aber natürlich dazu) oder jene Jahre, die er volley nahm, sondern ebenso mit den Selbsterkenntnissen, was nicht so gelaufen ist. Keine Beichten in Tristesse („Lady Whiskey“, „Mein Body und ich“), sondern Fixpunkte, die immer vor dem Neustart lagen. Udo Lindenberg, der Stehaufmann. Udo Lindenberg, der Texter, bei dem so oft Besungenes immer so ganz anders klingt, bei dem die Musik wohl eher unter den Worten liegt. Der weiß, wie das eine das andere stärkt.

So knallt Udo 2019 in der ausverkauften Arena vor 10 000 Fans quer durch die Generationen los – mit „Woddy Woddy Wodka“, der wilden „Honky Tonky Show“ und dem energischen Selbstversprechen „Mein Ding“. Acht Tänzerinnen wirbeln erstmals über die Bühne, Udo lässt das Mikro kreisen, macht Trippelschritte und schüttelt Hände, setzt die Sonnenbrille ab und wieder auf, blickt aus Kajal-umrandeten Augen unterm Hut in den Saal – und gurgelt mit Eierlikör. Auf der Rückwand animierte Likörelle.

Die bunten chaotischen Wirbelbilder auf der Bühne gibt es immer mal wieder, wenn die Panik-Familie auf Party macht. Bei „König von Scheißegalien“ wächst ein prächtig kolorierter, bewegter Wald, in dem Flamingos Riesentüten verteilen. Zu „Alles was sie anhat, ist ihr Radio“ wird in knallengen, hautfarbenen Trikots getanzt, bevor ein Gitarrengewitter alles beendet. Wenn bei „Cello“ (mit Clueso als Gast) vier Cellistinnen und eine Göttin aus dem Himmel herabschweben, ist das allemal ein so überwältigendes Bild wie bei „Du heißt jetzt Jeremias“ mit viel Halleluja, Kirchenillustration in Cinemascope und Kathedralenlicht. Dazu gibt es szenische Fantasien im Sarkastic-Sound gegen Zölibat und für gleichgeschlechtliche Ehe. Die stiftet Udo dann auch sofort auf der Bühne zum Heinz-Rühmann-Klassiker „Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n“.

Der Empfindsame

Neben diesen karnevalesken Szenen taucht immer wieder der andere Udo auf. Der Leise. Der Nachdenkliche. Der Empfindsame. Jener Udo Lindenberg, der aus der in heutiger Zeit gern belächelten Tradition der still-zornigen Protestsongs kommt. Bei „Wozu sind Kriege da?“ mit einem Kinderchor leuchten im Saal die Handys. „Wir ziehen in den Frieden“ – und rot glüht zu Artikel 3 und 1 Grundgesetz eine Sonne im Hintergrund. Udo ist überzeugend. Udo scheint weiter daran zu glauben, dass Lieder die Welt verändern können. Wenigstens ein bisschen. Auch wenn er sich wie ein Rufer in der Wüste vorkommen muss. Immerhin ist die Öko-Anklage„Ratten“ 37 Jahre alt.

Dazwischen der private Udo. Liebeslieder und Erinnerungen, die, mal leiser, mal lauter, von erfahrenen Gefühlen in einem Alltagssprech singen, der weitab, fernweg und jenseits aller hohen Minne liegt. Das sehnsüchtige „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klauen“ im Maritim-Sound, „Hinterm Horizont“ vor dem rot leuchtenden Brandenburger Tor, „Du knallst in mein Leben“ mit flammenden Tattoo-Herzen und Pin-ups auf der Wand – und im Duett mit der fantastischen Ina Bredehorn.

Überhaupt hat Udo Lindenberg in der Blondine mit der Marie-Fredriksson-Frisur und in der schwarzhaarigen, souligen Nathalie Dorra wunderbare Partnerinnen, mit denen er tanzen, singen, spielen kann. „Das Leben“ jedenfalls kostet er mit Nathalie ganz tief aus, bevor er sich auf eine himmlische „Sternenreise“ macht, die die Arena in samtene Stimmung versetzt. Ein Handyteppich leuchtet den kosmischen Trip aus.

In grünen Socken

Bald danach zieht das Tempo wieder auf Fete an. Im rasanten Medley gibt es „Johnny Controlletti“, „Sonderzug nach Pankow“, vor Onkel Pös Kneipen-Fassade „Alles klar auf der Andrea Doria“ (mit einem Knall regnet es Goldfäden) und in einem Karnevals-Tohuwabohu „Candy Jane“ mit Stelzengängern, Tänzerinnen, Drummer-Solo, Alten am Stock und Jungen als Engel. Udo, der immer mal wieder die Jacke wechselt, mal Kapitän ist, schwarz, blau, rot trägt, steckt im Streifendress, zieht die Schuhe aus und läuft in grünen Socken über die Bühne. Inzwischen liegt der Auftritt von Sebastian Krumbiegel gut zwei Stunden zurück. Er saß am Klavier, als Udo, der 1990 in der alten Messehalle erstmals in Leipzig war (Live-Album), von der „Rock ’n’ Roll-Arena in Jena“ träumte.

Nach „Reeperbahn“ und „Eldorado“ wird es melancholisch: „Good Bye Sailor“ mit Meer, Leuchtturm, Möwen, Akkordeon. Udo geht auf „Odyssee“ – und ein Gewitter mit Sturmwellen, Blitzen, Donner und Tornado bricht auf der Leinwand aus. Draußen, vor der Halle, ist es auch heftig.

Am Dienstag, 25. Juni, tritt Udo Lindenberg um 20 Uhr in der Tui-Arena in Hannover auf. Das Konzert ist bereits ausverkauft.

Von Norbert Wehrstedt

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