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Nachrichten Kultur Region Landesmuseum zeigt Ausstellung über die Geschichte der „Saxones“
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00:19 07.04.2019
Germanischer Anführer aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert – in einem Gemälde von Kelvin Wilson. Quelle: Kelvin Wilson
Hannover

Die einen glauben, die Sachsen stammten von den Dänen und Normannen ab, andere aber deren Herkunft von den Griechen annehmen“, notiert der Geschichtsschreiber Widukind von Corvey und fügt hinzu: „Im übrigen besteht kein Zweifel, dass es ein alter und edler Stamm gewesen ist.“

Eine eigentlich erstaunliche Gewissheit, die der Verfasser dieser Zeilen, da an den Tag legt, hat er doch ein paar Zeilen vorher eingeräumt, dass sein Text „fast ausschließlich der Sage“ entstamme – was den Mönch nicht davon abhält, seinen Text „Res gestae Saxonicae“, also Tatenbericht der Sachsen zu überschreiben.

Tausendjährige Brückenschläge

Das im Benediktinerkloster Corvey entstandene Werk ist gleich in mehrerer Hinsicht bedeutsam, wenn es um Deutung und Bedeutung der Sachsen geht. Denn es ist ein frühes Zeugnis von der Fragwürdigkeit historischer Überlieferung, es ist um 970 abgefasst und damit wohl die erste schriftliche Quelle zu diesem Thema. Kein Wunder, dass die Schrift auch eine zentrale Rolle in der neuen Ausstellung „Saxones“ des Landesmuseums Hannover spielt, dessen Direktorin Katja Lembke bei der Präsentation der großen Landesausstellung von einer „Dokumentation spannender Entdeckungen“ schwärmt.

Von Widukinds Schrift aus schlägt die Ausstellung eine Brücke in die Vorgeschichte dessen, was im ersten Jahrtausend alles unter „den“ Saxones oder Sachsen verstanden wurde. Und von dort aus unternimmt die Ausstellung noch einen weiteren tausendjährigen Brückenschlag ins 19. Jahrhundert, als der Kult um die Sachsen wiederum als neues Identitätsangebot für die „verspätete“ deutsche Nation genutzt wurde – und, unter den Nationalsozialisten, ideologisch stimmige, doch wissenschaftlich unhaltbare Stammes- und Siedlungsgeschichten kultiviert wurden.

„Eine echte Premiere“

„Hier zerlegen wir diese Narrative“, sagt Babette Ludovici, die die Ausstellung eingerichtet hat. Statt solcher überkommene Erzählungen biete man aufgrund jüngerer Forschungsergebnisse eine neue, historisch-kritische Geschichte der Sachsen an. „Das ist eine echte Premiere“, fügt die Archäologin und Kuratorin des diese Historienschau mitveranstaltenden Braunschweigischen Landesmuseums hinzu. „Diese Geschichte lässt sich noch nirgends nachlesen – aber in der Ausstellung erleben.“

Ein neuer Narrativ? Es sind wohl gleich mehrere, schon allein weil es im ersten nachchristlichen Jahrtausend auf dem Gebiet von Teilen des heutigen Westfalen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Sachsen kaum eine einheitliche Bevölkerung, wohl aber wechselnde Wanderungsbewegungen, Herrschafts- und Stammesgrenzen gab. Anhand von mehr als 850 Exponaten – Schriftstücken, Waffen, Münzen und Alltagsgegenständen sowie Fundstücken aus Ausgrabungen und Grabstätten - , greift die Ausstellung bis in die Spätzeit des Römischen Reiches zurück. Zunächst stand da das Wort „Saxones“ für „Messermänner“, wie die Piraten und Freischärler bezeichnet wurden, die sich der Pax Romana nicht beugen wollten – es war also eher eine Beschimpfung als eine Bezeichnung. „Erst nach dem Sieg Karls des Großen über die ,Saxones‘“, sagt Ludovici, „übernahmen diese auch selbst diesen Namen für sich.“ Die Vorstellung von „den“ Sachsen ist offenbar ein Mythos, der jetzt mutiert, der sich unter dem Einfluss historisch-kritischer Forschung zu einem differenzierteren Bild wandelt.

Gegen dumpfe Diskurse

Heike Pöppelmann, die Direktorin des Braunschweigischen Landesmuseums, das die Schau ab Herbst zeigt, spricht denn auch von einem „Lehrstück“ zur Entwicklung von Identitäten und zur Geschichte Europas. Markus Hilgert von der Kulturstiftung der Länder, die die Ausstellung ebenso wie die Stiftung Niedersachsen und weitere Institutionen fördert, lobt die „Dekonstruktion“ eines „dumpf deutschtümelnden“ Sachsen-Diskurses. Und beide heben die internationale Dimension der Schau hervor: „Die Genese Europas geht bis weit ins Mittelalter zurück“, erinnert Pöppelmann. Und Hilgert hebt hervor, dass zumindest den Eliten jener Epoche diese Internationalität bereits bewusst war. Das illustrieren in der Ausstellung zahlreiche Landkarten, die wichtige Achsen, Treffpunkte und Kreuzwege hervorheben. Davon zeugen in der Ausstellung beispielsweise die Artefakte aus der Grabstätte von Hiddestorf, an dem der Rhein und Elbe verbindende Hellweg vorbeiführte. Grabbeigaben wie Schwert, Kamm und Schmuck zeugen vom Reichtum der hier vor anderthalb Jahrtausenden bestatteten Krieger.

Orientierung und das Lebensgefühl jener Zeit vermitteln überdies beispielhaft einzelne Lebensgeschichten wie eben die des Widukind von Corvey. Die großformatigen Historienmalereien des Künstlers Kelvin Wilson bieten dazu sinnliche Eindrücke der damaligen Lebenswelten. Und wer trotz der Materialflut dieser Ausstellung noch mehr wissen will, kann im opulenten, reich bebilderten Katalog (Theiss-Verlag, 378 Seiten, 28 Euro) weiter stöbern.

Saxones. Eine neue Geschichte der alten Sachsen“: 5. April bis 18. August im Landesmuseum Hannover, Willy-Brandt-Allee 5, und vom 21. September bis zum 2. Februar 2020 im Braunschweigischen Landesmuseum, Burgplatz 1 in Braunschweig.

Von Daniel Alexander Schacht

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