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Kunstfestspiele Herrenhausen: Festivalfinale mit dem Hauptwerk von Rebecca Saunders

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00:18 27.05.2019
„Es ist sehr wichtig, dass ein Komponist Musik schreibt, an die er wirklich glaubt“: Rebecca Saunders. Quelle: Ernst-von-Siemens-Stiftung
Hannover

Die britische Komponistin Rebecca Saunders, die an der Musikhochschule Hannover lehrt, erhält in diesem Jahr den Ernst-von-Siemens-Musikpreis. Die mit 250 000 Euro dotierte Auszeichnung wird seit 1974 vergeben und gilt als eine der wichtigsten in der Musikwelt. Bisherige Preisträger waren unter anderem die Komponisten Benjamin Britten und György Ligeti sowie Interpreten wie Herbert von Karajan und Yehudi Menuhin. Saunders ist nach Anne-Sophie Mutter erst die zweite Frau, die geehrt wird. Seit 2012 ist sie Professorin für Komposition in Hannover, derzeit ist sie aus familiären Gründen beurlaubt.

Klänge in der Stille finden

Saunders wurde 1967 in London geboren und lebt seit Jahren in Berlin. Gleich gegenüber ihrer Altbauwohnung im Prenzlauer Berg hat sie einen zusätzlichen Raum als Arbeitszimmer eingerichtet. Die nackten Holzbohlen und die Wände sind weiß gestrichen, links und rechts des großen Schreibtisches hat sie die fertigen Seiten ihrer neuen Komposition an die Wand gepinnt – einem Orchesterstück für 17 Spieler.

Rebecca Saunders beim Joseph-Joachim-Violinwettbewerb in der Musikhochschule Hannover. Quelle: Helge Krückeberg

.Auf dem Boden an der Seite steht ein altes Radio in edlem Holzgehäuse. „Ein wunderschönes Objekt“, sagt die Komponistin. „Ich habe früher damit Radio gehört. Jetzt mag ich den Gedanken, dass wir jederzeit von Radiofrequenzen umgeben sind. Die Luft ist mit Frequenzen gesättigt. Man braucht so ein Gerät, um sie zu isolieren, auszufiltern und anhören zu können.“ So sei es auch beim Schreiben von Musik: „Man enthüllt etwas Verborgenes aus der Stille und rahmt es komponierend ein.“ Ein Musikstück, glaubt Saunders, kann etwas sichtbar machen, was vorher unsichtbar war. Das bedeutet aber nicht, dass der Komponist nur ein Verstärker sei. „Es ist sehr wichtig, dass ein Komponist Musik schreibt, an die er wirklich glaubt. Dass er sich nicht fremde Ausdrucksmöglichkeiten oder Klangsprachen aneignet, sondern sich die harte Arbeit macht, herauszufinden, was er wirklich schreiben muss.“

Ein Vierteljahrhundert für ein Stück

Saunders hat bisher mehr als 60 Werke schreiben müssen, die regelmäßig gespielt werden. Zuletzt hat sie „Hauch“ veröffentlicht, ein Stück für Sologeige, das sie 2018 im Auftrag des hannoverschen Joseph-Joachim-Violinwettbewerbs komponiert hat. Zur Komposition von „Hauch“ wurde Saunders durch eine spezielle Gestik beim Geigen angeregt – ein typischer Vorgang für die Komponistin. „Ich brauche sehr wenig, um eine neue Komposition anzufangen“, sagt sie: „Das kann ein kurzer Klang sein, der mich innehalten lässt. Es kann aber auch der Moment zwischen zwei Klängen sein oder ein Wort aus einem Text, von dem ich denke, dass darin ein faszinierendes Potenzial steckt, das ich mit meiner Musik untersuchen möchte.“

Rebecca Saunders in ihrem Arbeitszimmer. Quelle: Ernst-von-Siemens-Stiftung

Von der Inspiration bis zum fertigen Stück kann es allerdings eine Weile dauern. „Ich habe fast 25 Jahre gebraucht, um etwas für Sopranstimme zu schreiben – ein Vierteljahrhundert, um einen Text zu vertonen“, sagt sie über ihr 2017 uraufgeführtes Stück „Yes“, für das sie den Monolog der Molly Bloom aus „Ulysses“ von James Joyce zur Grundlage genommen hat. Am Sonntag ist „Yes“, das als Hauptwerk der Komponistin gilt, zum Abschluss der Kunstfestspiele Herrenhausen als räumliche Performance in der Galerie zu erleben.

Das Ende im Blick

So viel Zeit zum Komponieren wie bei „Yes“ will sich sich Saunders nun aber nicht mehr nehmen. „Ich bin in ein Alter gekommen, in dem ich spüre, dass ich sterblich bin“, sagt die 51-Jährige. „Mir ist bewusst, dass ich nicht unendlich viele Werke schreiben kann.“ Darum möchte sie keine Zeit mehr verschwenden. „Mit jedem Stück gehe ich ein Risiko ein“, sagt Saunders. „Ich stehe vor eine Leere. Wenn ich vorher weiß, wohin das führt, fange ich nicht mal an.“

Das gilt auch für das neue Orchesterstück an der Wand in ihrem Arbeitszimmer: Bislang hat sie sieben Minuten und zehn Sekunden Musik zu Papier gebracht – noch nicht genug für die Uraufführung. „Es fehlen noch 15 oder 20 Seiten“, schätzt die Komponisten und wirkt dabei ganz unbesorgt: Um diese Leere zu überwinden, braucht sie wohl keine 25 Jahre mehr.

Rebecca Saunders Stück „Yes“ ist am 26. Mai, 19.30 Uhr, mit dem Ensemble Musikfabrik unter Leitung von Enno Poppe und der Sopranistin Juliet Fraser bei den Kunstfestspielen in der Galerie zu hören.

Von Stefan Arndt

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