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Region Kölner Museum zeigt Fotos von Anja Niedringhaus
Nachrichten Kultur Region Kölner Museum zeigt Fotos von Anja Niedringhaus
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23:34 28.03.2019
Ein Mann betrachtet eine Fotografie von Anja Niedringhaus, die einen Jungen in Afghanistan zeigt, der einen Drachen steigen läßt. Quelle: Foto: Oliver Berg/dpa
 Köln

In einer Vitrine liegt ihre letzte Kamera. Anja Niedringhaus hat mit ihr fotografiert. Auch am 4. April 2014, in der afghanische Provinz Chost. Anja Niedringhaus fotografiert Polizisten, die einen Konvoi bewachen. Dann setzt sie sich in ein Auto zu ihrer Kollegin und Freundin Kathy Gannon von der Nachrichtenagentur AP. Plötzlich tritt ein Polizist auf sie zu und schießt mit seiner Kalaschnikow in den Wagen. Er feuert das ganze Magazin leer. Kathy Gannon überlebt, Anja Niedringhaus stirbt. Auf dem Rücksitz liegt die Kamera mit Einschusslöchern. Jetzt ist sie Teil der Ausstellung „Anja Niedringhaus - Bilderkriegerin“, die von Freitag (29. März) an bis zum 30. Juni im Käthe-Kollwitz-Museum in Köln zu sehen ist.

Muss das eigentlich sein? Muss die zerstörte Kamera ausgestellt werden? Ist das noch Dokumentation? Oder schon ein Gruseleffekt? Wem hilft die Ausstellung der zerschossenen Kamera? Das könnte man sich fragen. Und derartigen Fragen haben sich auch Kriegsreporter zu stellen. Müssen diese Bilder sein? Wem hilft der Anblick von Leichen? Gibt es Gruseleffekte? Wo beginnt der Voyeurismus?

Anja Niedringhaus war eine Kriegsreporterin – und sie hat sich immer wieder mit solchen Fragen auseinandergesetzt. Sie war sich ganz sicher: „Jemand muss das zeigen“. Augenzeugen müssen dabei sein und das Leid der Zivilbevölkerung dokumentieren. Es muss Bilder vom Krieg geben. Und die Frage nach Voyeurismus und Gruseleffekten stellt sich bei ihren Bildern nicht.

Denn Anja Niedringhaus hat oft die Menschen an den Randseiten der Kriege fotografiert. Eines ihrer stärksten Bilder –und sie hat viele starke Bilder gemacht –ist das Bild von dem Jungen auf dem Kettenkarussell in Kabul. Er hält die Spielzeugausgabe eines Maschinengewehrs in der Hand, während er im Kreis herumwirbelt. Es ist, als würde er alles unter ihm niedermähen. Welche Eltern lassen ihr Kind mit einem Plastikmaschinengewehr ins Kettenkarrussell steigen? Und was wird aus dem afghanischen Jungen werden – und aus all den anderen Kindern, die so aufwachsen wie er? Ein anderer Junge, auch in Afghanistan, lässt einen Drachen steigen und scheint dabei selbst in den eisig klaren Himmel zu entschweben.

Anja Niedringhaus stammte aus Höxter. Schon früh weiß sie, dass sie fotografieren will. Sie begann dort, wo Fotojournalisten beginnen sollten: im Lokaljournalismus: zuerst bei der „Neuen Westfälischen“, Lokalredaktion Höxter, dann beim „Göttinger Tageblatt“. 1990 bekommt sie eine Festanstellung bei der European Pressphoto Agency (EPA). Als ein paar Jahre später mitten in Europa Krieg ausbricht, will sie dorthin. In die belagerte Stadt Sarajevo. Unbedingt. Eines Tages - so erzählt es Ausstellungskuratorin Sonya Winterberg - läuft ein kleines Mädchen mit einem Schlitten an ihr vorbei. Anja Niedringhaus wundert sich noch, dass das weiterhin möglich sein soll in der einstigen Olympiastadt. Minuten später liegt das Kind tot auf dem Boden, seine Mutter beugt sich darüber.

„Wenn die das Foto sehen, dann hört das morgen auf, dann ist Sarajevo befreit.“ Dieser naive Glaube sei ihr mit den Jahren verloren gegangen, sagt sie später in einem Fernsehinterview. Aber was ihr nie abhanden gekommen sei, sei die Überzeugung: „Wir haben eine Aufgabe als Journalist, wir haben eine gesellschaftliche Pflicht.“

In eine brennende Welt

2004 erhält Anja Niedringhaus als erste deutsche Fotografin den Pulitzerpreis für das Bild eines amerikanischen Soldaten während der blutigen Schlacht um Falludscha im Irak. Man sieht den Mann nur von hinten - er hat „GI Joe“, eine Spielzeugfigur, auf seinem Rücken. Als Glücksbringer. Die Soldaten erscheinen bei Niedringhaus selbst als Opfer des Krieges. Es sind junge Männer, die aus der amerikanischen Provinz in eine fremde, brennende Welt katapultiert worden sind.

Unter Kollegen - Kolleginnen gibt es so gut wie nicht - ist Anja Niedringhaus bekannt für ihr ansteckendes, lautes Lachen. In ruhigen Momenten erzählt sie von zuhause. Sie lebt bei der Familie ihrer Schwester auf einem Bauernhof. Ihr Rückzugsort. Ihr zweiter Ausgleich ist die Sportfotografie, in Wimbledon, bei Olympia. Eine völlig andere Welt sei das gewesen, sagt Kuratorin Winterberg.

Natürlich ist die Arbeit lebensgefährlich. Im Irak kommen 60 Prozent der US-Einheit, die sie begleitet, ums Leben, einer direkt vor ihr. 2010 läuft sie in Afghanistan mit Soldaten durch eine Gasse, der vorderste tritt mit dem Fuß nach einem Huhn. Sie drückt auf den Auslöser. Sekunden später schlägt eine Granate ein - sie wird durch Splitter schwer verletzt. Das Bild hängt jetzt in der Ausstellung.

„Warum nicht ich?“

Aber sie muss wieder zurück. In die wilde Schönheit Afghanistans hat sie sich regelrecht verliebt, das dokumentieren ihre Bilder, die mitunter wie gemalt wirken. Noch mehr beeindrucken sie die Menschen: „Ich erlebe Wesenszüge, die bei uns fast nicht mehr existieren - Dinge zu teilen etwa, oder grenzenlose Offenheit“, schwärmt sie in einem Interview. „Wie oft habe ich schon bei Familien geschlafen - die kennen mich doch gar nicht.“

Ihre Kollegin Kathy Gannon ist wieder nach Afghanistan zurückgekehrt, um von dort zu berichten. „In schwachen Momenten denke ich: Warum sie, warum nicht ich?“, hat sie einmal in einem Fernsehinterview gesagt. „Aber ehrlich gesagt: Ich habe nie gedacht, wir hätten da nicht hinfahren sollen. Denn Anja hätte es gewollt.“

Bis 30. Juni 2019 im Käthe Kollwitz Museum in Köln.

Von Christoph Driessen und Ronald Meyer-Arlt

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