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12:42 16.04.2019
Ann Cotten Quelle: IngeZimmermann
Hannover

Ann Cotten ist erwachsen geworden“ heißt es in der Ankündigung für Ihren Roman „Lyophilia“. Fühlen Sie sich jetzt erwachsen?

Ann Cotten ist 1982 im US-amerikanischen Iowa geboren und in Wien aufgewachsen. 2007 debütierte sie mit dem Lyrikband „Fremdwörtersonette“. Seitdem hat sie mehrere Bände mit Gedichten, Erzählungen und Essays veröffentlicht. Cotten ist vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Klopstock-und dem Hugo-Ball-Preis. Am Donnerstag, 18. April, stellt sie um 19.30 Uhr im hannoverschen Literaturhaus, Sophienstr. 2, ihren Roman „Lyophilia“ (Suhrkamp, 463 Seiten, 24 Euro) vor. HAZ-Redakteurin Jutta Rinas moderiert den Abend.

Es ist nur ein blöder Gag: Damit man mich erwachsen erleben kann, muss man in die Zukunft reisen. Aber es stimmt schon, einige der Figuren versuchen sich mit verschiedenen Tricks der Idee anzunähern. Wenn man Kinder kriegt oder in einen intellektuell angemessenen Vollzeitberuf einsteigt, passiert es vielleicht irgendwie von selbst, indem man sich sachlich um etwas kümmert. Aber bei etwas so Schlüpfrigen wie künstlerischen Berufen, zu denen man ein ironisches Verhältnis hat, aber auch bei idiotischen Arbeitsstellen kann man, auch mithilfe von Medien- und Drogenkonsum, in einem infantilen oder adoleszenten Stadium verharren, wie der Grottenolm, der Protagonist des Buches.

„Lyophilia“ ist ein komplexes, überbordendes Buch, in dem Menschen in einem Paralleluniversum landen, in Bayern ein Atomkraftwerk explodiert und Figuren sich verlieben. Was stand am Anfang des Schreibens?

Komischerweise bekam ich Lust auf mimetische Prosa. Ich hing mehr mit Musikerinnen ab und begriff, dass gute Musik/Literatur nicht nur durch Konzepte und Selbstkritik entsteht, sondern auch durch Praxis, dass man wie Rilke über Dichtung sagt „rühmt, rühmt, rühmt”.

Der Roman spielt an unterschiedlichen Orten – Wien, Berlin, ein Planet namens „Amore (Kafun)“. Immer wieder tauchen auch die Höhlen von Postojna in Slowenien auf, eine atemberaubende Tropfsteinwelt. Was bedeuten Ihnen diese Höhlen?

Ich war glückliche Teilnehmerin eines Dichtertandem-Übersetzungsaufenthalts in Slowenien. Es beeindruckten mich die Kollegen und Kolleginnen und die ganze Ljubljanaer Szene, die Höhle ist dafür nur eine Art Eingangsportal. Es verblüfft mich immer wieder, wie stark der Eiserne Vorhang trennte. Es ist wirklich wie eine Parallelwelt, immer noch, obwohl viele Kundige mittlerweile beide Seiten kennen. Die Osmose ist einseitig aufgrund der ökonomischen Differenz, die auch sorgfältig gepflegt wird. So ein Spagat zwischen zwei Welten ist für viele einfach ihr Leben, prekär, traumatisch, poetisch, pikant, während in ihrem Stumpfsinn manche Eingeborene auf der Westseite immer noch „Ausländer“ oder „Gastarbeiter” wahrnehmen. Für mich ist am Nachdenken über die Zukunft ein wichtiger Aspekt, dass man aus ihr nicht mehr zurück kann.

Als lyophil bezeichnet man in der Chemie eine Substanz, die leicht löslich ist. Haben sich für Ihre Figuren Gewissheiten und – auch sexuelle – Zuordnungen aufgelöst?

Die Bedeutung des titelgebenden Neologismus’ ist diffus: Die Figuren lieben die Auflösung, ja, spiegeln sich in Verschiedenem, sind mehr Prismen als Identitäten – wie wir alle, nicht wahr. Sie möchten sich verlieren, und erkennen sich im Fremden wieder. Allerdings behandeln die Erzählungen gerade das Problematische daran, versuchen es in Terminologien jenseits veralteter, konservativer Moralisiererei zu fassen. Es heißt jetzt, jeder könne die Lebensform wählen, die ihm oder ihr passt – aber gerade das ist eben nicht einfach. Was ist Erwachsensein, wenn man die Familie überwunden hat, aber nun auch den Sozialismus? Freundschaft schaut dann plötzlich aus wie eine helle Laterne gegenüber einem kalten, dunklen Kosmos.  

Ihr Roman spielt in verschiedenen Universen, es geschehen zum Teil aberwitzige Dinge. Lässt sich die Welt in ihrer Komplexität für Sie nicht mehr realistisch erzählen?

Ich habe noch nie an Realismus geglaubt. Die sprachliche Darstellung von Wirklichkeit ist immer eine offene Frage. Mit etablierten Klischees herumzuwerfen hilft da wenig.

Es finden sich in „Lyophilia“ zahlreiche Verweise auf Literaten wie Robert Louis Stevenson, Laurence Sterne und H. G. Wells, und auf dem Planeten „Amore (Kafun)“ gründen Figuren einen Literaturclub. Bietet letztlich doch nur die Literatur so etwas wie Halt?

Ich suche nicht Halt. Ich verehre viele Autoren. Und ich gebrauche ihre Ideen – versuchend, es so zu machen, dass sie auch Vergnügen an diesen Versuchen in der Zukunft hätten.

Von Martina Sulner

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