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Region Fliegen mit der Deutschen Bahn: Albrecht Selge liest im Literaturhaus seine Bahngeschichte
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„LiteraTour Nord“: Schriftsteller Albrecht Selge stellt im im Literaturhaus Hannover seinen Roman „Fliegen“ vor

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19:29 29.11.2019
Der Schriftsteller Albrecht Selge. Quelle: Sven Meissner
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Hannover

Das Wort „fliegen“ für irgendetwas von dem zu verwenden, was die Deutsche Bahn zur Zeit so macht, scheint mindestens verwegen. Aber das ist es, was Albrecht Selge in seinem aktuellen Roman tut, den er im Rahmen der Literatur Nord im Literaturhaus vorstellte. Der Roman heißt sogar „Fliegen“: Für seine namenlose Protagonistin, erklärt der Autor, fühlt es sich genauso an, wenn sie in einen ICE steigt und darin ein paar Meter über dem Boden durch die Landschaft schießt. Und das passiert oft: Sie verliert ihre Wohnung, das Einzige, was ihr bleibt, ist eine Bahncard 100 und so beschließt sie, einfach im Zug zu leben, immer unterwegs, niemals ankommen. Das Einzige, was sie dabei bei sich trägt, ist ein Buch mit Lyrik aus der Romantik.

Eine Art „mystische Reise“

„Sie ist eine entfernte Verwandte der Eremitin“, sagt Selge, es sei eine Art „mystische Reise“. Drei Passagen aus „Fliegen“ liest der Autor im Literaturhaus vor. Es geht ums Ein- und Aussteigen, um die Beobachtung von Vögeln aus dem Zugfenster und Menschen im Inneren des Zuges, es geht um weit entfernte Erinnerungen an das Leben vor dem Zug, die die Protagonistin immer mal wieder heimsuchen.

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Das Buch spielt zwischen 2016 und 2017, und in Zügen verdichtet sich eben auch Gesellschaft: „Sie nimmt“, sagt Selge über seine Protagonistin, „eine gesteigerte Aggressivität im Land wahr.“ Dennoch will er „Fliegen“ nicht als politisches Buch verstanden wissen: Seine Protagonistin ist keine Analystin, niemand, der Beobachtungen systematisiert. Eher rauscht alles an ihr vorbei, Verknüpfungen entstehen zufällig. „Es sind ganz klassische Seelenlandschaften, die sie entdeckt“, springt Moderator Wilfried Köpke, Professor für Journalistik, hilfreich mit Interpretationsansätzen bei.

Betrunken im Fiat Panda

„Fliegen“ ist Selges drittes Buch – im ersten, „Wach“ geht es um einen Menschen, der nachts durch seine Großstadt streunt, die entfernt an Berlin erinnert. Im zweiten, „Die trunkene Fahrt“, um eine Männergruppe, die in einem Fiat Panda durch Südtirol fährt und dabei immer betrunkener wird. Und nun eben die romantische Reisende als unermüdliche Bahnfahrerin durch Seelenlandschaften.

Selge tritt auf der Veranstaltung eher als Architekt, als Ingenieur seiner Bücher denn als verwolkter Künstler auf – auch wenn Köpke immer wieder versucht, Selge in Richtung zauberischer Romantik zu drängen, antwortet der, sein Buch sie mit der Romantik allenfalls entfernt verwandt, er freue sich aber, wenn es eine solche Wirkung hätte. Wenn Köpke etwas über die Sprache des Buches erfahren möchte, meint Selge: „Die Sprache sollte fließen eine Zugfahrt, manchmal dann eben auch mit verpassten Anschlüssen, und oft geht es ganz anders weiter als gedacht.“

Fliegen mit der Bahn: In der letzten Passage liest Selge noch einen langen Satz vor, in dem die Protagonistin tatsächlich fliegt, oder es sich einbildet, ihre Seele weit die Flügel ausspannt wie bei Eichendorff: „... fast, als flöge sie nach Haus“, endet dieser Satz. Sänk ju for träwelling wis Deutsche Bahn.

Nächste Lesung bei der „LiteraTour Nord“ in Hannover: Am Donnerstag, 12. Dezember, ist Karen Köhler um 19.30 Uhr im Literaturhaus zu Gast.

Von Jan Fischer

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