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Kulturhauptstadt 2025: Kulturszene droht, die Bewerbung nicht weiter zu unterstützen

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00:16 21.06.2019
Der Kulturrat der Stadt bei einem Treffen mit dem ehemaligen Oberbürgermeister Stefan Schostok. Quelle: Christian Burkert
Hannover

Hannovers Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt steht auf der Kippe. Namhafte Vertreter kultureller Institutionen, etwa das Schauspiel Hannover und die Kunstfestspiele Herrenhausen, kritisieren den Finanzplan rund um die Bewerbung und drohen indirekt, ihre Unterstützung zu verweigern. „Wird das Kulturbudget im vorgesehenen Umfang beschlossen, sehen wir die Ernsthaftigkeit und den politischen Rückhalt der Bewerbung Hannovers zur Kulturhauptstadt Europas ernsthaft infrage gestellt“, heißt es in einem offenen Brief der Kulturschaffenden an den Rat der Stadt. Die Ratspolitik bitten sie, den Etat zu erhöhen.

Anlass der Kritik ist eine vor einigen Tagen in Finanz- und Kulturausschuss beschlossene jährliche Steigerung des Kulturetats um 1,5 Prozent. Damit soll dem sogenannten Kulturentwicklungsplan, einer langfristigen Strategie für Hannovers Kultur, ein finanzieller Rahmen gesetzt werden. Das ist den Kulturschaffenden zu wenig. Bereits vergangene Woche hatten Vertreter der freien Kulturszene kritisiert, dass damit faktisch ein Rückgang der Finanzen inkauf genommen werde. Inflationsrate, Instandhaltung von Gebäuden und Personalkosten zehrten den Anstieg auf. Diese Kritik machen sich jetzt auch die Vertreter namhafter Kulturinstitutionen zu eigen.

Ratspolitik verärgert

Ratspolitiker sind nun ihrerseits verärgert, und im Mehrheitsbündnis droht Streit auszubrechen. „Für unsere Bewerbung ist es äußerst kontraproduktiv, dass Kulturschaffende für schlechte Schlagzeilen sorgen“, sagt SPD-Kulturpolitikerin Belgin Zaman. Die Debatte spiele den konkurrierenden Städten in die Karten. Noch deutlicher wird die FDP. „Die Kulturschaffenden reden die Kulturhauptstadt kaputt“, meint Fraktionschef Wilfried Engelke verärgert. SPD und FDP wollen an den Plänen der Kämmerei festhalten. Innerhalb der SPD hatte es jedoch verschiedene Ansichten gegeben, am Ende haben sich die Befürworter eines engeren Finanzkorsetts durchgesetzt.

Die Grünen können die Kritik nachvollziehen und wollen mit ihren Partnern im Mehrheitsbündnis, SPD und FDP, nachverhandeln. „Das Finanzkonzept ist mit der heißen Nadel gestrickt“, sagt Grünen-Kulturpolitiker Daniel Gardemin. Die CDU hat keine Einwände gegen den Plan der Stadt. „Die finanziellen Spielräume der Stadt sind begrenzt“, sagt CDU-Ratsherr Lars Pohl. Klar sei, dass nicht jedes Kulturprojekt plötzlich mit doppelten Finanzen ausgestattet werden könne. Am Donnerstag, 27. Juni, fällt die endgültige Entscheidung über das Budget. Sollte sich der Rat zu keinem Beschluss durchringen, könnte der Zeitplan für die Abgabe der Bewerbungsmappe Ende September kaum noch eingehalten werden.

Der Kulturrat ist ein Expertengremium, das die Stadt zu künstlerischen und kulturellen Inhalten rund um die Bewerbung beraten soll. Er hat 22 Mitglieder aus unterschiedlichen Kulturszenen – darunter auch wichtige Vertreter von großen Institutionen wie dem Schauspiel Hannover, Kunstverein, Musikhochschule, Pavillon, Mädchenchor sowie den Kunstfestspielen Herrenhausen und dem Tanztheater International.

„Kultur steht eindeutig nicht im Fokus“

In der vergangenen Woche hat der Kulturausschuss der Stadt eine jährliche Steigerung des Kulturetats bis 2026 um jährlich 1,5 Prozent beschlossen. Damit habe die Politik zwar gezeigt, dass die Kultur in Hannover weiterhin gefördert werden solle, heißt es nun in dem Schreiben – „aber eindeutig nicht im für eine Kulturhauptstadt erforderlichen Maß im Fokus steht“.

