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Kunstfestspiele Herrenhausen: Forced Entertainment spielt Shakespeare auf dem Tisch

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00:18 14.05.2019
Hier werden Geschichten aufgetischt: „Complete Works: Table Top Shakespeare“ bei den Kunstfestspielen Herrenhausen. Quelle: Hugo Glendinning
Hannover

Ladegeräte und Batterien, Lederpflegemittel und Rohrreiniger, Zahnpastatuben, Deos, Rostlöser, Schrauben, Nägel, Farbtöpfe, Marmeladengläser und Taschenlampen, das sind hier Könige und Krieger, Verliebte und Hassende, Rasende und Clowns. Es sind die Helden aus Shakespeares Dramen, gespielt von der britischen Theatergruppe „Forced Entertainment“. Die Mitspieler der Theatergruppe aus Sheffield (bereits 1984 gegründet) wurden immer wieder gefragt, warum sie denn nicht mal etwas aus dem großen Fundus des britischen Theatermagiers auf die Bühne bringen würden. Vielleicht war es Trotz, vielleicht war es Übermut: Jedenfalls haben Tim Etchells und seine Mitspieler beschlossen, gleich das gesamte dramatische Werk Shakespeares auf die Bühne zu bringen. Die wiederum ist eher kein: gespielt wird auf einer Tischplatte, jeweils ein Erzähler bringt an dem Tisch sitzend jeweils ein Werk (kondensiert auf eine Spieldauer von jeweils knapp einer Stunde) zur Aufführung.

Farce Entertainment

Complete Works: Table Top Shakespeare

Sonntag, 12. Mai:

15 Uhr: „Julius Caesar“, 16 Uhr: „König Johann“, 17 Uhr: „Troilus und Cressida“, 18 Uhr: „Hamlet“.

Montag, 13. Mai:

18 Uhr: „Der Kaufmann von Venedig“, 19 Uhr: „Richard II.“, 20 Uhr: „Verlorene Liebesmüh“, 21 Uhr: „Macbeth“

Dienstag, 14.Mai:

18 Uhr: „Viel Lärm um nichts“, 19 Uhr: „Henry IV.“, Teil 1, 20 Uhr: „Henry IV., Teil 2“, 21 Uhr: „Die lustigen Weiber von Windsor“.

Mittwoch, 15. Mai:

18 Uhr: „Othello“, 19 Uhr: „Henry V.“, 20 Uhr: „Cymbeline,“ 21 Uhr: „Was ihr wollt“.

Donnerstag, 16. Mai:

18 Uhr: „Die Komödie der Irrungen“, 19 Uhr: „Henry VI.“, Teil 1, 20 Uhr: „Das Wintermärchen“, 21 Uhr: „König Lear“

Freitag, 17.Mai:

18 Uhr: „Zwei Herren aus Verona“, 19 Uhr: „Henry VI.“, Teil 2, 20 Uhr: „Maß für Maß“, 21 Uhr: „Wie es euch gefällt“

Sonnabend, 18. Mai:

18 Uhr: „Der Widerspenstigen Zähmung“, 19 Uhr: „Henry VI.“, Teil 3, 20 Uhr: „Ein Sommernachtstraum“, 21 Uhr: „Titus Andronicus

Sonntag 19. Mai:

15 Uhr: „Perikles“, 16 Uhr: „Richard III.“, 17 Uhr: „Timon von Athen“, 18 Uhr: „Der Sturm“

So können 36 Shakespeare-Dramen in neun Tagen abgespielt werden. Am besten geht das im Rahmen eines Kunstfestivals. Die Kunstfestspiele Herrenhausen haben „Complete Works: The Table Top Shakespeare“ nun nach Hannover eingeladen. Gespielt wird das kleine Welttheater allerdings nicht in Herrenhausen, sondern im Kulturzentrum Faust – ein schönes Zeugnis für die Öffnung der Festspiele unter Intendant Ingo Metzmacher.

Das Ensemble in der Garderobe. Quelle: Ronald Meyer-Arlt

An jedem Aufführungstag stehen vier Shakespeare-Dramen auf dem Spielplan, den Anfang zur Eröffnung der Festspiele machten „Antonius und Cleopatra“, „Ende gut, alles gut“, „Coriolanus“ und „Romeo und Julia“. Immer nur ein Erzähler oder eine Erzählerin und immer kleines Materialtheater: Gläser und Tuben, Taschenlampen und Flaschen, Kelche und Schwämme werden herumgeschoben und illustrieren die Geschichte. Manchmal wirkt die Wahl der Objekte zufällig, manchmal zwingend: Bei „Romeo und Julia“ waren die die Gegenstände, die die Capulets darstellten, alle in Grün gehalten, die der verfeindeten Familie Montague waren rötlich. Und der Pater, der Julia das Gift verabreicht, mit dem sie sich schlafend stellen soll, war eine dicke weiße Kerze.

Wie das bei Shakespeare so ist: Hier sind immer wieder Theaterwundermomente möglich, aber es gibt auch die Mühen der Ebene. Große Momente gab es immer, wenn das Gesicht der Erzählerin und auch das Publikum mitspielt, wenn das Theater also nicht nur auf dem Tisch, sondern auch in der Mimik des Erzählers stattfindet – und das Publikum vor Ergriffenheit erstarrt, wenn Julia (das grünliche Marmeladenglas) und Romeo (die rote Taschenlampe) tot in der Gruft (schräg angeordnet auf der Tischplatte) liegen. Wenn dagegen bei „Antonius und Cleopatra“ der nächste Bote auftritt und erzählt, was im fernen Rom passiert, dann können die Gedanken schon mal von den Gläsern und Gewürzstreuern auf dem Spieltisch wegwandern. Aber schlimm ist das nicht, dann wird aus dem Tischtheater eben Kopfkino.

Vergeistigt: Das Ensemble von Shakespeares "Sommernachtstraum". Quelle: Ronald Meyer-Arlt

Shakespeare auf dem Tisch hat manchmal vielleicht mit einem Niedlichkeitsproblem zu kämpfen: Ach, guck, der kleine Nagel da ist das Volk, das dem großen Kelch Coriolanus die Anerkennung versagt. Wie mutig, wie süß. Aber eigentlich ist das gar kein Problem. So etwas kann schließlich auch auf der große Bühne passieren.

Von Ronald Meyer-Arlt

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