Das ist der Kulturrat

Der Kulturrat ist ein Gremium, das die Stadt im Rahmen der Bewerbung zur Kulturhauptstadt beraten soll. Ihm gehören derzeit 22 Vertreter unterschiedlicher Kulturszenen an, vom soziokulturellen Bereich bis hin zu den etablierten Institutionen. Nicht vertreten sind städtische Angestellte wie die Leiter von Sprengel-Museum oder Historischem Museum. Vorsitzende des Kulturrats ist Magdalena Jackstadt von der Initiative Hannover Voids, die ungenutzte Orte im Stadtraum entwickeln will.

Neben dem Kulturrat arbeiten weitere Gremien unterstützend an der Bewerbung: Das Kuratorium setzt sich aus führenden Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Gewerkschaften, Marketing, Medien und Religion unter Leitung der ehemaligen NDR-Fernsehchefin Marlies Fertmann zusammen. Im Beirat versammeln sich mögliche Multiplikatoren aus unterschiedlichen Bereichen. Schließlich soll es noch Botschafter für die Bewerbung geben. Derzeit ist das ausschließlich der Pianist Igor Levit.

 

Indirekt drohen die Unterzeichner des Schreibens, zu denen Musikhochschul-Präsidentin Susanne Rode-Breymann und die künftige Schauspielintendantin Sonja Anders sowie Ingo Metzmacher, Gudrun Schröfel, Christoph Sure und Christiane Winter gehören, der Bewerbung die Unterstützung zu verweigern. Man stehe hinter der Bewerbung, solange diese „wahrhaftig“ sei. Diese Wahrhaftigkeit sehe man aber durch die Finanzierungspläne gefährdet. Es bestehe eine „erhebliche Gefahr“, die Unterstützung der Kulturszene zu verlieren.

Zeitplan zur Bewerbung gefährdet

Der Kulturrat fordert jetzt klare Aufklärung über die finanziellen Zusammenhänge, die der Kämmerer der Stadt, Axel von der Ohe, bisher nicht gegeben habe. Bei der Ratsversammlung am Donnerstag, 27. Juni, bei der über die Pläne endgültig entschieden wird, solle zudem eine höhere Steigerung des Kulturetats gefordert werden. Außerdem solle die Finanzierung des sogenannten Kulturentwicklungsplans, der die Bewerbung begleiten soll und derzeit noch nicht fertig ausgearbeitet ist, jetzt noch nicht gedeckelt werden.

Sollte bei der Ratsversammlung in der nächsten Woche kein Beschluss gefasst werden, droht der Verwaltung die Zeit davonzulaufen: Im September muss als erste wichtige Bewerbungsunterlage das Bid Book abgegeben werden – ohne einen Beschluss zur den Finanzierungsfragen vor der Sommerpause sei das nicht mehr möglich, hieß es im Vorfeld.

Der Offene Brief im Wortlaut

Offener Brief an die Mitglieder des Rates der Landeshauptstadt Hannover

Sehr geehrte Damen und Herren,

Hannover bewirbt sich für das Jahr 2025 als Kulturhauptstadt Europas.

Wir sind der Kulturrat, ein Expert*innengremium, das sich aus Vertreter*innen der unterschiedlichen Kulturszenen Hannovers zusammensetzt. Unsere Aufgabe ist es, im Kontext der Kulturhauptstadt Bewerbung und des Kulturentwicklungsplans die Verwaltung zu den kulturellen und künstlerischen Inhalten zu beraten.

Vergangene Woche hat der Kulturausschuss das Kulturbudget der Stadt Hannover für die Jahre 2021 bis 2026 beschlossen.

Teil des Beschlusses sind eine jährliche Steigerung des Etats um 1,5%, sowie die Anmerkung, dass die Maßnahmen des noch nicht fertig gestellten Kulturentwicklungsplans (KEP) darin enthalten sein sollen. Weitere Informationen finden sich in der Beschlussvorlage.

Als Kulturrat sprechen wir uns aus folgenden Gründen gegen diesen Beschluss aus:

1. Die Bewerbung als Kulturhauptstadt ist ein Bekenntnis zu Kultur. Der Titel als Kulturhauptstadt Europas ist kein reiner Preis, sondern vielmehr eine Förderung für unsere Stadt. Kulturelle und künstlerische Positionen und Herangehensweisen werden damit zu einem Schwerpunkt des städtischen Diskurses und Handelns. Dazu ist ein Rückhalt über das Kulturbüro hinaus sowie eine angemessene finanzielle Ausstattung des Prozesses dringend erforderlich.

Eine jährliche Steigerung des Kulturetats von 1,5% ist ein deutlicher Rückgang zu der Dynamisierung der vergangenen Jahre (hier geschätzt 4,5%, der Kämmerer Dr. Axel von der Ohe hat in der Sitzung eine präzise Angabe verweigert). Mit dem Beschluss zeigt die Politik sehr deutlich, dass Kultur in Hannover zwar weiterhin gefördert werden soll, aber eindeutig nicht im für eine Kulturhauptstadt erforderlichen Maß im Fokus steht.

Die voraussichtliche Inflation sowie den Anstieg von Gebäudemieten und Personalkostenmit einbezogen, könnte die beschlossene Summe real sogar eine Kürzung des Kulturbudgets bedeuten.

2. Um sich als Kulturhauptstadt zu bewerben, ist ein Kulturentwicklungsplan (KEP) erforderlich. Der KEP der Stadt und Region Hannover ist noch nicht fertiggestellt, sondern befindet sich mitten in der Beteiligungsphase.

Bevor seine Maßnahmen ausgearbeitet sind, das Budget zu bestimmen, und noch dazu ein so geringes, gefährdet die für eine Kulturhauptstadt und die Kulturschaffenden so wichtige Perspektive auf eine Weiterentwicklung der kulturellen und künstlerischen Inhalte.

3. Ein weiterer tragender Bestandteil einer Kulturhauptstadt und des KEP ist eine aktive und arbeitsfähige Kulturszene. Wenn sichtbar wird, dass der politische Rückhalt nicht gegeben ist und die Inhalte nicht umgesetzt werden können, besteht die große Gefahr, die Unterstützung der Kulturszene zu verlieren, die mit großem ehrenamtlichen Einsatz an der Entwicklung des KEP und der Kulturhauptstadtbewerbung arbeitet. Die anwesenden Kulturschaffenden haben beim Kulturausschuss am 12.06.2019 ihre Bedenken geäußert.Wir bitten Sie darum, diese ernst zu nehmen.

Wir als Kulturrat stehen hinter der Bewerbung Hannovers als Kulturhauptstadt Europas 2025, solange diese wahrhaftig ist. Dazu gehört für uns, dem zuständigen Bewerbungsteam und der Kulturszene den notwendigen Spielraum und die Unterstützung zu geben, wirkungsvolle Inhalte, Prozesse und Formate zu entwickeln.

Wird das Kulturbudget im vorgesehenen Umfang beschlossen, sehen wir die Ernsthaftigkeit und den politischen Rückhalt der Bewerbung Hannovers zur Kulturhauptstadt Europas ernsthaft in Frage gestellt.

Daher fordern wir von Ihnen Transparenz und Aufklärung über die konkreten finanziellen Zusammenhänge. Zudem bitten wir Sie, bei der Ratsversammlung am 27.06.2019 eine größere jährliche Steigerung des Kulturbudgets zu fordern und die Finanzierung des KEP von diesem Budget auszunehmen.

Wir stehen Ihnen beratend zur Seite. Nehmen Sie dies bitte ernst.

Mit freundlichen Grüßen,

der Kulturrat

Mitglieder des Kulturrats

Vorsitz: Magdalena Jackstadt (Hannover VOIDS, Gesellschaft für außerordentliche Zusammenarbeit e.V.) und Stefan Becker (Vorsitzender Freunde des Sprengel Museum Hannover e.V .)

Sonja Anders (Intendantin Schauspiel Hannover)

Henning Chadde (Büro für Popkultur, “Macht Worte!” - der hannoversche Poetry Slam, SLAM 2017)

Gunnar Gessner (Musikzentrum Hannover)

Thomas Granseuer (QUINTESSENZ)

Benjamin Grudzinski (Platzprojekt e.V.)

Burkhard Inhülsen (Initiator up-and-coming Int. Film Festival)

Samuel Henne (Freier Künstler)

Dr. Peyman Javaher-Haghighi (Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen e.V. (NeMO))

Lena Kußmann (Künstlerische Leitung Theater an der Glocksee / Sprecherin Freie Theater Hannover)

Joy Lohmann (Street Art Künstler)

Stephan Lohr (Literaturkritiker / langjähriger Leiter der NDR Kultur und Literatur Redaktion)

Ingo Metzmacher (Intendant KunstFestSpiele Herrenhausen)

Wolfgang Pruisken (Vorsitzender CircO Hannover e.V.)

Kathleen Rahn (Direktorin Kunstverein Hannover)

Prof. Dr. Cornelia Rauh (Vorstand Historisches Seminar der Leibniz Universität Hannover)

Prof. Dr. Susanne Rode-Breymann (Präsidentin der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover)

Prof. Dr. Detlef Schmiechen-Ackermann (Direktor Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz Universität Hannover)

Prof. Gudrun Schröfel (Leiterin Mädchenchor Hannover)

Christoph Sure (Geschäftsführer Kulturzentrum Pavillon)

Christiane Winter (Leiterin TANZtheater INTERNATIONAL)

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